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nachDRUCK # 6

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Die Geister,

die ich

sitzenließ



© Esra Rotthoff

Bewertung:    



Wenn Journalistin Dena (Orit Nahmias) schrill „linken Faschismus“ anprangert, wird so mancher Theatergast während ihres lebendigen Monologs hellhörig. Wenn sie dann auch noch mit einem „verengten Meinungskorridor“ nachlegt, ruhen die Zuschauerblicke auf ihr. Dena darf das, denn sie hat offenkundig Migrationshintergrund. Sie denglischt beflissen, sie komme eigentlich aus unprivilegierten Verhältnissen. Sozusagen prägte ein gewisser „Shortage“, also Mangel, ihre Kindheit und Jugend. Heute verfügt sie über symbolisches Kapital. Carolin Emcke gehört zu ihren großen Vorbildern, ja, sie hat sogar wortwörtlich in Emckes Schoß gekotzt. Auch Dena legt Dinge offen und hat Nischen entdeckt, wenngleich sie bis heute nicht weiß, was linker Faschismus eigentlich grundsätzlich bedeutet. Trotzdem hat sie eine große Leserschaft, denn sie konnte sich wegen ihres exotischen „Outsider“-Status in den wichtigsten Feuilletons durchsetzen.

Außerdem hat Dena Luigi (Aysima Ergün), die sie aus „deep despair“ rettete. Luigi war einst Mindfulness-Coach für Self-Care und innere Glaubenssätze. Doch irgendwann erschien Luigi ihr Kundenkreis zu schwierig und herausfordernd. Dann heuerte Dena sie an. Dena wollte sozusagen die niederen Dienste im Alltag an eine gute Freundin abtreten. Luigi lässt sich auch bereitwillig herumkommandieren und behält emsig alles im Blick, etwa die Dinner-Bestellung durch den Lieferando-Dienstleister. Dieser durchnässte Herr namens Davide (Taner Şahintürk) trifft auch alsbald ein. Luigi sorgt sogar dafür, dass Davide trotz Denas Widerworte ein Trinkgeld erhalten soll. Chaos ist jedoch vorprogrammiert, als Davide auf der Bühne sabbernd zusammenklappt, nachdem er seine Lieferung auf den Boden geworfen hat. Wer leistet nun Erste Hilfe und wer informiert den Krankenwagen? Das sei alles Luigis Aufgabe, zieht sich Dena beherzt aus der Affäre. Doch Luigi hat Angst vor einer Infektion und bleibt im Hintergrund. Prompt regt sich der am Boden liegende auch nicht mehr und wird nach Denas Notruf sogleich abtransportiert.

Doch zu früh gefreut, mit Davide verschwindet auch Denas Shitstorm-Kissen mit ihrem Ersparten, woraus Luigi den Tip entnahm. Auch zum Shitstorm-Kissen gibt es schillernde Anekdoten, denn aus negativer Publicity lässt sich Dena zufolge bekanntlich ganz leicht Geld erwirtschaften. Sie und Luigi versuchen den abtransportierten Davide über den Foodtracker ausfindig zu machen. Allerlei Unglaubliches tritt in dem Drama Rabatt zutage: So meint Luigi durch potenzielles Lügen Todesfälle zu verursachen. Dena kann hingegen Verstorbene sichtbar machen, indem sie das Tanzbein schwingt. Der tolpatschige Lieferando-Radfahrer Davide tritt schnell als Geist regelmäßig in neue Fettnäpfchen. Bald schwingt er jedoch Monologe gegen jegliche Romantisierung seiner beruflichen Tätigkeit, etwa am Beispiel von Riders on the storm von The Doors: „Wenn ich tot bin, ist es zu leicht die Lebensrealität meiner Figur einfach auszublenden.“

