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Der nackte Wahnsinn am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Bewertung:    



Brooke Ashton (Annina Euling) tritt im offenherzigem Kleid auf die Bühne, geht geschäftig gen Schaurampe und setzt kokett an zu sprechen. Prompt gewahrt sie das Geschehen rechts von ihr. Sie hört den Regisseur Lloyd Dallas (Daniel Stock) einer Schauspielkollegin, Dotty Otley (Sophie Basse), sie bittende Anweisungen geben und ihr gut zureden. „Sei durchlässiger, sei fragil, spiel es wie Brigitte Mira!“ ruft der Regisseur. Brookes Schauspielkollegin, der temperamentvolle Bühnenstar Dotty, kommentiert die gutgemeinten Hinweise Lloyds jedoch abfällig und beherzigt sie kaum. Auch Brooke verdreht, aus der Rolle fallend, die Augen zum Himmel und schürzt mißbilligend die Lippen. Im nächsten Moment wird sie ihre Arme und Beine in raumgreifenden, sich streckenden und wegwerfenden Bewegungen dehnen. Die Entspannungsübungen lenken sie vom angespannten Bühnenalltag während der Generalprobe ab, werden jedoch vom Regisseur, der sich bald als Frauenheld herausstellt, wenig goutiert. Sie darf wieder abtreten.

Der nackte Wahnsinn des Briten Michael Frayn von 1982 reflektiert das Medium Theater. Das Chaos einer Generalprobe und späteren Premiere wird dargeboten. Dabei spielen Theaterleute Theaterleute. Frayn, dessen Werk, im Original Noises off, 1992 von Peter Bogdanovich starbesetzt verfilmt wurde, lässt in seiner Komödie schief gehen, was schiefgehen kann. Darsteller widersetzen sich bewusst dem mitunter unfairen Regisseur, wichtige Akteure tauchen zu spät auf, Auftritte oder Abgänge werden verpasst oder verpatzt, wichtige Requisiten fehlen, werden liegen gelassen oder mit etwas grundsätzlich anderem ersetzt. Türen klemmen, es gibt Texthänger. Schauspieler agieren aufgeblasen, das Timing ist behäbig. Emotionale Krisen zwischen den Theaterleuten sorgen für Gerangel hinter der Bühne. Das Ensemble ist unzufrieden und beschwert sich über den Premierendruck, einige Darsteller sind unpässlich, der Regisseur wirkt genervt und wird cholerisch. Dabei wünschen sich seine Darsteller, gelobt zu werden. Lloyds Stück ist eine verschachtelte Farce mit Türauf-Türzu-knall-knall-Elementen, die oft unter die Gürtellinie zielen. Es thematisiert Schein und Sein, Sex und Steuern. Die Akteure geben sich dabei die Türklinken in die Hand.

Sascha Hawemann zeigt am Theater Bonn im ersten Teil den gestressten Regisseur bei der letzten Probe vor der Premiere und lässt einige Szenen spielen, die schnell unterbrochen werden. Frivole Andeutungen des Stückes gehen über in Ausrutscher der Akteure. Wolf Gutjahrs Bühnenbild zeigt eine mehrebige weiße Fassade mit Treppe zu einer höhergelegenen Ebene. Sie ist mit Neonröhren geschmückt, und rechts ist ein breitbeiniger, überlebensgroßer Elvis Presley in magentafarbenen Tönen abgebildet.

Im zweiten Teil nach der Pause sieht das Publikum den sogenannten Backstage-Bereich, also die Rückseite der Theaterwand auf einer Drehbühne. Hier eilen Schauspieler aufgeregt hin und her, hantieren mit Requisiten und suchen ihren nächsten Einsatz. Die Bühnenassistentin (Lena Geyer) wechselt sich unabgestimmt mit dem Bühnentechniker (Janko Kahle) bei Publikumsansagen ab, was natürlich für Verwirrung sorgt, die den Regisseur erneut auf die Palme bringen.

