Kipppunkte einer
kollektiven
Dynamik
MÖBIUS mit dem Collectif XY
SOL INVICTUS mit der Compagnie Hervé Koubi
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Möbius mit dem Collectif XY | Foto © Christophe Raynaud De Lagein
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Bewertung:
Körper fliegen und wirbeln durch die Luft, fallen und werden sanft aufgefangen. Weite Sprünge und waghalsige Hebefiguren schaffen einen Eindruck von Schwerelosigkeit. Die Akteure schwingen voller Power im Kollektiv und stützen einander. Wir sehen kraftvolle Armbalancen, achtsame Hebungen und die temporeiche Akrobatik zweier wegweisender französischer Ensembles.
Gruppen bewegen sich in Mustern. Sie lösen sich auf, um in zeremoniellen Abläufen zu einer Grundkonstellation zurückzukehren. Szenen wiederholen sich beinahe ritualhaft. Die Performer agieren oft als eine einzige, pulsierende Masse, sie treiben sich an und fangen sich gegenseitig auf. Eine bewusste Atmung der Akteure gibt den Takt an, der meist durch eingespielte Electro-Soundscapes mit mediterranen Einflüssen erweitert wird. In den Ensembles setzen Einzelne Akzente, etwa durch mehrfache Salti, Handstände oder Drehungen, und treiben so die Performance voran. Wenn sich die Akteure aus luftiger Höhe fallen lassen, vertrauen sie auf die Reaktionsschnelligkeit und Agilität der anderen Kompagnons.
Auf der requisitenarmen Bühne liegt der Fokus komplett auf den Körpern. Die Kostüme sind bewusst minimalistisch, fließend und geschlechtsneutral gestaltet, um vor allem dazu beizutragen, die athletischen Bewegungen zu unterstützen. Das Auge ist meist schneller als der Verstand. Ein Spiel aus Licht und Schatten setzt sanfte Sinnesreize.
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Möbius mit dem Collectif XY (im Depot vom Schauspiel Köln):
Der Name Möbius leitet sich vom sogenannten Möbiusband ab, 1858 benannt nach dem Mathematiker August Ferdinand Möbius. Es beschreibt ein mathematisches Objekt, das nur eine einzige Seite und eine einzige Kante besitzt. Dieser Form widmen sich die Protagonisten des Collectif XY durch Bewegungsabläufe scheinbar ohne absehbaren Anfang oder Ende, durch eine angedeutete Auflösung der Grenzen von Akrobatik und Tanz und durch ein Laufen, Wirbeln und Fliegen in Achter-Schleifen und Spiralen.
Die vier Akrobatinnen und etwa fünfzehn Akrobaten bewegen sich zeitweise wie ein einziger, pulsierender Organismus. Sie rennen von vier Seiten synchron aufeinander zu und durchmischen sich, um in die jeweils gegenüberliegenden Ecken des Raumes weiterzueilen. Wenn sich diese Bewegung wellenartig wiederholt, entsteht der Eindruck eines Starenschwarms.
Ohne Leitern oder Gerüste klettern die Performer in Sekundenschnelle aneinander hoch. Sie bilden dreistöckige Menschensäulen, die sich elegant biegen. Mehrere Träger werfen Einzelne allein durch die Hebelkraft ihrer Arme und Beine meterhoch in die Luft. Die Sprünge erfolgen dabei ohne Anlauf direkt aus dem Stand oder der Bewegung heraus. Nach Salti oder Schrauben landen die Springer nicht auf Matten, sondern direkt auf den Schultern ihrer Partner oder werden vom Kollektiv sanft aus der Luft gesichert. Das Aufkommen absorbiert jeden harten Aufprall.
Rachid Ouramdane, Choreograf und Co-Kreator von Möbius, kommt eigentlich aus der Stilrichtung des Hip-Hop. Mit seiner zeitgenössischen, tänzerischen Denkweise schuf er fließende Übergänge zwischen den Szenen. Toneffekte spiegeln ein kollektives Aufsteigen und Fallen wider. Für Möbius komponierten Jonathan Fitoussi und Clemens Hourrière atmosphärische Synthesizer-Klänge und minimalistische Soundkulissen.
Sol Invictus mit der Compagnie Hervé Koubi (im Opernhaus Bonn):
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Sol Invictus mit der Compagnie Hervé Koubi | Foto © Nathalie Sternalski
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Der Titel der Choreografie bedeutet so viel wie „Unbesiegte Sonne“ oder „Unbesiegter Sonnengott“. Das Lichtdesign arbeitet mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten. In einem Plädoyer für den Zusammenhalt geht es dem Choreographen Hervé Koubi um Hoffnung und menschliche Verbundenheit in der vermeintlichen Düsternis heutiger Krisenzeiten. Koubi, dessen Kompanie ich zuletzt 2022 in Bonn sah, kombiniert anspruchsvolle, unterschiedliche Stile der Bewegungssprache zu einer Einheit.
