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Gastspiel

Wärmende

Flammen

und männliche

Engel für

Charlie

ZWISCHENWELTEN mit dem Ballett am Rhein


Rose Nougué-Cazenave in der Titelrolle in The little match girl passion | Foto © Sandra Then

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Abgehackte, kleine, ruckartige und einfache Bewegungen stellen Eingeschränktheit und Zerbrechlichkeit in der Bewegungssprache heraus: Stocksteif und zitternd steht das Mädchen (Rose Nougué-Cazenave) im weißen Nachthemd in der Kälte, bietet Streichhölzer am Silvesterabend zum Verkauf an. Niemand interessiert sich für sie ernsthaft oder kauft ihr etwas ab. Die Kälte (Joaquin Angelucci) umgibt sie. Als sie selbst eines der Streichhölzer entzündet, wird sie in die ausschweifend vibrierenden Bewegungen einbezogen. Eine tanzenden Gemeinschaft und lebendige Interaktion der Wärme (Courtney Skalnik, Wun Sze Chan, Yoav Bosidan) und des Feuers (Charlotte Kragh) umgeben sie. Bald fließen auch die Bewegungen des Mädchens. Doch sie hat nur noch ein weiteres Schwefelhölzchen. Das erfrierende sanfte Gleiten in den Tod erlaubt auch aufgrund der eindringlichen Musik ein sinnliches Nachspüren.

Zwei Choreografien des BALLETTS AM RHEIN zeigten diese Woche tänzerisch Zwischenwelten in der Oper Bonn. Die Koproduktion und Gastspielkooperation mit dem Beethovenfest Bonn wurde in der Bundesstadt auch aufgrund der gelungen Live-Musikbegleitung auf der Bühne gefeiert. Demis Volpi, Direktor und Chefchoreograph des BALLETTS AM RHEIN, erforscht Möglichkeiten des Erzählens in The little match girl passion. Das Kunstmärchen (1845), das an Silvester spielt, wurde vor vier Jahren als Stück des Bundesjugendballetts uraufgeführt. Hans Christian Andersens Märchen Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern wird zu einer Vokalkomposition des Amerikaners David Lang (*1957) tänzerisch in Szene gesetzt.

Gedehnte englischsprachige Gesangspartien von Sopranistin Viola Blache, Altistin Helene Erben, Tenor Mirko Ludwig und Bass Sönke Tams Freier hallen nach. Komponist David Lang, der 2008 für seine Komposition den Pulitzer-Preis für Musik erhielt, verarbeitet darin strukturelle Elemente der Matthäus-Passion von J.S. Bach und Choraltexte. Wärme und Kälte und das Verhältnis von Leben und Tod werden in Bewegungswelten effektvoll ausgelotet.

*

In der zweiten Aufführung des Abends, der am 7. September 2022 im Theater Duisburg uraufgeführten Choreographie Don’t look at the Jar geht es um Konstruktionen von Identität und Geschlechtervisionen im kraftvollen Miteinander. „Don't look at the jar, but at what's inside it.“ Dieses hebräische Sprichwort warnt davor, sich von Äußerlichkeiten täuschen zu lassen und innere Werte nicht zu erkennen. Das Sprichwort inspirierte den franko-israelischen Choreografen Gil Harush zu seiner gleichnamigen Produktion.

Dramatische Live-Musik begleitet auch diesen Teil. Das Streichquintett Wooden Elephant performt das einzige Album Oil of Every Pearl’s Un-Insides (2018) der Musikerin Sophie. Sophies melodisches Avantgarde-Elektro-Klangspektrum wird in zeitgenössische, harmonische klassische Sphären übersetzt. Die transsexuelle Künstlerin Sophie Xeon verstarb 2021 mit 34 Jahren bei einem Kletterunfall. Rhythmen, Vibrationen und Klangfarben der akustischen Instrumente beleben das dynamische Bühnengeschehen.

Übereinander in Linien gespannte Lichter deuten im Bühnenhintergrund eine Schaubude an.Die Bewegungssprache der Tänzerinnen und Tänzer fesselt aufgrund zahlreicher synchroner Formationen und Bilder, die sich regelmäßig auflösen. Choreographische Szenerien gehen ineinander über, es gibt szenische Wiederholungen. Ein Mann tritt in High Heels auf die Bühne, ein anderer trägt Strapse, bald halten zwei Händchen. Frauen tragen traditionell männlich konnotierte Kleidungsstücke oder zeigen sich oben ohne.



Don't look at the Jar mit dem Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg | Foto © Sandra Then


Gil Harush, der nicht nur Choreograph sondern auch Psychotherapeut ist, präsentiert sich mit Don’t look at the Jar erstmals dem deutschen Publikum. Im Programmheft zum Tanzabend äußert er sich auf Seite 24 folgendermaßen zu Individualität, Identität und Gender: „Der weibliche Körper ist mit seinen Organen nach innen ausgerichtet, der männliche ist dazu angelegt, zu explodieren, sich aufzurichten. Dem einen Körper wohnt es inne, für sich zu behalten, ein Geheimnis zu bewahren und Leben zu spenden, dem anderen mehr eine Offenheit, eine freigiebige Großzügigkeit.“

Gegen Ende provoziert die Produktion noch einmal effektvoll. Minutenlang stehen sich nach Geschlechtern getrennte Tänzergruppen eingefroren einander gegenüber, bevor die Frauen rufen „Good Morning Angels“ und die Männer antworten „Good morning Charlie“. Hier wird auf die erfolgreiche amerikanische 70er-Jahre-Krimiserie Charlies Angels verwiesen, in der ein unsichtbarer Mann, Charlie, drei Privatdetektivinnen mit knarziger Stimme Aufträge zuteilt, nachdem er sie morgens begrüßt. Die Vorführung spielt mit dem klischeereichen Frauenbild und Image der Serie, indem sie die Geschlechterrollen auf der Bühne vertauscht. Dieser Kniff regt dazu an, darüber nachzudenken, warum Frauen als ausführende Kämpferinnen eines Playboys, der sich stets im Hintergrund hält, zur erfolgreichen Marke wurden. Ein überraschender Gag gegen Ende der temporeichen und eindrücklichen Performance.
Ansgar Skoda - 18. September 2022
ID 13810
Weitere Infos siehe auch: https://www.operamrhein.de/ueber-uns/ballett/


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Ballett | Performance | Tanztheater



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