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Bataillon von Enis Maci

Milena Michalek inszeniert am Schauspielhaus Wien Macis weitschweifiges Stück über weibliches Netzwerken und Geschichtenerzählen

Bewertung:    



„Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne“, beginnt das Gedicht Die schlesischen Weber, in dem Heinrich Heine den Weberaufstand von 1844 gegen Lohnkürzungen und Ausbeutung durch die Stofffabrikanten verarbeitete. In Enis Macis vor zwei Jahren in Mannheim uraufgeführtem Stück Bataillon geht es auch ums Weben und Assoziationen, die sich ums Netzwerken u.a. im Web, aber auch in der realen Welt und der Natur drehen. Einen Webstuhl als einziges Bühnenrequisit gibt es in der österreichischen Erstaufführung in der Regie von Milena Michalek am Schauspielhaus Wien auch und vier Weberinnen, die zwar nicht die Zähne fletschen, aber zu Beginn erstmal um ein gemeinsames „Wir“ ringen müssen. Ein kleines Bataillon von Frauen auf der Suche nach den Möglichkeiten eines neuen, gleichberechtigten und unhierarchischen Zusammenlebens. Eine nicht nur rein weibliche Utopie. Wie Kunst und Wohnen neu und anders funktionieren kann, probiert das Schauspielhaus ja gerade auch mit seinem Schauspielhaus-Hotel-Projekt. Wer will kann sich hier einmieten und einbringen.

In Macis Stück spielt ein von Flechten umwuchertes Hochhaus eine Rolle. In dessen Keller sitzen ukrainische Weberinnen, die Tarnnetze für ihre im Krieg befindlichen Söhne weben. Sie erzählen sich Geschichten von vergessenen Vorkämpferinnen wie der britischen Mathematikerin Ada Lovelace, die im 19. Jahrhundert an der Erfindung einer Analytical Engine arbeitete. Ein Prinzip von Nullen und Einsen, wie man es heute in der Computerprogrammierung kennt und das auch das Wirkprinzip der ersten automatisierten Webmaschinen war. Die Frauen (Vera von Gunten, Clara Liepsch, Sophia Löffler und Karola Niederhuber) in blauen Kostümen mit merkwürdigen Ausformungen („Ist denn alles vorbestimmt durch unsere Körper?“) referieren weiter zu den Flechten, die aus einer gleichberechtigten Symbiose von drei Organismen bestehen und präsentieren ihre „Lehrerinnen“, zu denen auch die feministische Berliner Philosophin und Kulturaktivistin Luise Meier gehört. Aber auch von Penelope, der auf Ithaka zurückgelassene Ehefrau des griechischen Helden Odysseus wird berichtet. Diese hatte als Akt der Subversion und Verweigerung gegenüber den sie belagernden Freiern eine versprochene Webarbeit heimlich nachts immer wieder aufgelöst.

Bei der Aufzählung dieser weiblichen Vorbilder, toten Revolutionärinnen und verkannten Pionierinnen verlieren die Frauen auch schon mal den Faden und geraten die Wortbedeutungen von zerstiebt oder verstrumpft durcheinander. Von den Seepocken über die antike Gefängnisinsel Panataris bis zur Aurora borealis reicht das weitscheifige Textgeflecht, das die gutgelaunten Netzwerkerinnen vor uns ausbreiten. Nicht alles wirkt da gleich verständlich und braucht einen Leitfaden in Form des Programmhefts. Ein „apokalyptisches Gebimmel“ und Gekicher, das vieles anklingen lässt, aber kaum wirklich in die Tiefe geht und einige Maschen auch einfach wieder fallen lässt.

Einer der vielen Schlagsätze in Enis Macis Text lautet z.B.: „Jede Mutter ist ein Knotenpunkt in der Geschichte.“ Von diesem verzweigen sich viele neue Geschichten zu einem weiten Geflecht. Die Weberinnen wirken ihre Geschichten aus Erinnerungen, die neu zu bewerten sie hier angetreten sind. Ein echter Maschinensturm dieser durchaus sympathisch nervensägenden Quasselstrippen bleibt hier aus, auch wenn einmal der sonst nur zum Klettern und Herumschieben genutzte Webstuhl als Klavier missbraucht wird. Eine fünfte Frau (Anne Kulbatzki) begehrt damit Einlass in den Kreis der kämpferischen Hochhausbewohnerinnen und soll auch gleich ihre Geschichte erzählen. Sie bekommt dann aber nur von Monica Lewinsky die Haare gewaschen. Beim Friseur gibt es wohl immer noch die schönsten Geschichten, auch wenn nicht immer alles wahr ist, was das Netz so erzählt.



Bataillon von Enis Maci am Schauspielhaus Wien | Foto (C) Matthias Heschl

Stefan Bock - 3. Januar 2022
ID 13385
BATAILLON (Schauspielhaus Wien, 31.12.2021)
von Enis Maci

Regie: Milena Michalek
Ausstattung: Laura Stellacci
Musik: Alexander Yannilos
Dramaturgie: Lilly Busch
Regieassistenz: Christina Ulrich
Mit: Vera von Gunten, Anne Kulbatzki, Clara Liepsch, Sophia Löffler und Karola Niederhuber
UA im Nationaltheater Mannheim war am 23. Januar 2020.
Österreichische EA: 30. Dezember 2021
Weitere Wiener Termine: 05., 08., 12., 13., 14., 15.01. / 09., 10., 11.02.2022


Weitere Infos siehe auch: https://hotel.schauspielhaus.at/


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