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Wo ist Raum

für meine

Angst?



Das süße Verzweifeln am Theater der Keller | Foro © Götz von Vogelstein

Bewertung:    



„Krise als Chance – Hä?“ Gilt das aktuelle Abstandsgebot eigentlich auch für die eigene Angst? Die sichtlich aufgebrachte Darstellerin Melanie Lüninghöner wirft offene Fragen in den Raum. „Wo kann ich mich hinstellen, um zu schreien?“ ruft sie bestürzt aus. Auf der kargen Bühne liegen Rasenballen und ein schwarz glitzerndes Fransengewebe. Auf einem kahlen Strauch in einer Vitrine sind eine Vogelattrappe und eine Geige befestigt. Hinten links befindet sich ein Kühlschrank und rechts ist ein Klavier platziert. Die Alltagsgegenstände bergen wenig Raum für große Posen. Lüninghöner stellt sich auf einen der Ballen. Es folgt ein kurzes und lautes Intermezzo mit Gebrüll, das aus gleich vier Mündern erschallt. Am lautesten und ausdauerndsten scheint dann das Stimmorgan von Philipp Sebastian. Verzweiflung birgt hier einen Spielantrieb, um miteinander zwanglos Gefühle des vielleicht Zukurzgekommenseins zu verhandeln.

Prompt werden Skelette beim Totentanz auf die Bühnenwand projiziert. Auch die vier Akteure bewegen sich bald im Rhythmus der Musik vor den eingeblendeten Skeletten. Fragen nach der Endlichkeit, dem Lebenssinn und der eigenen Bedeutungslosigkeit brechen sich Bahn. Das Publikum wird mit morbiden Selbstmordgedanken und seelischen Abgründen konfrontiert.

Emanuel Tandler (Liebe et Cetera, Theater Bonn 2021) inszeniert mit Das süße Verzweifeln eine kleine Hommage an den Starjournalisten André Müller (1946-2011) und stellt dabei die ganz großen Fragen des Seins. Als freischaffender Journalist sprach Müller mit Berühmtheiten wie Peter Handke oder Leni Riefenstahl. Seine zentralen Lieblingsthemen waren dabei Angst, Tod, Verzweiflung, Selbstmord und das Scheitern. Tandler verwendet Auszüge aus ausgewählten Gesprächen für eine sogenannte Privatkomödie über die „Crazy Privacy“ der „High Society“, so der Untertitel seiner sich bittersüß windenden Produktion.

Matthias Lühn und Susanne Seuffert ergänzen die beiden anfangs genannten Akteure. Das Quartett stellt in wechselnden Rollen Interviewsituationen nach, singt oder lässt die Sprechfäden eines Interviewten wie bei einer Marionette schwingen. Alle tragen als André Müller elegante graue Jacketts und Anzughosen. Neugierig befragen die Akteure Hanna Schygulla (Susanne Seuffert) nach ihrer möglichen Unterdrückung durch Rainer Werner Fassbinder. Im lakonischen Gestus spricht der Schriftsteller Thomas Bernhard (Philipp Sebastian) über seine zahlreichen Selbstmordversuche, die er schon als Kind verübte. Hildegard Knef (Susanne Seuffert) plaudert offen über ihre Harmoniesehnsucht und reale Einsamkeit. Matthias Lühn zeigt als Torwart Toni Schumacher seinen durchtrainierten Körper, wird jedoch beim Thema Sportverletzungen von Müller (Philipp Sebastian) provokant darauf gestoßen, dass er sich selbst zerstört habe.

Ein eingespieltes Video der Regisseurin Sandra Riedmair porträtiert die wechselnden Müller-Darsteller bei einem Wortgefecht mit Alice Schwarzer (Videodarstellerin: Laura Sundermann). Schwarzer ist offensichtlich deutlich angriffslustiger als Harald Schmidt, über dessen Drögheit sich Müller enerviert auslässt. Elfriede Jelinek (Melanie Lüninghöner) spricht mit Müller über ihr Entsetzen als Jugendliche angesichts des Verbrechens des Nationalsozialismus; eine Art Selbstverachtung und Hassgefühle: „Dann muss ich mich selber hassen. Da hilft gar nichts. Der Hass ist mein Motor. Nicht hassen zu müssen, wäre für mich eine Erholung. Aber diese Erholung ist mir offenbar nicht gegönnt.“ Auch die Müller-Figuren werden mitunter von Selbstzweifeln angetrieben. Bald sehen sie zaudernd ihr Gesicht in einem Spiegel an und erklären in Wiederholungsschleife: „Kenne ich nicht. Wasche ich nicht.“

Das erfrischend absurde Stück über Eitelkeiten und intime Begegnungen interessiert sich insbesondere auch für die Person Müllers. Es werden Originalaufnahmen von Müller im Gespräch mit seiner Mutter eingeblendet. Man erfährt hier etwas über seine Kindheit und das schwierige Verhältnis zu seinem leiblichen Vater, ohne den er aufgewachsen ist. Auch gesangliche Einlagen bereichern den Abend. Melanie Lüninghöner singt berückend „The Sound of silence“ von Simon und Garfunkel. Später interpretiert das Darstellerquartett „Der Tod, das muss ein Wiener sein“ von Georg Kreisler und Topsy Küppers in Erinnerung an den österreichischen Journalisten Müller. Ganz kolossal. Der Rest ist Schweigen.



Das süße Verzweifeln am Theater der Keller | Foro © Götz von Vogelstein

Ansgar Skoda - 30. Januar 2022
ID 13429
DAS SÜSSE VERZWEIFELN (Theater der Keller, 28.01.2022)
Bearbeitung & Regie: Emanuel Tandler
Kostüme & Bühne: Lara Hohmann
Dramaturgie: Ulrike Janssen
Regieassistenz: Kathrin Gölz
Video André Müller vs. Alice Schwarzer:
Alice Schwarzer ... Laura Sundermann
Kamera & Konzept: Krzysztof Honowski
Ton & Licht: Timothy Bidwell
Mi: Matthias Lühn, Melanie Lüninghöner, Philipp Sebastian und Susanne Seuffert
Premiere war am 11. Juni 2021.
Weitere Termine: 25.02./ 25.03.2022


Weitere Infos siehe auch: https://theater-der-keller.de


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