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nachDRUCK # 6

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„Alles wartet

darauf,

wieder zu

kommen…“



Maja Amme und Michele Cuciuffo in Das achte Leben (Für Brilka) - am Metropoltheater München | Foto (C) Marie-Laure Briane

Bewertung:    



Es ist der Geschmack von feinster georgischer Schokolade, der Nino Haratischwilis Erfolgsroman Das achte Leben (Für Brilka) durchzieht. Davon bleibt nicht viel in Jochen Schölchs Adaption dieser Familiengeschichte. Die vielen politischen Umstürze, denen die 6 Generationen ausgesetzt sind, die Grausamkeit ihrer Schicksale lassen ihm keine Zeit dazu. Erst gegen Ende dieses Theaterereignisses darf die alte Stasia die berühmte Schokaladenmischung wieder anrühren und von ihrem Geheimnis erzählen: von ihrer Süße, die hilft gegen die Bitternis des Lebens.

Da sind fast 4 Stunden und 100 Jahre vorbei, und Stasia hat all ihre Kinder und sogar eine Urenkelin überlebt, zurückgezogen, klug, menschlich, einfach nicht umzubringen. Und sie tanzt bis zuletzt, auch wenn sie ihren Traum auf einer Bühne im ersehnten Paris zu stehen nicht verwirklichen konnte: Gerd Lohmeier - in einem geblümten Kopftuch, alt und jung zugleich - spielt sie grandios als geradezu fleischgewordene Inkarnation georgischen Überlebenswillens. Stasia/Lohmeier prägt auch die wenigen glücklichen Momente der Familiensaga, etwa wenn sie als junge Frau vor den Augen unserer Fantasie mit ihrem Simon um die Wette reitet – ohne jede Requisite. Damit geht die Inszenierung sehr sparsam um: eine Mütze, eine Jacke, ein paar Kleiderpuppen an den Rändern der leeren Bühne. Ein Teppich in der Mitte. Stasia hat ihn ausgerollt.

Darauf entfaltet sich die Tragödie - auf der Brandmauer dahinter leuchten immer wieder Bilddokumente des Zeitgeschehens auf. Beria, Stalin, Chruschtschow, Breschnew, der Prager Frühling, der Mauerfall, Tschernobyl, der junge Putin. Stasias schöne Schwester Christine fällt der politischen Macht eines Verehrers zum Opfer. Ihre Freundin Sopio stirbt für die Freiheit, ebenso wie ihr Sohn Andro, der in Wien eigentlich bloß Bildhauerei studieren möchte. Kostja, Stasias Sohn, erlangt hohe Positionen bei den Sowjets, kann aber weder seine Verlobte retten noch verhindern, dass seine physisch und psychisch schwer misshandelte Schwester das Land verlassen muss. Sie, die im Westen als Sängerin Karriere macht (anrührend und wundersam: Maja Amme), wird zur Zukunftshoffnung der nachfolgenden Generationen. Die 12jährige Nachfahrin Brilka macht sich 2007 auf, in Wien nach den Musikrechten von Kittys Liedern zu fahnden, um daraus eine Tanz(!)-Performance zu machen. Und ihre Tante schreibt schließlich die ganze Geschichte auf: eine Chronik des 20. Jahrhunderts.

Eine eindrucksvolle Präsentation eines großartigen Ensembles, das auch einen coronabedingten Ausfall kompensieren konnte. Und dies, obwohl die Schauspieler*innen bis zu 7 Rollen zu spielen haben. Übrigens: Kinder wurden von den Erwachsenen einfach auf Knien dargestellt. Ein schöner und sofort einleuchtender Regie-Einfall.

Jochen Schölch hat sich in seiner Bühnenfassung auf die dramatischen Wendungen des Geschehens konzentriert und sie mit den politischen Großereignissen der jeweiligen Zeit verbunden. Das macht diese Inszenierung außerordentlich aktuell. Es bleibt Kostja (großartig auch: Michele Cuciuffo) vorbehalten danach zu fragen, wo denn all die Statuen und Bildnisse der großen Führer geblieben sind. Die beunruhigende Antwort: „Alles wartet darauf, wieder zu kommen.“



Lilly Forgách und Gerd Lohmeyer in Das achte Leben (Für Brilka) - am Metropoltheater München | Foto (C) Marie-Laure Briane

Petra Herrmann - 22. Oktober 2023
ID 14441
DAS ACHTE LEBEN (FÜR BRILKA) | Metropoltheater München, 21.10.2023
Regie: Jochen Schölch
Bühne: Thomas Flach
Kostüme: Nicole Dannecker-Jötten
Licht: Hans-Peter Boden
Video und Ton: Martin Hermann
Musikalische Einstudierung: Christoph Weber
Maske: Katinka Wischnewski
Bühnenmalerei: Mark Reindl
Mit: Maja Amme (Kitty), Michele Cuciuffo (Kostja), Lilly Forgách (Christine, Nana), Gerd Lohmeyer (Stasia), Victoria Mayer (Ida, Alla, Daria), Patrick Nellessen (Simon, Ramas, Andro, Giorgi, Vaso, Beqa, Lascha), Sophie Rogall (Sopio, Mariam, Elene), Anuschka Tochtermann (Miqa, Brilka) und Eli Wasserscheid (Agentin, Niza)
Premiere war am 12. Oktober 2023.
Weitere Termine: 22., 27., 29.10./ 05., 11., 12., 17., 24.. 26.11./ 01., 03., 08., 10.12.2023


Weitere Infos siehe auch: https://www.metropoltheater.com/


Post an Petra Herrmann

petra-herrmann-kunst.de

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