Dampf ablassen
gegenüber
Schweißtreibern
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Meine Kirschen, mein Garten, mein Geld am Theater Bonn | Foto © Matthias Jung
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Bewertung:
Die Welt ist in der Verteilung des Reichtums wohl so ungerecht wie nie zuvor. Dies ruft bisweilen Wut hervor. Mit Geld erkauft man Freiheit oder Herrschaft, setzt Energie frei. Man kann es für sich selbst horten oder unter mehreren aufteilen. Geld bestimmt und kontrolliert fast jeden Aspekt des Lebens, wird jedoch gleichzeitig als Tabuthema behandelt. Mit Meine Kirschen, mein Garten, mein Geld haben Regisseurin Rebekka David & Ensemble mit dem neoliberalen Kapitalismus und unserer gesellschaftlichen Unfähigkeit, offen über Geld zu sprechen, abgerechnet.
Die Inszenierung schreibt das Ende von Anton Tschechows Der Kirschgarten fort: Nach dem Verlust des einstigen Sehnsuchtsortes kehren die Figuren zurück und stellen fest, dass der Garten im Zeitalter der neoliberalen Selbstausbeutung kommerzialisiert und zu einem lukrativen Anlageobjekt umgewandelt wurde.
Bühnenbildnerin Aleksandra Pavlović bricht mit der melancholischen Natur-Ästhetik von Tschechows Klassiker und übersetzt das Areal in eine künstliche, sterile Wellnesswelt des Kapitalismus. Der einstige Zufluchtsort erscheint kommerzialisiert, das Anwesen dient als Immobilienobjekt. Statt Kirschbäumen sehen wir leblose Requisiten. Ein Golf-Caddy fungiert als Transportmittel für die Figuren. Das Herzstück des Bühnenbilds ist eine quaderförmige, kleine Sauna in intensiven Kirschrotfarben. Als dominierender Blickfang auf der sonst eher sterilen Bühne bricht diese Konstruktion mit jeder Naturidylle. Der hölzerne Wellness-Kubus verfügt über transparente Glasfronten und begehbare Ebenen, die dem Publikum Einblicke in ein schweißtreibendes Inneres gewähren. Wiederholt strömt dichter, heller Nebel aus den unteren Holzspalten des Aufbaus. Die Lichtgestalterin Ewa Górecki versteht es, hier immer wieder neue Details wirkungsvoll zu präsentieren.
Im künstlichen Wellness-Setting sind die Darsteller körperlich gefordert und bewegen sich durch den Theaternebel. Die Figuren tragen funktionale Wellness-Bekleidung oder sportliche Freizeitgarderobe (Kostüme: Lise Kruse). Sie wirken im weiteren Verlauf leicht derangiert. Der einstige Gutsbesitzer Ranjewski (Sören Wunderlich) hängt emotional instabil dem verlorenen Status hinterher und gibt sich nostalgischer Sehnsucht und sentimentalen Erinnerungen hin. Nur widerwillig gesteht er sich ein, dass er blank ist. Der ehemalige Leibeigene und jetzige Macher Lopachin (Christian Czeremnych) treibt pragmatisch die kommerzielle Verwertung des Grundstücks als kühles Investitionsprojekt voran, weiß jedoch auch, dass Zeit Geld ist und auch er mehr braucht, als er denkt.
Die traditionsbewusste Aristokratin Gajewa (Birte Schrein) tarnt ihre Ängste vor dem finanziellen Abstieg hinter Phrasen der Selbstoptimierung. Mit Sätzen wie „Ich habe schon lange nicht mehr gezählt“ deutet sie ein mögliches Vermögen an, das die übrigen für ihr Vorhaben benötigen, hält diese jedoch hin. Sie summt lustvoll, wenn sie in der Sauna sitzt, und hat sichtliche Freude an der Übertreibung, wenn sie über Spekulationen, Reformen, Zinsbindung, Transaktionen, Kreditwürdigkeit und gelbe Briefe spricht und eine Investition ihres Lebens und einen in die Höhe wachsenden Reichtum andeutet.
