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nachDRUCK # 6

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Uraufführung

Ist unser größtes

Problem vielleicht

nicht die

Wokeness?



Eva Bay, Maren Solty und Stefan Merki in Wokey Wokey von Nora Abdel-Maksoud - an den Münchner Kammerspielen | Foto (C) Judith Buss

Bewertung:    



„Woke“ heißt auf Deutsch „erwacht“ und ist ein Begriff, der sich in den 1930er Jahren in den USA bildete, ein Hinweis auf Rassismus und soziale Ungleichheit. Inzwischen ist es in manchen Kreisen ein Schimpfwort geworden. Donald Trump und Elon Musk haben sogar einen „war on woke“ ausgerufen, um gegen mehr Inklusion und Diversität vorzugehen.

Da wäre es doch eine gute Idee, über diesen „Tugendterror“ einen Film zu machen, ja sogar ein Musical. Angelehnt an den Weltbestseller 1984 von Georges Orwell. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hat er seine Erfahrungen aus Nationalismus und Stalinismus in diesem Roman eingebracht. Der autoritäre Staat, den er beschreibt, sollte eine Mahnung sein.

In dem Stück Wokey, Wokey denkt sich die Regisseurin Gordon, warum die Sache nicht mal umdrehen und Wokeness zum totalitären Feind machen. Wie dieses Projekt gescheitert ist und was die Lehre daraus sein könnte, darum geht es in den kurzweiligen eineinhalb Stunden.

In Rückblenden lassen die Regisseurin (sehr präsent: Johanna Eiworth und die Darstellenden immer wieder Szenen Revue passieren, aus immer wieder neuen Blickwinkeln.

Die Handlung spielt auf drei Ebenen: die Kommentierung des Drehs, die Rückblenden am Set und backstage.

Das Ganze im rasenden Wechsel: Schnipp - Licht aus, schnipp - Darsteller weg, schnipp – Musik an. Dazu Pointen und auch Klamauk am laufenden Band. Da kann man schon mal den Überblick verlieren, aber das macht nichts. Wie die Dramaturgin Anna Laner sagt:


“Wenn Sie aus der Kurve fliegen, steigen Sie einfach später wieder ein.“


Die Bühne von Moïra Gilliéron passt perfekt: Die Schauspieler und Schauspielerinnen agieren wie in einem Kasperletheater. Ihre Beine sieht man nicht, das Licht im Hintergrund zaubert eine Sonnenuntergangsstimmung, vor der sie teilweise wie Schatten auftauchen. Die Seitenwände verschieben sich und simulieren ein Heranzoomen mit der Kamera.

Das alles mit einer Schauspieltruppe, die es in sich hat: Eva Bay als Julia, die nicht mehr weinen kann; Stefan Merki als Winston, der nicht versteht, wie ihm Sandra Hüller den Hamlet wegnehmen konnte und Johanna Eiworth als Gordon, die versucht hat alles zusammenzuhalten und doch gescheitert ist. Die drei sehen sich als „Mitte“, die dann doch bedenklich ins Wanken gerät. Ins Wanken gebracht von den beiden gecasteten genderfluiden Kunststudenten Vicent Redetzky als Günni und Maren Solty als Lennart. Denn bei allen Lachsalven, die durch das Publikum gingen, der Kern ist schon klar geworden: Das Filmset als Spiegel der Gesellschaft, die sich dem rechten Kulturkampf immer mehr beugt oder wie Günni sagt:


„Also, ich bin ja der Nazi, und selbst ich finde es krass, dass ihr alle Entscheidungen an diesem Filmset an uns ausrichtet.“


Neben den drei etablierten Eiworth, Bay und Merki ist es eine wahre Freude Redetzky und Solty bei ihrem Spiel zuzusehen.

Die vielfach ausgezeichnete Regisseurin Nora Abdel-Maksoud hat mit Wokey, Wokey ihre Trilogie vollendet. Nach den ebenfalls sehr erfolgreichen und unterhaltsamen Stücken Jeeps und Doping.

Abdel-Maksoud ist ein grandioses Stück gelungen. Es zeigt die Abgründe einer schwankenden Gesellschaft, die sich ihrer Werte nicht mehr sicher ist und sich von rechtsradikalen Kräften in einen unsinnigen Kulturkampf treiben lässt.

Oder wie Lennart in dem Stück zum Schluss sagt:


„Checkt ihr das nicht? Dann ist unser größtes Problem vielleicht gar nicht die Wokeisierung. Dann sind die eigentlich Entrechteten unserer Zeit vielleicht nicht festangestellte NZZ-Redakteure, gefeierte Comedians und Elon Musk! Die Mieten werden gar nicht billiger, wenn wir Transmenschen ihre Rechte absprechen! Vielleicht ist es gar nicht schlimmer, dass eine Meerjungfrau den Kindern vorliest, als ein fremder, verkleideter Mann mit Rute!“



Wokey Wokey von Nora Abdel-Maksoud - an den Münchner Kammerspielen
Foto (C) Judith Buss

Isabella Schmid - 10. April 2026
ID 15793
WOKEY, WOKEY (Münchner Kammerspiele, 08.04.2026)
Eine Behind-the-scenes-Satire über die Verfilmung eines Weltbestsellers
Von Nora Abdel-Maksoud

Regie: Nora Abdel-Maksoud
Bühne: Moïra Gilliéron
Kostüme: Katharina Faltner
Musik: Enik
Licht Design: Maximilian Kraußmüller
Choreographie: Johanna Lemke
Dramaturgie: Nora Haakh und Anna Laner
Mit: Eva Bay, Johanna Eiworth, Stefan Merki, Vincent Redetzki undMaren Solty
UA war am 27. März 2026.
Weitere Termine: 15., 19., 28.04./ 11., 21.05./ 07., 18.06.2026
Ein Auftragswerk der Münchner Kammerspiele


Weitere Infos siehe auch: https://www.muenchner-kammerspiele.de


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