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Premierenkritik

Choreo-

grafiertes

Versepos



LUNA LUNA von Maren Kames am Schauspiel Leipzig | Foto (C) Rolf Arnold

Bewertung:    



Die Lyrikerin Maren Kames war in der letzten Zeit oft im Gespräch als Übersetzerin der israelischen Dramatikerin Sivan Ben Yishai, die mit ihren Stücken gerade sehr erfolgreich ist, weil sie mit den Texten den Nerv der Zeit trifft und daher wohl auch mit Preisen geradezu überhäuft wird. Dahinter ist fast verschwunden, dass diese starken Texte auch kongenial übersetzt wurden und dass Maren Kames selbst über ein bemerkenswertes Werk im Bereich der Lyrik verfügt. Bisher erschienen sind die Bände Halb Taube Halb Pfau (2016) und Luna Luna (2019). Mit Luna Luna war Maren Kames 2020 sogar für den Preis der Leipziger Buchmesse im Bereich der Belletristik nominiert. Was gleichzeitig impliziert, dass es sich bei diesem Buch nicht um einen originären Lyrikband handelt, sondern um eine Erzählung in Versform, in der eine Protagonistin eine Art Reise zu sich selbst unternimmt, wobei sie ihre Eindrücke, Gefühle und musikalischen Vorlieben mitteilt. Ein „wild ausuferndes Langgedicht“ (Deutschlandfunk Kultur), das in sprachmächtigen Worten zwischen Pop, Punk, Rapp und Dada mühelos hin und her switcht. Die Literaturkritik überschlug sich mit Attributen wie „hypnotischer Nachtgesang“, „spätdadaistisches Gesamtgeballer“ oder „wildassoziierende lunatische Fantasie“.

Maren Kames‘ rhythmische Versdichtung ist einem Fließtext des postdramatischen Theaters nicht ganz unähnlich. Und so gab dann auch Tom Wohlfahrt in seiner Kritik für das Neue Deutschland gleich einen „Service-Hinweis für Intendanten: Die Uraufführungsrechte sind noch zu haben.“ Das hat sich der Leipziger Intendant und Regisseur Enrico Lübbe nicht zweimal sagen lassen und Kames‘ Epos unter dem Titel Luna Luna mit Musik- und Choreografie-Unterstützung auf die Bühne des Schauspiel Leipzig gebracht. Aber wie lässt sich nun dieser an sich schon als „Gesamtkunstwerk“ wirkende Text, der in weißen Lettern auf schwarze Buchseiten daherkommt, mit den Mitteln des Theaters in Szene setzen? „Das wird super“, verheißt der Abend gleich zu Beginn.

Das lyrische Ich in Luna Luna namens „mödchen“ bezeichnet sich ähnlich wie die britische Popsängerin Annie Lennox in ihrem Song No more „I love you‘s” als „lunar“, in ihren „gloriöseren tagen“ genießend, aber auch leidend und „entzwei gebrochen/ und nicht wieder heil geworden“. In Leipzig wird sie verkörpert von Lisa-Katrina Mayer im spacigen Overal. Die Kostüme hat Josa Marx entworfen. Besonders der musikalisch begleitende Chor tritt in leuchtenden oder sogar glitzernden Fantasie-Kostümen auf. Im Text und in den Fußnoten von Maren Kamens gibt es immer wieder Verweise auf Popsongs, was Enrico Lübbe auch folgerichtig zu Gesangseinlagen nutzt. Das rückt den Abend in die Nähe eines Musicals - allerdings auf Kosten des Textes, der von der inneren Zerrissenheit einer jungen Frau erzählt, die am Ende aus den Konventionen eines Fakelands ausbricht.

Lübbe geht hier den naheliegenden Weg, den Text nicht nur zu bebildern, sondern die Songs auch in choreografierten Nummern darzubieten. Neben Annie Lennox sind das u.a. Bon Iver, Alphaville, Portishead oder David Bowie, deren Songs diesen Abend bestimmen. Irgendwann landet das sogar bei der bekannten Helene-Fischer-Nummer Atemlos. Die Bühne von Katrin Nottrodt besteht aus innereinander verschachtelten Portalen, auf die in Großbuchstaben Textfragmente projiziert werden. Begleitet wird die Hauptperson von den Schauspielern Tilo Krügel als älterer Herr, Christoph Müller als Mutter und Michael Pempelforth als innerer, Zweifel säender Dämon namens Scheitan mit blauen Trollhaaren. Zwischendrin hängt die Inszenierung leider dramaturgisch etwas durch. Es dominieren meist eingeschobene Bühnenrequisiten wie eine Ziege, ein Raumschiff oder ein riesiger silberner Mond. Der Text von Maren Kames trägt den Abend nicht durchweg über die zwei Stunden. Musikalisch und darstellerisch ist das trotzdem ein Genuss. Das Ensemble wird am Ende nicht unverdient gefeiert. Zum angestrebten Gesamtkunstwerk wird die Inszenierung aber leider nicht.



LUNA LUNA am Schauspiel Leipzig | Foto (C) Rolf Arnold

Stefan Bock - 1. Oktober 2022
ID 13829
LUNA LUNA (Schauspiel Leipzig, 30.09.2022)
von Maren Kames

Regie: Enrico Lübbe
Musikalische Leitung: Daniel Barke
Bühne: Katrin Nottrodt
Kostüme: Josa Marx
Choreographie: Salome Schneebeli
Dramaturgie: Torsten Buß
Video: Kai Schadeberg und Fabian Polinski
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Mit: Tilo Krügel, Lisa-Katrina Mayer, Christoph Müller, Michael Pempelforth & als Chor: Sabrina Häckel, Lilly Ketelsen, Diana Labrenz, Alice Wohlust, Jonas Enseleit, Carsten Göpfert, Toni Linke, Martin Lorenz und Daniel Barke
UA war am 30. September 2022.
Weitere Termine: 08., 16.10.2022


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-leipzig.de/


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