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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Aufgefressen

vom Hunger,

Sozialisation

am Nullpunkt



Birgit Walter als Leopold Auberg in Atemschaukel am Schauspiel Köln | Foto © Birgit Hupfeld

Bewertung:    



Die mit unförmigen Requisiten ausgestattete Bühne liegt im kalten Halbdunkel. Zwei Sprecher stellen sich anfangs nacheinander als Leo vor, Hauptfigur des Geschehens. Der ältere von ihnen (Martin Reinke) mimt Leopold Auberg als Chronisten der Vergangenheit am Schreibpult links von der Bühne. Der Jüngere (Justus Maier) verkörpert den 17jährigen Leo auf der rechten Bühnenseite. Er befindet sich in einem hohen, verspiegelten und beengten Glasschacht. Leopold Auberg wird 17jährig als Angehöriger der deutschen Minderheit in Rumänien 1945 für den Wiederaufbau der Sowjetunion eingezogen. Das Eingesperrtsein im Glaskasten ist ein symbolhaltiges Sinnbild für das Zurückgeworfensein auf sich selbst. Der jüngere, eingesperrte Leo filmt sich mit einer Live-Kamera. Die helle Bühnenrückwand zeigt diese Projektionen oder eingespielte (Live-Kamera: Jonathan Kastl) schattenhafte Menschengruppen als Silhouetten.

Ein dritter Leo (Stefko Hanushevsky) schildert die Handlung. Er trägt eine Schulterschleppe, langgezogen bis zu einer Tür im Bühnenhintergrund, als würde er von der Bühne weggezogen. Später kommen zwei Frauen (Birgit Walter, Katharina Schmalenberg) hinzu, die nacheinander die Männer als Leo ablösen. Interaktionen werden spielerisch stets nur angedeutet. Darsteller wiederholen Worte, die andere Ensemblemitglieder sagten. Auch Lautsprecherboxen seitlich oder überm Publikum verstärken das Gesprochene akustisch, sodass der Eindruck entsteht, es werde gleich neben einem gesprochen. Im szenisch bebilderten Vortrag tritt so die Sprache von Herta Müllers Atemschaukel in den Vordergrund.

*

Die Bühnenfassung des Regisseurs Bastian Kraft kondensiert Müllers erfolgreichsten Roman von 2009. Herta Müller erhielt im gleichen Jahr den Literaturnobelpreis für ihr Gesamtwerk über die rumänische Diktatur. Ihrem Roman liegen Gespräche mit dem rumäniendeutschen Lyriker Oskar Pastior (1927-2006) zugrunde. Pastiors Erfahrungen in der Zwangsarbeit dienten als Vorbild für die Atemschaukel. Er wurde 1945 17jährig in die Sowjetunion verschleppt und dort für fünf Jahre in Arbeitslagern als Zwangsarbeiter eingesetzt. Auch Müllers Mutter wurde gemeinsam mit 70.000 anderen Rumäniendeutschen deportiert und diente fünf Jahre im Arbeitslager.

Herta Müller schildert die Unterdrückung des Volkes durch ein totalitäres System. Dabei verdichtet sie Erlebtes in sprachlichen Bildern, um dem Schrecklichen durch eine innere Emigration entkommen zu können. Poetische Sprachspiele wie „Herzschaufel“ oder „Hungerengel“ stehen für die gleichförmige Qual der Arbeit, das ständige Heimweh und den fortwährenden Hunger der Zwangsarbeiter. Die Kölner Inszenierung übersetzt die Sprachbilder und geschilderten Handlungen in eindrückliche Szenerien, ohne das Geschehen nachzuspielen. Katharina Schmalenberg zieht ein Holzkarrengestell mit einer meterlangen Plastikplane auf die Bühne. Diese Plastikplane wird bald über die nahezu gesamte Bühne ausgebreitet. Darsteller kriechen darunter und liegen hier zeitweise wie unter einem Leichentuch. Es wird über Plünderungen von Toten durch die übrigen notleidenden Zwangsarbeiter erzählt.

