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Gespenster

und Abgehängte



Jan Sabo und Anna Marienfeld in Büchner am Theater der Keller in Köln | Foto (C) Oliver Strömer

Bewertung:    



Büchner wollte seinerzeit die Ordnung und den Staat erschüttern. „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ zitierte er den Wahlspruch der französischen Revolution in seinem Pamphlet Der Hessische Landbote. Mit klaren Worten analysierte er Machtstrukturen und richtete seine Verse gegen die Missstände der Zeit, indem er offen zur Revolution aufrief. Was kann uns diese sozialrevolutionäre Flugschrift heute noch sagen, das fragt Björn Gabriel in seinem Stück Büchner – Die Weltgeschichte meint es nicht persönlich mit dir, das seit kurzem am Kölner Theater der Keller läuft. Sehr viel, wie wir in der eindrücklichen Collage mit vielen Videoprojektionen erfahren.

Auch heute scheitert eine Vermögenssteuer an der FDP, die sich ein „Nein“ gegenüber der sogenannten Reichensteuern leistet. Diese an der Regierung beteiligte Partei, deren Vorsitzender zugleich auch als Finanzminister amtiert, tritt ein für Steuersenkungen für Unternehmen und Topverdiener. Die sozioökonomische Ungleichheit nimmt weltweit auch aufgrund des Klimawandels zu. Doch auch das mögliche Verbrenner-Aus scheitert in Europa an der FDP und dem amtierenden Verkehrsminister Volker Wissing. Konzerne und Superreiche profitieren auch weiterhin von gegenwärtigen Krisen.

Das Leben könnte so einfach und fruchtbar sein. Anfangs zeigt im Bühnenzentrum eine Videoprojektion wachsende Gräser und Sprossen. Doch die vier Akteure, die Aktivisten einer Redaktion darstellen, hinterfragen nachdenklich, über die Bühne hastend, Abgründe des Alltäglichen. Sie wissen, dass ihre Zeit abläuft und da immer eine verflixte Lücke bleibt. Büchners Figuren Leonce aus dem Lustspiel Leonce und Lena (1836) und Lenz aus der gleichnamigen Erzählung von 1839 werden zitiert.

In der Spielstätte Tanzfaktur drehen sich die anzugtragenden Akteure während gedankenschwerer, mitunter leidenschaftlicher Monologe und Dialoge auf der Bühne im Kreis. Sie sprechen über das Scheitern, bleibende Gespenster und den Wahnsinn. Ist denn alles vergebens? Ist das menschliche Miteinander einzig in die ungesunde Ordnung der Auszehrung gepresst? Die Akteure entledigen sich ihrer Kleider, um sich frei zu machen von der gesellschaftlichen Ordnung. Doch auch während des Saunaganges kommt der getriebene Geist nicht zur Ruhe. Dann beherbergt sie eine Hütte, die über Videoprojektionen einsehbar ist. Worte wie „staatstragend“ werden seziert. Die Darsteller stören sich am „muss“ im Begriff „Idealismus“.

Leider driftet die szenische Collage auch von der gedankenschweren Poesie Büchners regelmäßig auch ins Triviale und Nichtssagende. Denn Gesellschaft bedeutet in Gabriels Drama auch Auseinandersetzung und Konflikt. Regelmäßig ist einer der Akteure trotz gemeinschaftlichem Konsum von Bonbons oder Kaffee und Kuchen außen vor und wird von den anderen floskelhaft angefeindet.

„Nagel mich fest“, ruft eine Akteurin laut aus. Die Darsteller bekreuzigen sich, springen zu stampfenden Beats in die Luft, so dass die Bühnenelemente unter den Füßen laut erzittern.

Auch heute noch fühlen sich untere soziale Schichten weniger in politisch-sozialen Prozessen repräsentiert und beteiligen sich weniger. So kommen Nichtwähler überwiegend aus sozial schwächeren Milieus, wie verschiedene Stiftungen nachweisen. Die Bürgerbeteiligung hat bei Wahlen tendenziell sowieso über die letzten Jahre abgenommen. Da erscheinen die Texte und Dramen des Sozialrevolutionärs, Aktivisten und Schriftstellers Georg Büchner erstaunlich zeitgemäß. Auch heute noch verunsichern, wie in der historischen Situation des Vormärz, Überwachung und Autoritarismus, Krieg und soziale Ungleichheit.



Büchner am Theater der Keller in Köln | Foto (C) Oliver Strömer

Ansgar Skoda - 26. März 2023 (2)
ID 14119
BÜCHNER (Theater der Keller Köln, 24.03.2023)
Regie & Bühne: Björn Gabriel
Kostüm: Anna Marienfeld
Video & Sound: Alice Bleistein
Dramaturgie: Ulrike Janssen
Technik: Tom Thöne, Paul Hollstein
Mit: Anna Marienfeld, Jan Sabo, Susanne Seuffert und Moritz Reinisch
Premiere war am 24. März 2023.
Weitere Termine: 06., 07., 21., 22.04./ 05., 06.05./ 21., 22.06.2023


Weitere Infos siehe auch: https://theater-der-keller.de


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