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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Wie in

einem

Comic



(C) Esra Rotthoff

Bewertung:    



Ein Pappmaché-Kaktus, ein begehbarer Nike-Turnschuh, ein Goodyear-Reifen an kaputter Autoachse, zwei Hochhaus-Attrappen, ein zerknautschter Coke-Becher und ein riesiger Cheeseburger als Lümmelbett. Sebastian Baumgartens Amerika am Maxim Gorki Theater erschöpft sich in Symbolen der bei Franz Kafka auch schon nicht mehr ganz neuen Welt. Durch die Saloon-Tür in einer Wellblechwand stürzt man auf der von Barbara Steiner gestalteten Bühne vom guten alten Westen durch die Insignien der US-amerikanischen Konsumwelt hin zu einer Sternenbannerwand, auf der mehrere Videoscreens die Moderne beschwören. Dazwischen, das ist von vornherein klar, kann das Individuum, in diesem Fall der aus Good Old Germany verschiffte Karl Roßmann, nur in die Zahnräder eines unbarmherzig fortschreitenden, durchkapitalisierten Systems geraten.

Aber was hat uns das, wo wir die Fakten doch eigentlich zur Genüge vor allem im Theater immer wieder vorexerziert bekommen, heute noch zu sagen? Und das in einer Zeit, wo der Krieg nach Europa zurückgekehrt und die globalen Finanz- und Ökosysteme gerade mal wieder vor dem Kollaps stehen. Dabei geht es in Kafkas Romanfragment, das eigentlich Der Verschollene heißen sollte, eigentlich nur um die Erlebnisse eines 15jährigen, der zur Vertuschung einer unangemessenen Affäre, bei der er von einem Dienstmädchen verführt wurde und es dabei schwängerte, von den Eltern in die USA geschickt wird. Worum es dem Regisseur in seiner fast atemlos durch den Inhalt des Romans hetzenden Inszenierung geht, kann man nur erahnen. Zeit ist Geld, und darum geht es bekanntlich im Kapitalismus. Ein Auf und Ab vom Bauch eines Ozeandampfer, wo der naive, mit einem übergroßem Gerechtigkeitsempfinden ausgestattete Karl einem Heizer zu seinem Recht verhelfen will, über die Geschäftswelt des Onkels Jakob, vom dem er bald wieder vertrieben wird, zum Job als Liftjunge, den Karl ebenfalls wieder verliert, und schließlich ganz unten angekommen, den Verheißungen eines ominösen Oklahoma Naturtheaters folgt. Einmal mehr ein Abgesang auf den amerikanischen Traum.

So liest sich das jedenfalls in der nach bekannter Comic-Manier inszenierten Szenenabfolge Baumgartens, dessen Ensemble sich die Darstellung des Karl und der andern Romanfiguren wie etwa die beiden Tramps Delamarche und Robinson, die Oberköchin im Hotel Occidental oder die fette Sängerin Brunelda wechselnd untereinander aufteilt, was mitunter nicht ohne Witz ist. In dem in zehn Kapitelüberschriften aufgeteilten Abend werden dabei neben dem Erzähltext auch andere Auszüge aus Kafkas Erzählung Der Geier und Fremdtexte des französischen Philosophen Jean Baudrillard gesprochen. Amerika als Modell vom Verschwinden, vom Ende aller Vorstellungen. Ein durchaus interessantes Weltuntergangsszenario, das hier den Einstieg bildet, dann aber doch mehr in popkulturellen Bildern, Videos und Live-Fotostills schwelgt und in ein comicartiges Spiel übergeht. Der Stummfilm Modern Times von Charly Chaplin scheint dafür Pate gestanden zu haben. Beliebiger Slapstick mit entsprechenden Geräuschen, es fehlen nur die Sprechblasen. Ein weiterer Fremdtext legt in einem Video dem Partei-Kandidaten aus dem Roman Sätze von John F. Kennedy in den Mund.

Am Ende ist da Oklahoma Naturtheater bei Baumgarten auch nur ein auf Effizienz getrimmtes Unternehmen, in dem Karl vom auf einem Hochsitz thronenden Führer auf seinen Platz gestellt wird. In zwei Stunden lässt der Abend seinen austauschbaren Protagonisten im Laufschritt durch ein Amerika der für ihn undurchsichtigen Marktgesetze und Vergnügungsparks rennen. Auf der Strecke bleibt da Kafkas doch viel mehrdeutigerer Text, den für das Theater nutzbar zu machen und eine neue Sprache zu finden, ohne, wie zu Beginn erwähnt, erklären zu wollen, es etwas mehr Zeit bedürfte.
Stefan Bock - 16. Januar 2023
ID 14002
AMERIKA (Maxim Gorki Theater Berlin, 14.01.2023)
Fassung: Holger Kuhla und Sebastian Baumgarten

Regie: Sebastian Baumgarten
Bühne: Barbara Steiner
Kostüme: Christina Schmitt
Sounddesign: Marc Sinan Company - Ilija Djordjevic, Karsten Lipp
Komposition: Marc Sinan
Dramaturgie: Holger Kuhla
Live-Fotografie: Marcel Urlaub
Mit: Emre Aksızoğlu, Yanina Cerón, Tim Freudensprung, Kenda Hmeidan, Kinan Hmeidan, Falilou Seck und Till Wonka
Premiere war am 14. Januar 2023.
Weitere Termine: 16.01. / 05.02.2023


Weitere Infos siehe auch: https://www.gorki.de/de/


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