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nachDRUCK # 6

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Uraufführung

Io!

Weh!

Das Narrativ!



FORECAST: ÖDIPUS von Thomas Köck - am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Katrin Ribbe

Bewertung:    



Großes Theater am Schauspiel Stuttgart. Zu verdanken ist es dem Regisseur Stefan Pucher. Er hat für die Uraufführung von forecast:ödipus. living on a damaged planet (τύφλωσις, II) des überaus produktiven Österreichers Thomas Köck der Generation Palmetshofer, Arzt, Steinbuch, Schmalz aus dem Ensemble Qualitäten heraus geholt, die sich ansonsten kaum entfalten konnten. Michael Stiller beispielsweise, der zum Altbestand der Stuttgarter Riege gehört, war immer schon ein guter Schauspieler, aber er steht häufig in der Gefahr, seinen Manierismen zu erliegen. Als der blinde Seher Teiresias hat er sich ihrer entledigt. Und Sebastian Röhrle, ebenfalls seit langem am Stuttgarter Theater beheimatet, überschlägt sich in der kleinen Rolle des Kreon in virtuoser, den Charakter kennzeichnender Gestik. Auch Therese Dörr als Iokaste darf sich bis zur Groteske körperlich und mimisch verkrümmen, ohne das Maß zu überschreiten. Und Teresa Annina Korfmacher, Jannik Mühlenweg und Valentin Richter geben den Chor der Greise in Beige, mehr Loriot als Sophokles, zum Schreien komisch, aber stets, bei aller Ironisierung, mit dem Bewusstsein von der dramaturgischen Funktion des Chors im antiken Drama. Für die Titelrolle posiert mehr als dass er sie spielt der Gast Thomas Hauser. Geblendet wird er, wie im antiken Theater üblich, hinter der Bühne. Den Durchblick gewinnt er offenbar auch dann nicht, wenn er sich, vorgekrochen zur Rampe, den blutigen Verband von den Augen, pardon: den Augenhöhlen nimmt.

Bühnenwirksam wie die Schauspielerführung ist das Bühnenbild von Nina Peller: ein durch schlichte Treppen verbundenes Gerüst, in der Mitte eine überdimensionale Maske, die als Fläche für Projektionen dient und später durch weitere, in den Vordergrund geschobene Projektionsflächen ergänzt wird. Rechts und links intonieren eine Posaune und eine weibliche Stimme die treffsicher eingesetzte Musik von Christopher Uhe. Den Rest erledigen die Lichtregie von Felix Dreyer und die Phantasiekostüme von Annabelle Witt.

Das neue Stück von Thomas Köck hält sich weitgehend an die Konstellation der mythischen Figuren, wie wir sie von Sophokles kennen, und konfrontiert sie, durch ergänzende Motive und sprachlich, mit unserer Gegenwart des Computerzeitalters und der Autogesellschaft. Rhythmus und Metrum in längeren Passagen und die Rhetorik des „gehobenen Stils“ kontrastieren mit Jargon und Vulgarismen, wie sie in der österreichischen Dramatik seit Wolfgang Bauer und Werner Schwab fast schon erwartbar sind. Auch Bildungspartikel und modische Anglizismen wie „am Ende des Tages“ finden hier ihren Platz. Der Seher wird zum „Expertenberater“ und hat zugleich die Weisheit und die Illusionslosigkeit eines Mephisto.

Das alles hat mit seiner Profanierung des Stoffes etwas von einem Schülerulk, transgrediert diesen jedoch durch die Elaboriertheit der Sprache. Warum aus dem sophokleischen Hirten eine Hirtin werden muss, hat sich dem Rezensenten nicht erschlossen. Ist das bloß eine Konzession ans Gendern? Oder fällt Köck auf das Märchen von der Mütterlichkeit herein?

Das unentrinnbare Schicksal, an das man in der Antike glaubte und für dessen Darstellung das analytische Drama die angemessene Form ist, kann für Thomas Köck allenfalls noch Metapher sein. An seine Stelle tritt bei ihm der Widerspruch zwischen dem Bewusstsein von den drohenden Katastrophen ökonomischer und ökologischer Art und der Unfähigkeit so zu handeln, wie diese es erforderten.

Köck kommt zu der Erkenntnis, dass unsere heutigen Probleme nicht mit der Tilgung der Schuld eines Ödipus gelöst werden können. Das ahnten wir fast. Das Theater hat sich verändert. Die tragische Fallhöhe des „Narrativs“ vom Vatermörder und Mutterschänder ist unterwegs verloren gegangen. Furcht und Mitleid sind fast schon lächerlich. Gewonnen wurde die Verbindung zu unserer Lebenswelt und, im Programmheft, zu Antonio Gramsci. Immerhin erinnert uns der Theaterabend auf sinnliche Weise an jene Wahrheit, die den Stuttgarter Spielplan zusammenhält: dass „back to normal“ keine Option ist. Zustimmung, viel Applaus, und dann back to Würstchen und Kartoffelsalat am Buffet.

Es bedarf keines Delphischen Orakels um vorherzusagen: diese Uraufführung wird ihren Weg, wenn nicht zum nächstjährigen Berliner Theatertreffen, zu den Mülheimer Theatertagen finden.



FORECAST: ÖDIPUS von Thomas Köck - am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Katrin Ribbe

Thomas Rothschild – 15. Mai 2023
ID 14200
FORECAST:ÖDIPUS (Schauspielhaus, 13.05.2023)
LIVING ON A DAMAGED PLANET (τύφλωσις, II) von Thomas Köck

Inszenierung: Stefan Pucher
Bühne: Nina Peller
Kostüme: Annabelle Witt
Musik: Christopher Uhe
Video: Hannes Francke/ Ute Schall
Licht: Felix Dreyer
Dramaturgie: Carolin Losch
Mit: Thomas Hauser (Ödipus), Therese Dörr (Iokaste), Sebastian Röhrle (Kreon), Michael Stiller (Teiresias), Katharina Hauter (Pythia), Celina Rongen (Eine sterbende Priesterin), Marietta Meguid (Eine Dienerin), Josephine Köhler (Eine Botin) sowie Teresa Korfmacher, Jannik Mühlenweg und Valentin Richter (Ein greiser Chor) als auch den Musiker:innen Meike Boltersdorf und Tim Neumaier
UA am Schauspiel Stuttgart: 13. Mai 2023
Weitere Termine: 01., 09., 11., 16.06./ / 13., 16., 21.07.2023


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de


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