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Klamauk



Alice im Wunderland am Berliner Maxim-Gorki-Theater | Foto (C) Ute Langkafel MAIFOTO

Bewertung:    



Hurra! Das Maxim Gorki Theater hat die Cannabisfreigabe vom 1. April auf den 2. März vorgezogen. Und das ist kein vorgezogener Aprilscherz. In der neuen Inszenierung von Oliver Frljić ziehen eine kleine Raupe und ein kleines Mädchen namens Alice an einem berühmten viktorianischem Nonsens-Stick, was dann allerdings mächtig in die Hose geht. "Who the fuck is Alice?" könnte man da völlig benebelt fragen. Und ist die kontrollierte Abgabe solcherlei berauschenden Krauts nicht erst ab 18 erlaubt? Egal, der kroatische Regisseur und Co-Leiter des Gorki kennt bekanntlich keine Gnade, solange dabei nur ordentlich auf die Kacke gehauen werden kann.

Alice im Wunderland, den Kinderbuchklassiker von Lewis Carroll aus dem Jahr 1865, nutzt Frljić, um die ganze Verderbtheit deutscher Politik vor und jegliche Bemühung, das mit politischem Sprechdurchfall zu kaschieren, ad absurdum zu führen. „Was Sie gleich sehen werden, ist das Produkt ultimativer Selbstzensur. Ihr Wunderland“, prangt vor Beginn auf dem Eisernen Vorhang. Da möchte man nicht wissen, was der Schere im Kopf des Regisseurs so alles zum Opfer gefallen ist. Das Gezeigte reicht zumindest, um den Glauben an die Kraft politischen Theaters endgültig zu verlieren.

Die kleine Alice, nach dem Untertan Via Jikelis zweite Hauptrolle am Gorki, fällt hier nicht einem weißen Kaninchen nachjagend durch dessen Bau ins Wunderland, sondern kommt durch ein Loch in einem mit Stacheldraht gekrönten Grenzzaun, auf dem ein Spiegel-Titel fragt: „Schaffen wir das noch mal?“ Das weiße Kaninchen (Aleksandar Radenković) kann auch hier sprechen und verlangt zum Eintritt ein paar Tränen. Nicht einen ganzen See wie im Original, nur echt dramatisch müssen die Tränen sein. Denn nur das Beste davon mehrt das BIP des Wunderlands. Die Analogie ist klar. Deutschland verdient am Elend der dritten Welt, aus der die Ärmsten der Armen zu uns flüchten.

Das ist als Ausgangslage nicht verkehrt, nur wird aus der Analogie bald fürchterlichste Anal-Logik mit einem nicht mehr an sich halten könnenden Herzkönig (Aram Tafreshian), der mit seiner „Kopf ab!“ rufenden Herzkönigin (Çiğdem Teke) bald den Ton angibt. Vom Shit rauchen zum Shit labern ist es hier nur ein paar Schritte im Wunderland weiter. Der verrückte Hutmacher (Elias Arens) erzählt auch was von Politikern und Babywindeln, bis es der Herzkönig erst in den bereit gehaltenen Eimer schwallt und später noch ein fahrbares Bundestagsklo auf die Bühne rollt, deren Kuppel sich als Klodeckel aufklappen lässt. Was danebengeht, wird zu Klängen der Nationalhymne mit der Deutschlandfahne abgewischt. Zum Spiel um des Kaisers neue Kleider kann dann Aram Tafreshian alles hängen lassen. Da hängt der bunte Abend leider schon selbst ziemlich durch, und die anderen Themen, die Frljić noch mit ein flicht, werden durch den infantilen Klamauk komplett überlagert.

Mal geht es gegen die Überbevölkerung und die Kinder, mit denen es keine Gleichberechtigung geben kann, dann nimmt sich der Herzkönig die älteren Generationen vor. Ein Hin und Her von Nonsensthemen, die die Ununterscheidbarkeit des deutschen Politiker-Sprechs zeigen soll. Nun, es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass viel gelabert wird, wenn der BundesTag lang ist. Die Zeit (David Rothe) die dann hier noch vor Gericht steht, wird damit aber buchstäblich totgeschlagen. Da ist das Thema vom Anfang fast schon vergessen, wenn es einem am Ende nicht noch mal mit einem Ausspruch zu mehr Abschiebungen von Bundeskanzler Olaf Scholz aufs Auge gedrückt würde. Da hat dann Alice selbst die Macht übernommen und will alles gleichschalten. Von einem königlichen Nationaltheater Maxim Gorki ist auch mal die Rede. „You're Innocent When You Dream“ röhrt Tom Waits aus dem Off. Unschuld oder Schuld deutscher Politik dürfte dieser Albtraum kaum berühren.



Alice im Wunderland am Berliner Maxim-Gorki-Theater | Foto (C) Ute Langkafel MAIFOTO

p. k. - 5. März 2024
ID 14648
ALICE IM WUNDERLAND (Maxim Gorki Theater, 02.03.2024)
nach Lewis Carroll

Regie: Oliver Frljić
Bühne: Igor Pauška
Kostüme: Jelena Miletić und Janja Valjarević
Choreografie: Evelin Facchini
Lichtdesign: Connor Dreibelbis
Dramaturgie: Johannes Kirsten und Endre Malcolm Holéczy
Mit: Elias Arens, Via Jikeli, Aleksandar Radenković, David Rothe, Aram Tafreshian und Çiğdem Teke
Premiere war am 2. März 2024.
Weitere Termine: 09., 29.03. / 16., 25.04.2024


Weitere Infos siehe auch: https://www.gorki.de


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