Nikolaus Benda gleitet als Hungerengel athletisch an zwei Seilen in den Bühnenhimmel und hebt als gewichtiges Hungergefühl die allumfassende Plastikfolie empor. Schmalenberg rafft Kartoffeln unter ihr Kostüm, wenn erzählt wird, wie ein Aufseher Leo kurzzeitig aus den Augen lässt. Einige Bilder nutzen sich im Stückverlauf etwas ab, wie etwa der inhaftierte Einzelgänger im etliche Meter hohen Glaskasten. Irgendwann berichtet Stefko Hanushevskys Leo von der Gewalt der Lagerinsassen gegen einen Dieb, der das gesparte Brot eines anderen aufaß. Dabei schlägt er mit einem schweren Seilzopf aggressiv auf einen Kühlschrank ein, der sichtlich zerdellt wird - ein eher unzureichendes Bild für die plötzlich aufkeimende, bisher unterdrückte Aggression und Solidarität unter den Zwangsarbeitern. Katharina Schmalenberg klettert selbst in einen daneben platzierten leeren Kühlschrank. Sie erinnert so gar an eine ähnliche Szene mit Lena Kalisch in der aktuellen Kölner Nathan-Produktion. Interessante Romanfiguren wie der Aufseher Kapo Tur Prikulitsch, seine widersprüchliche Geliebte Bea Zakel, die geistig behinderte „Planton-Kati“ oder die mitfühlende Trudi Pelikan werden leider auf der Bühne nur erzählt, nicht nachgestellt.

Verzweiflung, Angst, Unterdrückung und Monotonie der Lagerinsassen wird trotzdem anschaulich. Der wechselnd vorgetragene Text Müllers arbeitet überwiegend mit Beschreibungen der Perspektivträger und schildert wenige eigenmächtige Handlungen derselben. Der Vortrag ist geprägt durch Bewusstseinsströmungen, Beobachtungen und assoziative Sinneseindrücke.

Verschiedene Charaktere beobachten und erleben Ausbeutung und Diebstahl. Das Leben der Figuren ist geprägt durch Brutalität, schlechte Behandlung und gewohnheitsmäßige Vernachlässigung. Das Individuum ist in der geschilderten Gesellschaft wertlos und austauschbar. Als machtlos erscheinen die Individuen gegenüber einem totalitären und korrupten Regime, das die Arbeiter skrupellos ausbeutet.



Stefko Hanushevsky und Katharina Schmalenberg in Atemschaukel am Schauspiel Köln | Foto © Birgit Hupfeld


Die Aufführung erinnert daran, dass Diktaturen Menschen ihrer Würde berauben. 1953 in Rumänien geboren, gehörte Herta Müller dort viele Jahre zusammen mit ihrer Familie einer deutschen Minderheit an. Als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik wurde sie 1979 nach ihrer Weigerung, mit dem rumänischen Geheimdienst Securitate zusammenzuarbeiten, entlassen. Sie ließ sich nicht korrumpieren. Oskar Pastior hingegen wurde unter dem Decknamen „Otto Stein“ IM und Spitzel der Securitate, nachdem er zuvor selbst vier Jahre überwacht wurde. Herta Müller deutet in ihrem Essay „Aber immer geschwiegen“ Pastiors 'Täterakte' zum großen Teil auch als eine 'Opferakte', da in den 50er und 60er Jahren tausende Spitzel unter Haftandrohung zur Mitarbeit bei der Securitate erpresst wurden. Atemschaukel ist auch ein Zeugnis von Müllers gedanklicher Nähe zu Pastiors experimenteller Lyrik. Bastian Krafts nah an der Romanvorlage orientierte Adaptation findet nicht immer stimmige Bilder, hebt aber die existentielle Kraft der Sprache für die Bearbeitung von Traumen eindrücklich hervor.
Ansgar Skoda - 24. Oktober 2021
ID 13237
ATEMSCHAUKEL (Depot 1, 22.10.2021)
Regie: Bastian Kraft
Bühne: Peter Baur
Kostüme: Jelena Miletić
Video: Jonas Link
Live Kamera: Jonathan Kastl
Musik: Björn Deigner
Licht: Michael Gööck
Dramaturgie: Sibylle Dudek
Mit: Nikolaus Benda, Stefko Hanushevsky, Justus Maier, Martin Reinke, Katharina Schmalenberg und Birgit Walter
Premiere am Schauspiel Köln: 22. Oktober 2021
Weitere Termine: 24.10./ 02.,09., 12., 24.11./ 11., 30.12.2021


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel.koeln


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