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Zeitreisen



State of Affairs von Yael Ronen und Roy Chen am Thalia Theater Hamburg | Foto (C) Krafft Angerer

Bewertung:    



State of Affairs, also Zustand oder Situation, heißt das neue Stück von Yael Ronen, das die israelische Regisseurin und Autorin gemeinsam mit dem israelischen Autor, Dramatiker, Theatermacher und Übersetzer Roy Chen für das Thalia Theater Hamburg geschrieben hat. Es klingt ein wenig wie Sience Fiction, was da im Vorankündigungstext des Thalia Theaters zu lesen ist. Das Thalia Theater wäre Opfer einer Cyberattacke geworden, wie Maja Beckmann, Nils Kahnwald, Tim Porath, André Szymanski zu Beginn des Abends an der Rampe erzählen. Das Aufführungsteam hat eine Videobotschaft aus dem Jahr 2121 erhalten, in der die Ankunft eines Gastes angekündigt wird. Eine Person, die bald Einfluss auf den Lauf der Geschichte nehmen wird. Ein Besucher oder eine Besucherin, die in einem Jahr eine Aufführung des Stücks State of Affairs sehen wird. Daher werden die Botschafter aus der Zukunft (im Video sind das die vier SpielerInnen des Abends, deren Gesichter computergesteuert gealtert wurden) das Stück umschreiben, um die Gedanken der Zuschauerin oder des Zuschauers in eine richtige Richtung zu lenken, die für die Menschheit nützlich ist.

Soweit so etwas umständlich erklärt, worum es hier gehen soll. Um die Welt ist es nicht gut bestellt. Wer wüsste das nicht? Und dennoch ändert sich wenig oder alles wird eher immer schlimmer. Wir leben in „gelinde gesagt interessanten Zeiten“, raunen uns die Stimmen aus der Zukunft zu. Die Menschheit stünde am „Wendepunkt der Zivilisation“, heißt es da weiter. Kleiner geht es an diesem Abend nicht. Das Team des Thalias wird zur Rettung der Situation vom BND und Verfassungsschutz zum Spielen verdonnert. Tim Porath spielt hier zunächst einen Bundesbeamten für Sicherheit und Informationstechnik, der die Rollen zuweist. Sich selbst und einen zeitreisenden Lektor muss er auch noch geben. Die anderen fügen sich mehr oder weniger bereit in ihre Rollen, wobei persönliche Befindlichkeiten, Abneigungen und Wünsche geäußert werden.

Es folgt eine Art Spiel im Spiel. Das aus der Zukunft bearbeitete Stück wird auf der Bühne geprobt. André Szymanski ist der Regisseur und Hauptdarsteller, ein ehemals erfolgreicher Schriftsteller Roman Kaminski, der für seine letzten Werke von der Kritik nur noch verrissen wurde. Er streitet sich mit seiner Verlegerin Eva (gespielt von Maja Beckmann), die sein neuestes Werk zu lang und seltsam findet. Nils Kahnwald gibt den Erzähler und hat eigentlich höhere Ambitionen und eigene Ideen. In diese Situation platzt nun Tim Porath als Lektor aus der Zukunft, der Kaminski dazu bewegen will, sein Manuskript zu ändert, da sonst in der Zukunft ein Extremist, beeinflusst durch das Werk ein Bombenattentat begehen und einen Krieg auslösen wird. Das hat der Zeitreisende schon öfter versucht. Als Beispiele werden hier u.a. Jane Austin, Leo Tolstoi und Karl Marx bemüht. Den Autor des Kapitals und Kommunistischen Manifests, der sich natürlich nicht um die Einwände des Zeitreisenden geschert hat, darf Nils Kahnwald kurz mal mit Rauschebart und Perücke geben.

So hangelt sich das Stück vor schön anzusehenden, farbig angestrahlten Vorhängen, die an Schienen bewegt werden (Bühne: Evi Bauer), zunächst von Gag zu Gag, bis es dann doch noch etwas ernster und gehaltvoller zu werden scheint. Kahnwald spielt nun erst den glühenden Patrioten mit Pistole, der sich dann durch Einfluss des Zeitreisenden zum Pazifisten wandelt. Die reale Figur aus der Geschichte ist Siegfried Sassoon, ein britischer Dichter, der als Offizier im Ersten Weltkrieg kämpfte und nach einem traumatischen Erlebnis ein öffentliches Bekenntnis gegen den Krieg verfasste, aus dem Kahnwald hier zitiert. Man kann das als allgemeine Einstellung gegen jegliche Bestrebung, Konflikte mit Waffengewalt zu lösen, nehmen. Das zumindest ist eine Botschaft des Abends, wenn so gewollt.

Das es irgendeiner Beeinflussung aus der Zukunft bedarf, um die Welt vorm Abgrund zu retten, ist als Plot nicht gerade neu. Soweit will der doch etwas unbedarft komödiantische Abend sicher auch nicht gehen. Dafür stehen den Protagonisten des Spiels ihre eigenen Egos im Weg, was man sicher auch gut in der Wirklichkeit beobachten kann. Und wie es dem Künstler Kaminski dann doch nicht gelingt, über seinen Schatten zu springen, so muss auch der Zeitreisende scheitern. Und wie nicht anders zu erwarten, folgt hier am Ende der schon zu Beginn erwähnte Wink ins Publikum, den „ahnungslosen Katalysator“, ob es hier nicht vielleicht auch selbst gemeint ist (für die, die es vielleicht doch nicht ganz verstanden haben), den Lauf der Geschichte zu ändern. Das ist dann fast schon brechtisch, wäre der Abend vor dieser klaren Erkenntnis nicht doch etwas zu weit um die Ecke gedacht. Trotzdem großer Jubel und Standig Ovations für das Ensemble und Produktionsteam vom Premierenpublikum.



State of Affairs am Thalia Theater Hamburg | Foto (C) Krafft Angerer

Stefan Bock - 5. Mai 2024
ID 14732
STATE OF AFFAIRS (Thalia Theater Hamburg, 04.05.2024)
von Yael Ronen und Roy Chen

Regie: Rael Ronen
Bühne: Evi Bauer
Kostüme: Amit Epstein
Dramaturgie: Christina Bellingen
Musik: Yaniv Fridel und Ofer (OJ) Shabi
Video: Stefano Di Buduo
Licht: Paulus Vogt
Tonmeister: Sven Baumelt und Claudio Liertz
Mit: Maja Beckmann, Nils Kahnwald, Tim Porath, André Szymanski, Yida Guo und Statisterie
UA war am 4. Mai 2024.
Weitere Termine: 05., 08., 19., 25.05./ 02., 05., 14., 27.06./ 03., 09.07.2024


Weitere Infos siehe auch: https://www.thalia-theater.de/


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