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Der Steppenwolf am Deutschen Theater Berlin | Foto (C) Arno Declair

Bewertung:    



Es scheint immer noch recht groß, das Interesse an Hermann Hesse und insbesondere an seinem wohl bekanntesten, 1927 erschienen Roman Der Steppenwolf. Sein Protagonist Harry Haller, der mit Hesse sicher nicht nur die Initialen gemein hat und als Intellektueller in der Midlifecrisis nicht von ungefähr an Goethes Faust erinnert, ist zwar ein älterer unzufriedener Herr mit leichtem Weltschmerz und einsamer Hasser der kleinbürgerlichen Welt, der ernsthaft darüber nachdenkt, beim Rasieren einfach mal zu verunglücken, und dennoch hat er ganze Generationen von Jugendlichen nicht nur in der Flower-Power-Ära inspiriert. Hoffentlich nicht nur zu letzterem.

Den intellektuellen „Verächter der Menschenwelt mit ihrer Kultur, die einem mit ihrem verlogenen und gemeinen, blechernen Jahrmarktsglanz auf Schritt und Tritt wie ein Brechmittel entgegen grinst“, verortet der Schriftsteller und Dramatiker Thomas Melle heute beturnschuht und TV-Morgenmagazin schauend in einer Altbauwohnung mit Stuck und Parkett. Die Nachrichten von „dieser zerstörten und von Aktiengesellschaften ausgesogenen Erde“ lauten: „wieder ein Krieg, noch eine Diktatur, weitere besonders krasse Schweinereien in Politik und Wirtschaft“. Und wie der einsame „Steppenwolf“ Harry Haller in einer „Schwellenzeit“ zwischen zwei Weltkriegen lebt, so sieht Melle unsere Gesellschaft „nach einer langen, kriegslosen und wohlstandsgeprägten Phase, derzeit an einem Wendepunkt.“ Von Zeitenwende spricht die Politik ja momentan auch fast schon inflationär.

Gemeinsam mit der Theaterregisseurin Lilja Rupprecht, die 2019 bereits Thomas Melles Stück Ode für das Deutsche Theater uraufführte, hat der Autor nun Hesses Kultroman neu bearbeitet, ihn also versucht, gegenwartstauglich zu machen. Melle diagnostiziert im Programmheft u.a. eine Verschärfung im Ton und Umgang. Neid und Wut an allen Fronten. Er beklagt das Schwinden der bürgerlichen Mitte, die zwischen den Extremen zerrieben wird. Solche Extreme zerreißen auch Harry Haller. Einerseits bürgerlich angepasster Geistesmensch, Klassik- und Goetheliebhaber, andererseits sozial vereinsamter und wütender Kulturkritiker. Mit Bipolarität kennt sich Melle aus. In Die Welt im Rücken hat er seine eigene Krankheit beschrieben. Hesses Harry ist aber nicht nur eine bipolare Person, sondern „schwingt zwischen tausenden, zwischen unzählbaren Polpaaren“.

Das scheint ein bisschen viel auf einmal. Und so tastet sich auch erstmal nur Manuel Harder an den zwischen Originalton und modernem Melle-Text switchenden Harry, begleitet von einem Chor der anderen MitstreiterInnen. Während Harder zumeist den abgeklärten Zyniker und Kulturpessimisten gibt, kommt dann Elias Arens die verzweifelt suchende Seite Harrys zu. Hier kommt auch das sogenannte „Magische Theater“ ins Spiel, von dem Harry im „Traktat vom Steppenwolf“ liest. „Eintritt nur für Verrückte“, wie es bei Hesse heißt und hier immer wieder von Jonas Sippel, wie Juliana Götze vom Ensemble des inklusiven Berliner Theater Ramba Zamba, gerufen wird. Sippel spielt auch den Saxofonisten Pablo, mit dem sich Harry über den Wert von Klassik- und Jazzmusik unterhält. Als Professorenpaar treffen Sippel du Götze dann in Ernie-und Bert-Kostümen auf den über ein in deren Wohnung hängendes Goethebild völlig konsternierten Harry. Die etwas aus dem Ruder laufende Abendgesellschaft beim völkisch biederen Professor als Besuch in der Sesamstraße.