Die pflichtbewusste, chronisch überforderte Verwalterin Warja (Lena Geyer) zerreibt sich zwischen Kontrollzwang und Erschöpfung. Sie wirft Gajewa vor, ihr Auskommen und ihre Kenntnisse nicht mit den übrigen teilen zu wollen, und kommt auf den einfachen Nenner: „Ohne deins keins.“ Der ewige Student und vermeintliche Idealist Trofimow (Daniel Stock) schließlich entlarvt sich in seinen endlosen Reden über das „Schweiß abschrubben“, die „Schweißtreiber“ und das „Schwitzen für andere Leute“ selbst als unfähig, den Abhängigkeiten des Kapitals zu entkommen. Der Hitzestau im dampfenden Sweatshop scheint vorprogrammiert.
Die Akteure bespielen flexibel die Wände, Zugänge und das Dach der Sauna sowie die Freifläche drumherum. In Unterwäsche oder leichter Badegarderobe wird der Zwang zur Selbstoptimierung und Entspannung verdeutlicht. Physische Entblößung unterstreicht dabei eine finanzielle und existentielle Verwundbarkeit.
In Verweisen auf das Huhn-Ei-Dilemma wird wild assoziiert: „Wer das Ei nicht ehrt, ist den Dotter nicht wert.“ Doch auch ein Hähnchen-Betrieb ist ein Franchise-Unternehmen, das die Wertschöpfungskette in Elterntierhaltung, Brütereien, Herstellung von Futtermitteln, Aufzucht und Mast, Schlachtung, Verarbeitung und Vermarktung der Tiere unterteilt.
Pointierte, gesellschaftskritische Sätze, verpackt in dichten Nebel, verlagern sich zu Schreien und Klamauk. Bald ist vom Ausverkauf von Luft und Wasser, vom Mensch als Besitz, dem „Human Problem“ und erschossenen Aushilfen die Rede. Einzelne möchten nie wieder arbeiten. Der Wortwitz wird durch die vielen Ausbrüche sensorisch überladen, auch die Figurenkonstellation erscheint bald überzeichnet. Die Protagonisten verfangen sich im Konflikt zwischen dem Wunsch nach emotionalem Halt und der ständigen Angst vor einem finanziellen Abstieg. Sie bleiben unfähig, aus dem System der Selbstausbeutung auszubrechen. Sie flirten mit dem Kapital, dem sozialen Status und dem scheinbaren Luxus. Die Charaktere kreisen dabei neurotisch stets um sich selbst.
Am Ende möchte Gajewa zurück zur schwarzen Null und behauptet, Unsicherheit erzeuge Veränderung. Sie ignoriert dabei die Ängste und Sorgen ihrer Nächsten. Meine Kirschen, mein Garten, mein Geld erweist sich damit als beklemmend aktuelle Parabel: Während das Ensemble auf der Bühne die neoliberale Verwertung eines Kulturraums durchexerziert, droht der Sparbeschluss der Bonner Haushaltsklausur zur Prüfung einer Schauspiel-Schließung, die Realität außerhalb der Theaterwände endgültig in jene sterile, rein profitorientierte Landschaft zu verwandeln, vor der das Stück so eindringlich warnt. Was bleibt, ist ein beklemmendes Gefühl – und ein passend kapitalistisches Souvenir: Nach der Vorstellung erstehe ich ein T-Shirt des Hauses mit der Aufschrift „Kirschgarten“ über zwei stilisierten Kirschen.
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Meine Kirschen, mein Garten, mein Geld am Theater Bonn | Foto © Matthias Jung
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Ansgar Skoda - 7. Oktober 2026 (2) ID 16082
MEINE KIRSCHEN, MEIN GARTEN, MEIN GELD (02.10.2026, Schauspielhaus Bad Godesberg)
Eine Abrechnung von Tschechow, David und Ensemble
Regie: Rebekka David
Bühne: Aleksandra Pavlović
Kostüme: Lise Kruse
Licht: Ewa Górecki
Dramaturgie: Sarah Tzscheppan
Musik: Jan Preißler
Besetzung:
Ranjewski ... Sören Wunderlich
Warja ... Lena Geyer
Gajewa ... Birte Schrein
Lopachin ... Christian Czeremnych
Trofimow ... Daniel Stock
Premiere am Theater Bonn: 19. September 2026
Weitere Termine: 14., 24., 30.10./ 07., 19.11.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de
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