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Freie Szene

TAX FOR FREE

Der Theatermacher Helge Schmidt arbeitet komödiantisch die Verstrickung von Hamburger Politik und der in illegale CumEx-Geschäfte verwickelten Warburg Bank auf

Bewertung:    



Im Jahr 2018 erschütterte der durch eine Investigativ-Recherche, die sogenannten CumEx Files, aufgedeckte Skandal über die Rückzahlungen von Kapitalertragssteuern, die bei Aktiengeschäften angefallen waren, ganz Europa. Ein Netzwerk von Aktienhändlern, Steuerberatern, Bankern und Anwälten entwendete damit den europäischen Steuerbehörden viele Milliarden Euro. Der CumEx-Steuerbetrug durch den illegalen Dreieckshandel von Aktien kostete den deutschen Steuerzahler nachweislich 31,8 Milliarden Euro, die sich Investoren, Banken und Spekulanten zu Unrecht vom Fiskus erstatten ließen. Einiges davon ist seitdem von den Banken wieder rückgezahlt worden.

Zu besonderer Berühmtheit gelangte aber die Hamburger Privatbank M.M. Warburg, die ebenfalls in den Steuer-Skandal verwickelt ist. Der Hamburger Senat soll in Person des damaligen Bürgermeisters der Hansestadt Olaf Scholz 2016 geheime Gespräche über den Verzicht der Rückzahlung der CumEx-Millionen mit Vertretern der Warburg Bank geführt haben, was der heutige Bundeskanzler bestreitet und sich vor einem Untersuchungsausschuss nicht mehr an den Inhalt der Gespräche erinnern kann.

*

Das ist natürlich filmreifer Stoff. Bereits 2018 brachte der Theatermacher Helge Schmidt das Stück CumEx Papers am Hamburger LICHTHOF Theater heraus. Er erhielt dafür den Deutschen Theaterpreis DER FAUST. 2021 legte er mit dem Stück TAX FOR FREE - Scholz und Tschentscher geben einen aus und Michael Kohlhaas wundert sich nach. Die Produktion, die ebenfalls am LICHTHOF Theater Hamburg Premiere feierte, ist nun als Gastspiel im TD Berlin zu sehen.

Der Hintergrund des Stücks ist schnell erzählt:


„Der Stadtstaat Hamburg fordert 2016 von der Privatbank M.M. Warburg & CO 47 Millionen Euro Steuergelder aus mutmaßlichen Cum-Ex-Geschäften zurück. Dann trifft sich ein Mitinhaber der Bank mit dem damaligen 1. Bürgermeister Olaf Scholz. Wenige Tage danach verzichtet die Finanzbehörde unter Senator Peter Tschentscher auf die Erstattung. Aktuell befasst sich ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss mit dem Fall. Nur was damals besprochen wurde, will heute keiner mehr genau erinnern.“


Der politische Skandal dahinter ist das Thema dieses Abends, in dem es um Gerechtigkeit gehen soll, wie es in einem der Eingangssätze des Stücks heißt. Dazu bedient sich Schmidt bei einem historischen Gleichnis, der für das Theater oft bemühten Kleist-Novelle Michael Kohlhaas. Der in Wut über ergangenes Unrecht entbrannte brandenburgische Roßkamm wurde von einem sächsischen Junker um zwei prächtige Rappen gebracht, die er wegen zu Unrecht erhobener Wegsteuer bei ihm als Pfand zurücklassen musste. Durch Beziehungen zur sächsischen und brandenburgischen Obrigkeit kann der Junker Tronka die von Kohlhaas angestrengte Rechtsfindung erfolgreich behindern.

Der Rest der Geschichte ist hinlänglich bekannt. Als Beispiel für Vetternwirtschaft (Stichwort Lobbyismus) und Rechtsbehinderung kann der Fall auch heute noch dienen. Der Geprellte kommt zwar am Ende zu seinem Recht vor dem sächsischen Kurfürsten, muss aber selbst wegen seiner Untaten, die er infolge seiner Rache begangen hatte, den Kopf auf den Block legen. Ein wenig so fühlt sich heute sicher auch der deutsche Steuerzahler, wenn er nicht gerade andere Probleme hat, die ihm vom Insistieren bezüglich seiner Rechte abhalten. Das Ganze ist aber nicht nur eine Hamburger Provinzposse, in der sich das Bundesfinanzamt für den deutschen Steuerzahler gegen Hamburger Filz durchsetzen muss, sondern auch ein Armutszeugnis für die viel beschworene Demokratie.



Tax for free von Helge Schmidt und Team | Foto (C) Anja Beutler


Auf der kleinen Bühne im TD Berlin stehen stoffbespannte Videowände, die u.a. für die Projektionen der für das Stück befragten ExpertInnen aus Politik, Journalismus und Bürger-Verbänden dienen. Unter ihnen der Investigativ-Journalist Oliver Schröm und der Linken-Politiker und ehemalige Obmann des Wirecard-Ausschusses im Bundestag Fabio des Masi. Die parlamentarische Untersuchung eines weiteren Finanzskandals mit Politikbeteiligung. Auch hier zeigte Olaf Scholz als Bundesfinanzminister erhebliche Erinnerungslücken.

So erfährt man in den kurzen zwischengeschalten Videos einiges aus dem Nähkästchen mühsamer journalistischer Ermittlung und parlamentarischer Aufarbeitung aus erster Hand, während das Spiel des vierköpfige Ensemble wechselnd mit Hilfe von der Presse zugespielten Briefen und Auszügen aus dem Tagebuch des führenden Warburg-Bankers Olearius den Fall auf der Bühne aufrollt. In barocken Kostümen wechseln die DarstellerInnen immer wieder in entscheidende Szenen aus Kleists Kohlhaas, bis sich die Ebenen fast überlagern. So schliddert die Inszenierung von einem kuriosen Funfact zum nächsten und ringt den dokumentarischen Passagen mit Spielzeugpferden, Säckeweiser verbrannter Kohle und Scholz- und Tschentscher-Masken einiges an ironischem Witz ab. Was aber nicht darüber hinweg täuschen soll, dass einem bei all der spürbaren Ohnmacht nicht die Galle überkochen könnte. Politische Petition oder Revolte ist da die große Frage. Letztendlich ist der Abend aber ein Plädoyer für mehr parlamentarische Kontrolle der finanzwirtschaftlichen wie politischen Entscheidungsträger.
Stefan Bock - 5. Februar 2022
ID 13442
TAX FOR FREE (Theaterdiscounter Berlin, 03.02.2022)
Scholz und Tschentscher geben einen aus und Michael Kohlhaas wundert sich

Regie und Fassung: Helge Schmidt
Ausstattung: Atelier Lanika (Anika Marquardt und Lani Tran-Duc)
Video: Jonas Link
Musik: Frieder Hepting
Körperarbeit: Jonas Woltemate
Lichtdesign: Sönke C. Herm
Produktionsleitung: Zwei Eulen (Kaja Jakstadt)
Von und mit: Jonas Anders, Ruth Marie Kröger, Günter Schaupp und Laura Uhlig
Premiere im Lichthoftheater Hamburg: 3. Juni 2021
Berliner TD-Premiere: 03.02.2022
Eine Produktion von Helge Schmidt und Team in Koproduktion mit dem LICHTHOF Theater Hamburg, dem asphalt Festival Düsseldorf und dem TD Berlin


Weitere Infos siehe auch: https://td.berlin


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