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Tanztheater

Übersetzungslos

RADICAL MINIMAL mit der Company Christoph Winkler und dem Zafraan Ensemble

Bewertung:    



Vor zirka acht Jahren sah ich in den Sophiensaelen die Uraufführung der Abendlichen Tänze von Christoph Winkler - das ist ziemlich lange her. Der Choreograph und Tänzer, der zu den vielseitigsten, produktivsten und daher auch interessantesten Persönlichkeiten seiner Zunft zählt, kann (lt. Übersicht auf seiner Company-Homepage) auf mehr als 95 Arbeiten verweisen, allein dieses Jahr erfolgen Wiederaufnahmen seiner früheren Stücke THE GOLDBERG VARIATIONS – DANCING LIKE A WHITE GUY (im Teatro Palladium in Rom), ON HELA (in Krefeld, Mannheim und Berlin) oder A BEGINNER’S GUIDE TO WORLDBUILDING (im Theaterdiscounter in Berlin).

Jetzt hatte RADICAL MINIMAL, seine neueste Kreation, im KühlhausBerlin Premiere:


Mit diesem Stück untersuchen er und seine Company "das radikale Potenzial von Minimal Music und zeitgenössischem Tanz. In drei Choreografien interpretiert das Team drei bekannte Stücke der Minimal Music neu: Come Out von Steve Reich, Coming Together von Frederic Rzewski und Stay on it von Julius Eastman. Für jedes Musikstück wird eine eigene choreografische Sprache entwickelt, durch welche die Rezeptionsgeschichte der Stücke in Musik und Tanz sowie ihre jeweilige Verbindung zur US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung sichtbar wird."

(Quelle: sophiensaele.com)


*

Das Zafraan Ensemble [alle Namen s.u.] musizierte also Stay on it von Julius Eastman (1940-1990) und Coming Together von Frederic Rzweski (1938-2021). Letzteres basiert auf einem Brief eines Bombenattentäters namens Sam Melville, der bei dem als "Attica Riots" in die US-amerikanische Geschichte eingegangenen Gefängnisaufstand von 1971 ums Leben kam und kurz zuvor einen Brief verfasst haben soll, welcher "in scheinbarem Gegensatz zu den Ereignissen" [des Gefängnisaufstandes, AS] gestanden hätte oder so.

Die Company Christoph Winkler (mit den Tänzerinnen und Tänzern Oluwafemi Israel Adebajo, Lisa Rykena, Aloalii Tapu, Ridwan Rasheed, Raha Nejad, Sophie Prins und Andromeda Gervasio) versinnbildlichte und veranschaulichte den besagten Briefinhalt, der seinerseits in Gänze und solange wie die zirka 25 Minuten währende Performance andauerte, von einem der Musiker des Zafraan Enembles in lautmalerischer wie auch rhythmischer Artikulation ins Mikrofon zitiert wurde.

Vielleicht wäre es - nicht nur für die Minderheit der der englischen Sprache nicht annähernd so mächtig wie alle anderen Anwesenden seienden Randgruppe - durchaus von Vorteil gewesen, die deutschsprachige Übersetzung jenes Briefes auf der herabgehangenen Videoleinwand mitzuliefern. Auch (und besonders!) für das zweite Stück von Steve Reich unter dem Titel Coming out hätte womöglich eine Simultanübersetzung des diesem Werk zugrundeliegenden sog. Statemements jenes "jungen afroamerikanischen Mannes, der in einen Fall von Polizeibrutalität bekannt als 'Harlem 6' involviert war", notgetan, um folglich die durchaus intime, kammertanzartige Zweipersonen-Performance mit Oluwafemi Israel Adebajo & Ridwan Rasheed irgendwie dann zu verstehen; und ich gebe es an dieser Stelle unumwunden zu:

Ich selbst (als englischunkundiger Randgruppenvertreter) verstand nur Bahnhof, wusste daher also bis zum Schluss des Winkler-Dreiteilers mitnichten, worum es hier eigentlich gegangen sein soll.

Meine Sympathien waren freilich auf der Seite aller Tanzenden und Musizierenden, doch ob mich alles das dann, was sie tanzten oder musizierten, "angegangen" oder gar berührt hätte?

Privat gesprochen: Fehlanzeige.



Coming Together mit der Company Christoph Winkler und dem Zafraan Ensemble (im Hintergrund) - uraufgeführt am 20. Oktober 2022 im Kühlhaus Berlin | Foto (C) Dieter Hartwig

* *

Verwiesen sei in dem Zusammenhang auf das In C-Projekt von Sasha Waltz, welche im letzten Jahr und ebenfalls mit live gespielter Minimal Music - konkret mit jenem gleichnamigen Stück von Terry Riley - experimentierte; und in ihrem Fall gelang der Act, und "es" erreichte und berührte mich!
Andre Sokolowski - 21. Oktober 2022
ID 13864
RADICAL MINIMAL (Kühlhaus Berlin, 20.10.2022)
Konzept: Christoph Winkler
Video-Editing: Gabriella Fiore
Video-Contribution: Vadim Epstein und Matthias Härtig
Kostüme: Marie Akoury
Technische Leitung: Fabian Eichner
Produktionsleitung: Laura Biagioni
Mit: Oluwafemi Israel Adebajo, Lisa Rykena, Aloalii Tapu, Ridwan Rasheed, Raha Nejad, Sophie Prins und Andromeda Gervasio sowie dem Zafraan Ensemble mit Liam Mallett (Flöte), Martin Posegga (Saxofon), Miguel Pérez Iñesta (Klarinette), Daniel Eichholz (Percussion), Clemens Hund-Göschel (Klavier), Emmanuelle Bernard (Violine), Josa Gerhard (Viola) und (Violoncello)
Premiere war am 20. Oktober 2022.
Weiterer Termin: 21.10.2022
Eine Produktion der Company Christoph Winkler in Koproduktion mit SOPHIENSÆLE


Weitere Infos siehe auch: https://sophiensaele.com/


https://www.andre-sokolowski.de

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