Auch Davide selbst gibt gesanglich einiges zum Besten, bei „Demütige dich im Namen des Herrn“ wird er jedoch durch zwei weitere nuancierte männliche Stimmlagen (Musik: Tobias Schwencke) effektvoll unterstützt. Denn auf der Mission begegnen wir den einander eher unähnlichen Zwillingsbrüder Anselm (Falilou Seck) und Dirk (Niels Bormann), die beide als Bestatter ein erfolgreiches Geschäftsmodell verfolgen. Dirk wittert umsatzträchtige Publicity, als Dena sich als erfolgreiche Journalistin zu Erkennen gibt. Er erzählt der interessierten Dena von Beerdigungen im Minutentakt und illegitimen Verstorbenen, die in unterirdischen Röhren endigen. Hier verweist das Stück auf Brecht: „Erst kommt die Röhre, dann die Moral.“ Leider benötigen die Brüder jedoch für niedere Tätigkeiten im Rahmen der Grablegungen zuverlässiges Personal. Die Verwaltung der Toten übernimmt Dirks Bruder. Dirk hält ihn immer wieder dazu an: „Kauf neue Arme.“ Anselm erklärt jedoch: „Ich mag nur keine armen Leute.“ Auch hier offenbart sich schnell – wie bei Dena und Luigi – ein allzu komisch-übergriffiges Abhängigkeitsverhältnis. Bald juckt es Anselm nicht nur sprichwörtlich am Abzug, wenn er alle Beißhemmungen über Bord wirft. Es gibt neben Wort- und Waffengefechten allerlei spitze Situationskomik und deftige Tabubrüche zu bestaunen. Die Figuren entblößen nicht nur am Beispiel skurriler Ticks schnell illustre „Schamzwerge“.

*

Ist Würde käuflich erwerbbar? Gibt es eine Leistungsgerechtigkeit, wenn Grabkosten unbezahlbar werden und Ruhezeiten allzu bald abgelaufen? Nora Abdel-Maksoud ist eine Meisterin kurzweiliger, überraschender Komödien mit schrägen Figurenkonstellationen und pointenreicher Situationskomik, wie in The Making of (2017). Die Autorin und Regisseurin behandelt in ihrer jüngsten bitteren Komödie Rabatt höchst eindrücklich unbezahlbare Kosten des eigenen Todes für Menschen, die kein Geld haben.

Die schwarzhumorige Satire Rabatt changiert über mediale und gesellschaftliche Erscheinungsformen unserer Zeit, ohne klare Position zu beziehen. Es wird eine Empörung über Deprivation, Armut, Ignoranz und eine Ungleichheit im Leben deutlich, die sich bei der Bestattung fortsetzt. Rabatt problematisiert auch ordnungsbehördliche anonyme Gruppenbestattungen in Aschekapseln ohne namentliches Grab. Weiterhin geht es um schnelle Beerdigungen von Menschen ohne Angehörige, um Kühlkosten zu sparen, und allgemein um das Thema, dass die Lebenserwartung von Menschen in Armut deutlich geringer ist als von wohlhabenderen Menschen. Hervorzuheben ist neben einem überraschenden Auftritt der Punk-Band Chuckamuck noch Moïra Gilliérons wirkungsvolles Bühnenbild, das lange Gänge symbolisiert und gegen Ende durch räumliche Verschiebungen erfrischende Akzente setzt.
Ansgar Skoda - 29. August 2022
ID 13775
RABATT (Gorki Theater Bühne, 28.08.2022)
Text und Regie: Nora Abdel-Maksoud
Livemusik: Chuckamuck
Bühne: Moïra Gilliéron
Kostüme: Katharina Faltner
Musikalische Leitung: Tobias Schwencke
Dramaturgie: Johannes Kirsten und Nora Haakh
Dramaturgische Beratung: Eva Bay
Mit: Niels Bormann, Aysima Ergün, Orit Nahmias, Taner Şahintürk und Falilou Seck
UA war am 10. April 2022.


Weitere Infos siehe auch: https://www.gorki.de


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