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Der schwarze Mönch

Kirill Serebrennikov inszeniert am Thalia Theater Hamburg Anton Tschechows magische Sicht auf Genie und Wahnsinn als Parabel auf die Kunstfreiheit

Bewertung:    



Der russische Regisseur Kirill Serebrennikov durfte nach seiner Verurteilungen wegen angeblich veruntreuter Subventionen 2017 vier Jahre nicht reisen. Nun konnte er überraschend doch zur Vollendung seiner neuen Inszenierung, die zuvor in Moskau geprobt wurde, an das Thalia Theater nach Hamburg kommen. Die 1893 von Anton Tschechow geschriebene Erzählung Der schwarze Mönch behandelt die Frage von Freiheit, Wahnsinn und Genie. Der von seiner Arbeit gestresste junge Universitätsangestellte Andrej Kowrin erholt sich bei Bekannten auf dem Land. Sein Ziehvater Jegor Semjonowitsch Pessozkij und dessen Tochter Tanja betreiben dort einen Garten, von dem ihm der Alte immer wieder vorschwärmt. Sie unterhalten sich auch über die Arbeit, die Freiheit und den Kampf um Wahrheit. Für den Alten ist der Garten ein Sinnbild für die Vollkommenheit. Das Ziehen von Sträuchern kann man dabei als Gleichnis für das Formen von Menschen sehen. Kowrin fühlt sich aber zu Höherem berufen als zu einem dem Frost standhaltenden Strauch.

Er halluziniert ein metaphysisches Alter-Ego, den titelgebenden Schwarzen Mönch aus einer alten arabischen Legende, der ihn in gemeinsamen Gesprächen in seinen Bestrebungen bestärkt. Kowrin glaubt nun ein Auserwählter zu sein, ein genialisches Individuum und nicht nur ein funktionierendes Herdentier. Er heiratet Tanja und freut sich an seinem Lebensglück, das allerdings nicht lange währt. Nachdem Tanja bemerkt, dass Kowrin mit einem Phantom spricht, hält sie ihn für verrückt und überredet ihn, sich heilen zu lassen. Was folgt ist Trübsinn. Kowrin kann sich nicht mit Normalität und Mittelmaß abfinden. Er trennt sich im Streit von Tanja und ihrem Vater. Jahre später, er lebt nun mit einer anderen Frau und leidet an Blutstürzen, sieht Kowrin zum letzten Mal den Mönch, der ihm Vorwürfe macht, ihm nicht geglaubt zu haben. Kowrin stirbt lächelnd nach einem letzten Blutsturz.

Mit diesem religiös-philosophischen Stoff verarbeitete Tschechow auch persönliche Erlebnisse und beständige Lebenskrisen. Für Serebrennikov kann das durchaus ähnlich sein. Wobei für ihn immer das Bild des einsamen Genies als Künstler im Vordergrund stehen dürfte. Der Regisseur lässt in seiner Inszenierung die Geschichte in 4 Teilen immer wieder von vorn spielen. Eine Art Rondoform aus Wiederholungen und Variationen, wird doch jeder Teil aus der Perspektive einer anderen Figur neu erzählt. Erst aus der des Vaters, dann aus der Erinnerung der gealterten Tanja, dann aus der Sicht der gespaltenen Psyche Kovrins, wobei hier auch endlich sein Ende miterzählt wird. Und schließlich gibt es im 4. Teil ein chorisches und tänzerisch choreografiertes spirituelles Kunsterlebnis, das nun den vervielfältigten Mönch in den Mittelpunkt der pausenlosen zweieindreiviertelstündigen Inszenierung stellt.

*

Kirill Serebrennikov arbeitet wie schon bei seiner Produktion Decamerone am Deutschen Theater Berlin mit einem internationalen Ensemble aus Deutschland, Russland, Amerika, Armenien und Lettland. Wie wichtig und bedeutend das gerade jetzt ist, konnte man damals sicher noch nicht erahnen. Denn vor allem das Verbindende der Kunst über Grenzen hinaus macht diesen Abend jetzt so bedeutend. Letztendlich hilft das auch über ein paar dramaturgische Schwächen der Inszenierung in den ersten beiden Teilen, in denen sich das Ensemble durch einige Redundanzen kämpft.

Mirco Kreibich als Kovrin, Bernd Grawert als der Alte und Viktoria Miroschnichenko als Tanja bestimmen den ersten noch recht konventionell inszenierten Teil. Im zweiten kommt Gabriela Maria Schmeide als ältere Tanja hinzu. Eine durchaus interessante Variante, die die Frauen-Figur aufzuwerten versucht. Auf den Kovrin von Mirko Kreibich treffen nun zwei weitere, von Filipp Avdeev und Odin Biron gespielte Kovrin-Figuren, was ab dem dritten Teil durch mehrere schwarz gewandete Mönchsdarsteller dramatisch verstärkt wird. Hier bekommt die Inszenierung endlich auch einen gewissen spirituellen Drive. Die Szenen mit den tranceartigen Gesangs- und Tanzeinlagen der Mönche werden von der durch Kirill Serebrennikov mit drei Gewächshäusern, vier Sonnenscheiben und Videoprojektionen gestalteten Bühne zu einem starken Gesamtkunstwerk ergänzt.



Der schwarze Mönch am Thalia Theater Hamburg | Foto (C) Krafft Angerer

Stefan Bock - 9. März 2022
ID 13506
DER SCHWARZE MÖNCH (Thalia Theater Hamburg, 04.03.2022)
Regie und Bühne: Kirill Serebrennikov
Co-Regie / Choreographie: Evgeny Kulagin und Ivan Estegneev
Kostüme: Tatyana Dolmatowskaya
Musik: Jēkabs Nīmanis
Musikalische Leitung: Ekaterina Antonenko und Uschi Krosch
Musikalisches Arrangement "Serenade": Andrei Poliakov
Musikalische Einstudierung: Uschi Krosch
Licht: Sergej Kuchar
Video: Alan Mandelshtamm
Dramaturgie: Joachim Lux
Mit: Mirco Kreibich, Filipp Avdeev, Odin Biron, Bernd Grawert, Viktoria Miroschnichenko, Gabriela Maria Schmeide und Gurgen Tsaturyan sowie (bei den Sonnenauf- und -untergängen) Tillmann Becker, Genadijus Bergorulko, Viktor Braun, Chris Jäger, Tim Czerwonatis, Pavel Gogadze, Friedo Henken, Alexander Tremmel und Daniel Vliek
UA war am 22. Januar 2022.
Weitere Termine: 22., 23., 03. / 14., 15.03.2022


Weitere Infos siehe auch: https://www.thalia-theater.de/


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