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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Gute

Geister

entfesseln



Der Sturm am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Bewertung:    



Wer Fesseln löst, setzt oftmals gute Geister frei. William Shakespeares The Tempest begeistert mit magischen Elementen, überraschenden Zufällen, einer ausgeklügelten Rachegeschichte und einer zentralen Romanze bis heute. Namhafte Künstler erzählen sein letztes Stück weiter. Katie Mitchell zeigte vor kurzem an der Oper Köln eine bemerkenswerte Fortsetzung des Dramas als Semi-Opera mit Renaissance-Musik von Henry Purcell. Nach einem Libretto von Cordelia Lynn wurde die Geschichte unter dem Titel Miranda mit einer neuen Aufwertung der bisher wenig selbstbestimmt agierenden Frauenfigur Miranda feministisch gedeutet. Auch Margaret Atwood setzte neue Akzente in ihrem 2016 veröffentlichten Roman Hexensaat, zu dem sie Shakespeares Drama inspirierte.

Das Theater Bonn zeigte das Drama zuletzt vor etwa fünf Jahren in einer recht uninspirierten Umsetzung von Gavin Quinn. Umso erfreulicher ist es, dass Shakespeares Der Sturm in der neuen Bearbeitung vom Bonner Schauspieldirektor Jens Groß als Familienstück hervorragend funktioniert. Shakespeares romantische Komödie wird dynamisch-pointiert choreographiert. Ausgefallene Bühnenbilder und Kostüme schaffen auch für jüngeres Publikum höchst eindrückliche Bilder.

Christoph Gummert gibt als agiler Luftgeist Ariel mit langem elfenhaften Haar eine köstliche Vorstellung, wenn er zu Beginn flink über die Treppen der Zuschauertribüne sprintet. Als einführender Erzähler schluckt er mimisch und gestisch sichtlich lustvoll nach Luft. Doch auch gesanglich führt er charmant in die Handlung ein. Ariel ist auf einer abgelegenen Insel der Diener von Prospero (Cornelius Schwalm), einem unrechtmäßig abgesetzten und vertriebenen Fürsten. Prospero hat die Macht, andere durch den Einsatz von Magie für seine Zwecke an sich binden zu können. Nicht nur Ariel, der später auf der Insel gestrandete Schiffbrüchige frech in die Irre führt, wird gegenüber Prospero unterwürfig und kleinlaut. Auch der herbe fluchende Knecht Caliban (Annika Schilling), Sprössling der Hexe Sycorax, fürchtet seinen Herrn Prospero wie sonst nichts auf der unwirtlichen Meeresinsel. Annika Schilling mimt Caliban herrlich komisch, ungepflegt mit zerrissenen Klamotten und krankhaften Ticks, sich leidenschaftlich an einer Fessel windend.

Zahlreiche weitere sympathische Nebenfiguren bevölkern das Geschehen, wie der betrunkene Spaßmacher Trinculo (Jonas Schlagowsky) oder Miranda (Lena Geyer), die Tochter Prosperos, die noch nicht viel von der Welt gesehen hat. Miranda wirft alsbald ein Auge auf den athletischen, vor Ort gestrandeten Prinzen Ferdinand (Alois Reinhardt). Das ist ganz im Sinne Prosperos, der durch Zauberei das Schiffsunglück motivierte. Er hat mit einigen Schiffbrüchigen – unter ihnen auch die Königin von Neapel (Lydia Stäubli) und der unrechtmäßige Herzog von Mailand (Bernd Braun) – noch eine Rechnung offen.

Jan Neumann inszeniert das Familienstück mit liebevoll überzeichneten Figuren und detailreich-ausgefallenen Bildern. Gegen Ende erinnert die Bühne an ein aufgeschlagenes Buch mit zahlreichen blühenden Ingredienzien. Auch prachtvolle Requisiten wie eine herabsinkende Mondkugel und sehenswerte Kostüme, die in einer Szene sogar ein bisschen an das Triadische Ballett von Oskar Schlemmer erinnern, bieten Schauwerte. Ein rundum gelungenes Vergnügen voller Situationskomik und Slapstick, das gegen Ende - wohl für das jüngere Publikum - in einem leicht übertrieben pädagogischen Monolog Prosperos zu Schattenseiten angemaßter Macht gipfelt.



Der Sturm am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Ansgar Skoda - 28. November 2022
ID 13936
DER STURM (Schauspielhaus Bad Godesberg, 25.11.2022)
Regie: Jan Neumann
Musik: Johannes Winde
Bühne: Matthias Werner
Kostüme: Nini von Selzam
Dramaturgie: Carmen Wolfram
Besetzung:
Alonsa ... Lydia Stäubli
Ferdinand ... Alois Reinhardt
Prospero ... Cornelius Schwalm
Miranda ... Lena Geyer
Antonio ... Bernd Braun
Caliban ... Annika Schilling
Trinculo ... Jonas Schlagowsky
Ariel ... Christoph Gummert
Premiere am Theater Bonn: 25. November 2022
Weitere Termine: 4., 5., 6., 11., 12., 13., 18., 19., 20., 26. 12. 2022// 8. 1. 2023


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de


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