Der Goethe wird groß als Videoprojektion auf die hohen Holzwände des durchaus bemerkenswerten Bühnenbilds von Christina Schmitt projiziert. Ein sich wie bei Alexander Denic beständig drehendes, bühnenfüllendes Gebilde aus Holzgerüsten und einem kleinen Kiosk mit Metalltischen und Stühlen davor, der das Lokal „Zum Schwarzen Adler“ darstellt. Hier lernen die beiden Harrys auch die Prostituierte Hermine kennen. Katrin Wichmann gibt sie betont fröhlich aufgekratzt, wie sie dem vergeistigten Harry abkanzelt und ihm schließlich doch das Tanzen lehrt und mit ihrer Freundin Maria (Juliana Götze) zusammenbringt. An Sketschszenen ist die wuselige Inszenierung von Lilja Rupprecht wahrlich nicht arm. Helmut Mooshammer und Natali Seelig glänzen noch als sich über Jazz streitendes deutsches Touristenpaar mit peinlichem Schuldkomplex in Israel. Vom Jazzer zum Jizzer.

Ins Magische Theater müssen die Harrys dann aber auch noch. Das ist bei Melle ein wummernder Technoladen aus den 90ern, durch den er seinen Harry im besten Drogenrausch fantasieren lässt. Die Hölle ist hier ein flotter Rave. „Flowerpower aber hot.“ Doch auch das ist ja nur eine schöne Scheinwelt. Aber immerhin ein sehr körperliche. Den Sound dazu liefert mal an den Turntables, mal an der Gitarre oder am Klavier Philipp Rohmer. Auf der Bühne gibt es noch eine Polonaise mit Wolfsmasken, viel auf die Wände projizierte Livebilder und sogar einen echten PKW zu sehen.

„Jeder höhere Humor fängt damit an, dass man die eigene Persönlichkeit nicht mehr ernst nimmt.“ Der nötige Humor, an dem es Harry fehlt, um über sich selbst lachen zu können, versucht die Inszenierung mit viel Ironie zu erzeugen, dass man manchmal glaubt, sie nehme sich selbst nicht ganz ernst dabei, wie man vermutlich den Harry mit seinem recht männlichen Weltschmerz heute auch nicht mehr wirklich ernst nehmen kann. „Meine Fresse, Hesse.“ haucht da Juliana Götze mit viel Hall und Katrin Wichmanns Hermine liest dem Harry ordentlich die Leviten. „Auf zum fröhlichen Jagen.“ Melle zieht am Ende nochmal die Drogenspritze auf und jagt sie sich tief in die „Fontanelle“. „Wie man aus Liebe tötet.“ Bei der chorischen Beschreibung eines sadistischen Bondage- und Splatter-Pornodrehs verlassen sogar einige Zuschauer den Saal. Ob das der beschworene Galgenhumor ist, lässt sich bei diesem gründlich auf links gebürsteten alten Steppenwolfpelz nur erahnen.



Der Steppenwolf am Deutschen Theater Berlin | Foto (C) Arno Declair

Stefan Bock - 12. Mai 2022
ID 13619
DER STEPPENWOLF (Deutsches Theater Berlin, 07.05.2022)
in einer Bearbeitung von Thomas Melle

Regie: Lilja Rupprecht
Bühne und Kostüme: Christina Schmitt
Musik: Philipp Rohmer
Video: Moritz Grewenig
Licht: Cornelia Gloth
Dramaturgie: Juliane Koepp
Mit: Elias Arens, Juliana Götze, Manuel Harder, Helmut Mooshammer, Natali Seelig, Jonas Sippel und Katrin Wichmann sowie dem Live-Musiker Philipp Rohmer
Premiere war am 7. Mai 2022.
Weitere Termine: 15., 18.05. / 19.06. / 05.07.2022


Weitere Infos siehe auch: https://www.deutschestheater.de/


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