Im Geschäft von Sein und Schein bewegen wir uns weit jenseits der Grenzen des guten Geschmackes. Frayns selbstreferentielles Drama führt Darsteller vor, belustigt sich an simulierten Haltungen, verletzten Eitelkeiten und emotional aus sich heraustretenden Figuren. In Probenpausen weicht das emotional gespielte Leben hinter den Pappwänden und Holzrequisiten der rauen Wirklichkeit unzufriedender und ratloser Darsteller, einem stotterndem Ausstatter, einer naiv-gutgläubigen Assistenz und einem überfordertem Regisseur. Zwei Akteure lassen sich vom Bühnengeschehen zunächst wenig aus der Ruhe bringen, der divenhaft auf hochhackigen Schuhen stolzierende, harmoniebedürftige Sonnyboy Belmondo Blair (Christoph Gummert) und die stets betrunkene Selsdon Mowbray (Ursula Grossenbacher).

Es gibt einige starke Momente im Deutungskampf zwischen Regie und Darstellern, die erfrischend gespielt werden. So soll Brooke in der Rolle der Vickie, deren Mutter Selsdon ihr schlüpfriges Kleid kritisiert, als erregte Blondine klischeehaft „Was, Mama?“ erwidern. Brooke ereifert sich jedoch lebhaft darüber, dass diese Worte nichts mit schauspielerischer Autonomie, darstellerischem Können und der Rolle der neuen, emanzipierten Frau zu tun haben. Andere Gags liegen leider eher in flachen Gefilden, wenn etwa Lloyd einen Texthänger Selsdons kritisiert, erwidert sie: „Ich kann meinen Text. Ich habe dazu was angespielt.“ - „Was?“ - „Nichts.“ Referenzen auf berühmte Theaterzitate wie „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“, „Bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleitet nach Hause gehen“ oder zuletzt aus Warten auf Godot wirken altbacken und ermüden. Auch das Spiel mit den durch viele Hände gereichten Sardinen-Attrappen, ein sich in Dauerschleife wiederholender Running Gag, funktioniert irgendwann nicht mehr. Wenn Timo Kählert als Frederick Fellowes einen Scheich im luftigen Gewand spielen soll, macht ihn Lloyd gefühlt deutlich zu oft darauf aufmerksam, dass die heruntergezogenen Hosen am Knöchel stören.

Die Zuschauer verstehen irgendwann nicht mehr, wer gerade mit wem im Clinch ist. Auch die Eifersüchteleien sind bald nicht mehr zuzuordnen und Figuren in ihrer Rolle und gespielten Rolle schwer auseinanderzuhalten. Einwürfe wie zu einem „paranormalen Phänomen“ oder zur „Titanic“ wirken deplatziert. Sich wiederholende Gags und Albernheiten erscheinen flach und langatmig. Am Ende erhält dann doch die Person, die am längsten geduldig ausharrrte, mehr und mehr Strüsschen on top, die nicht für sie bestimmt waren. Und das rasant verwirrende und unübersichtliche Geschehen - Wer mit wem und warum? - hört irgendwann auf sich zu drehen.



Der nackte Wahnsinn am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Ansgar Skoda - 4. Dezember 2023 (2)
ID 14509
DER NACKTE WAHNSINN (Schauspielhaus Bad Godesberg, 01.12.2023)
Regie: Sascha Hawemann
Bühne: Wolf Gutjahr
Kostüme: Ines Burisch
Dramaturgie: Carmen Wolfram
Besetzung:
Dotty Otley (Mrs. Clackett) ... Sophie Basse
Garry Leujeune (Roger Tramplemain) ... Sören Wunderlich
Brooke Ashton (Vicki) ... Annina Euling
Frederick Fellowes / Scheich (Philip Brent) ... Timo Kählert
Belmondo Blair (Flavio Brent) ... Christoph Gummert
Selsdon Mowbray (Einbrecherin) ... Ursula Grossenbacher
Lloyd Dallas (Regisseur) ... Daniel Stock
Poppy Norton-Taylor (Regieassistentin) ... Lena Geyer
Tim Allgood (Inspizient & Bühnenmeister) ... Janko Kahle
Premiere am Theater Bonn: 1. Dezember 2023
Weitere Termine: 14., 20., 27., 30.12.2023// 120.1./ 03., 18.02.2024


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de


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