Zwei Tänzerinnen und dreizehn Tänzer kombinieren auf gehobenem, theatralem Niveau urbane Breakdance-Elemente, Hip-Hop, zeitgenössischen Tanz und Capoeira. Rasante Sprünge und komplexe Hebefiguren sorgen beim Opernpublikum für Zwischenapplaus. Übergänge vom Stehen zu Breakdance-Bodenbewegungen geschehen fließend und nahezu lautlos. Einzelne Tänzer kreisen in hypnotisierenden, schier endlosen Drehungen auf dem Kopf. So balanciert der marokkanische Tänzer Badr Benr Guibi kopfüber auf nur einer Hand und rotiert, während er seine Beine in geometrischen Formen durch die Luft führt.
Auf der Bühne wird ein weites, glänzendes, gold-metallisches Stofftuch verwendet – das einzige Requisitenelement der Show. Joy Isabella Brown setzt in einem expressiven Solo kraftvoll Akzente, wenn sie in einer dramatischen Sequenz dieses Tuch zieht und sich darin einhüllt. Sie bewegt sich unter und mit der schimmernden Seide. Später wird das Tuch von den anderen Tänzern in der Luft bewegt und bläht sich wie ein riesiger, lichtdurchlässiger Fallschirm auf. So wird ein Aufstieg des Lichts aus der Dunkelheit symbolisiert.
Samuel Da Silveira Lima agiert in Schlüsselmomenten im Zentrum der Bühne. Der brasilianische Ausnahmetänzer, in der Urban-Dance-Szene bekannt als „B-Boy Samuka“, bringt eine berührende und physisch ungewöhnliche Präsenz mit, da er nach einer Krebserkrankung im Alter von vierzehn Jahren mit nur einem Bein tanzt. Anstatt eine Prothese zu tragen, bewegt sich Da Silveira Lima komplett auf einem Bein und nutzt seine Arme und seinen Torso als zusätzliche Stützen. Seine Übergänge vom Stand in den Boden erscheinen elegant und nahtlos.
Klänge des Amerikaners Steve Reich, eines Pioniers der Minimal Music, entfalten eine fast tranceartige Wirkung. Die hypnotischen, kollektiven Bewegungen des Ensembles spiegeln seine repetitiven, rhythmischen Muster. Musikalisch verbindet sich die sakrale Tiefe von Reichs Kompositionen mit den warmen, epischen Klängen von Maxime Bodsons elektronischer Musik. Der schwedische Komponist Mikael Karlsson steuerte darüber hinaus eine eigens für das Tanzstück geschaffene, energetisch treibende Originalkomposition bei. Seine musikalischen Passagen und atmosphärisch dichten Soundscapes verweben sich mit ausgewählten, dramatisch zeitlosen Werken Ludwig van Beethovens.
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Beide Choreografien erzählen keine linearen Geschichten. Trotzdem deuten Details stets eine Story an. In leisen Momenten blicken alle Akteure direkt ins Publikum; mit meditativer Ruhe bauen sie hier eine Verbindung zu den Zuschauern auf. Die Choreografien machen so begreiflich, dass der Austausch mit anderen Menschen zu den schönsten Dingen gehört, die es gibt.
Voller Direktheit, körperlicher Präsenz und Gelassenheit werden die jeweils über einstündigen Tanzgastspiele an aufeinanderfolgenden Abenden dargeboten. Die Kompanien schaffen mit feinfühliger Energie wirkungsvolle Bilder von Widerstandskraft, Stabilität, Koordination, tänzerischer Anmut und Harmonie.
Beide Gastspiele zeigen, dass moderner Tanz und zeitgenössische Akrobatik längst traditionelle Genregrenzen hinter sich gelassen haben. Ob in der unendlichen Bewegungsschleife von Möbius oder dem kraftvollen Licht-Plädoyer von Sol Invictus: Das Kollektiv wird hier zum tragenden Höhepunkt des Abends. Dem Schauspiel Köln und der Oper Bonn ist mit ihren Einladungen ein Coup gelungen – zwei Abende, die das Publikum mit staunendem Blick und der Gewissheit entlassen, dass menschliche Verbundenheit der Schwerkraft und möglicher Düsternis trotzen kann.
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Ansgar Skoda - 3. Juni 2026 ID 15889
https://www.collectifxy.com
https://cie-koubi.fr
Post an Ansgar Skoda
skoda-webservice.de
Ballett | Performance | Tanztheater
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