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Hunger

nach Leben



Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron am Theater Bonn | Foto © Matthias Jung

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Zackige grüne Linien auf hellbraunem Grund rahmen den gesamten Bühnenraum ein. Ausstatterin Eva Lochner hat einen mehrebigen, detail- und andeutungsreichen Schauplatz in die kleine Werkstattbühne des Theater Bonns gewuchtet, der an Bilder von Surrealistinnen wie Kay Sage oder Leonora Carrington erinnert. Im Bühnenzentrum sehen wir eine große graue Krake, von deren Kopf eine rote Rutschbahn zum Boden hin als Zunge ausgeht. Der Kopf der Krake bietet einen Hohlraum, in deren Innenbereich die Akteure zeitweise Platz nehmen. Dahinter leuchtet während der Aufführung zeitweise eine grün schimmernde Pupille. Von der Krake gehen sechs meterlange Fangarme mit Fingern aus grauem Stoff aus, die von den Akteuren an Seilen befestigt emporgehoben werden. Am Ende werden sowohl die Zunge als auch die Arme von den drei Darstellern abmontiert und auf dem Boden sorgsam aufgehäuft. Übrig bleibt nur der im Zentrum in der Luft hängende Hohlraum der Krake als Rückzugsort für die Akteure und die dahinter positionierte Pupille.

Der Theaterabend widmet sich einer Coming-of-Age Geschichte einer jungen Frau, die eine problematischen Familiengeschichte mit einem schwer übergewichtigen, früh verstorbenen Vater verarbeitet. Sie verinnerlicht das Schönheitsideal Schlankheit und entwickelt ein gestörtes Verhältnis zum Essen.

Die drei Akteure (Jacob Z. Eckstein, Roxana Safarabadi, Imke Siebert) fügen sich mit farbig-fleckig gemusterter freakigen Kleidung, Weißhaarperücken und Fransen-Kunstfell gut in das surreal anmutende Bühnenbild ein. Anfangs wirken die drei Darsteller ungewöhnlich schamhaft und unbeholfen. Der Erzählfluss kommt zunächst nicht richtig in Fahrt und das Wiedergegebene über Tschernobyl und die Nachbarschaft zu Hannelore Kohl wirken unglaubwürdig und zäh. Erst im Verlauf wird erkennbar, dass die jungen Darsteller unsichere Kinder auf dem Schulhof mimen. Bald schon sind sie Jugendliche, die für einen älteren Mitschüler schwärmen. Dessen hübsche Freundin verachten sie eifersüchtig. Gleichzeitig versuchen sie ihr nachzueifern, denn sie möchten genauso schlank werden, wie diese. Sie werfen ihre am Morgen belegten Pausenbrote in den Müll. Später ärgern sie sich hungrig über diese Aktion, das Wort „Hunger“ schwebt bedeutungsvoll im Mund.

Auf der Bühne werden, ähnlich wie in dem Roman, assoziativ durch die Erzählzeit des Romans springende Miniaturen dargeboten. Regisseurin Emel Aydoğdu strukturiert in der Werkstatt Yade Yasemin Önders Roman, mit dem kryptischen Titel Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron (2022) durch wechselnde Monologe und Dialoge der Darsteller, die alle auch die Ich-Erzählerin des Romans verkörpern. Mit einem Auszug aus ihrem Roman, damals noch Bulimieminiaturen genannt, gewann die 1985 geborene Wiesbadenerin Önder bereits mehrere Preise, wie 2018 den open mike-Preis für junge Literatur in der Kategorie Prosa. Ursprünglich war der Roman als Theaterstück angedacht. Im Lockdown entstand dann der Roman.

Jacob Z. Eckstein darf während der Vorführung neben der Protagonistin auch mal ihren Lehrer, ihren Vater oder ihre Mutter spielen. Die Hauptfigur bekommt von ihrer Mutter nach dem Tod des Vaters stets das Gefühl vermittelt, nicht zu genügen und nicht richtig zu sein. Einmal fragt sie die Tochter, was sie denn mal werden möchte, wenn sie groß ist. Als diese ihr dann einer spontanen Eingebung folgend „Köchin“ sagt, ruft ihre Mutter laut und entsetzt „Nein“ aus. Fortan kontrolliert die enttäuschte Mutter die Tochter und deren Bulimie-geprägtes Essverhalten mit Argwohn und Sorge. Die Suche nach Identität, Anerkennung und eine Sehnsucht nach Nähe der Figur bewegen als Konstanten der Vorführung, wenn etwa die Protagonistin sich auch bei der Partnerwahl als unersättlich erweist.

Das schöne Bühnenbild mit dem zentralen Mund, der Zunge, den Armen und Händen wird bald wirkungsvoll um eine Live-Videoprojektion ergänzt, in der die drei Akteure in die Kamera gucken und dabei mit kleinen gelben, auf ihre Finger gesetzten Händen zärtlich über die jeweils eigenen Gesichter streicheln.

Die Darsteller winden sich verzückt am Boden und zählen assoziativ zahlreiche Gerichte auf, die sie gerne Essen möchten. Vergangene Fressattacken und das Gefühl eines unstillbaren Hungers werden thematisiert, wenn die Akteure lustvoll die Fülle der Mahlzeiten betonen, die sie gerne in sich aufnehmen möchten. Es gibt einige Raufereiszenen. Wiederholt tasten die Darsteller zwanghaft routiniert, in schmerzhaften schnellen Wiederholungen die eigenen Körper ab. Einmal legen sie auch schamhaft einige Kleidungsstücke ab und gucken dabei unterwürfig zum Publikum hin. Das sind bewegende Momente der Aufführung.

Oft sinken die Akteure auch gleitend nach dem Abschluss einer vorgeführten Passage wie ohnmächtig zu Boden und fallen so tatsächlich synchron (Choreografie: Emmanuel Edoror). Dann wird auch das Theaterlicht langsam abgedimmt. In der nächsten Szene spielen die Akteure wieder eine neue Gemütslage und erzählen von einer anderen Lebenssituation ihrer Hauptfigur, welche die Akteure alle drei verkörpern. Die Figur blickt mal trotzig und mal kindlich in die Welt

Poetische Bilder zum Thema Schwerkraft und zum Symptom der Esssucht, dass ins Klo gespült wird, geistern durch den Theaterraum. Die Inszenierung verwendet einige atmosphärische Musikeinspieler und Theaterrauch, was jedoch die eigentliche Handlung kaum voranbringt. Am Ende fragt die Ensemblefigur nachdenklich in den Raum, warum sie denn nicht eine Sucht auf etwas entwickeln hätte können, das nicht überlebensnotwendig ist.

Die assoziativen, verspielten und reichhaltigen Kostproben aus dem Roman über Gruppendruck, Normen, Ideale und identitätsstiftende Erkenntnisprozesse lassen sich nur langsam verdauen, wirken jedoch lange nach.



Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron am Theater Bonn | Foto © Matthias Jung


Ansgar Skoda - 4. Dezember 2023
ID 14508
WIR WISSEN, WIR KÖNNTEN, UND FALLEN SYNCHRON (Werkstatt, 30.11.2023)
nach dem Roman von Yade Yasemin Önder

Regie: Emel Aydoğdu
Ausstattung: Eva Lochner
Licht: Ewa Górecki
Dramaturgie: Sarah Tzscheppan
Choreografie: Emmanuel Edoror
Mit: Jacob Z. Eckstein, Roxana Safarabadi und Imke Siebert
Premiere am Theater Bonn: 16. November 2023
Weitere Termine: 08., 14., 21.12.2023// 13., 20.01.2024


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de


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