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LAUSITZ FESTIVAL (2)

Populismus

und Politik-

verdrossenheit

CAESAR in den Dannerhallen auf dem Telux-Gelände in Weißwasser


Bewertung:    



In der Danner-Halle auf dem Telux-Gelände in Weißwasser, einem ehemaligen Industriestandort der hier ansässigen Glasindustrie, inszeniert der Theaterregisseur Stefan Pucher Shakespeares Tragödie Julius Caesar. Shakespeares Geschichtsdrama - eine Koproduktion des Deutschen Schauspielhaus Hamburg, wo die Inszenierung eine Woche später im Malersaal zur Aufführung kommt, mit dem Lausitz Festival und dem Théâtre National du Luxembourg - nutzt die ebenso geschichtsträchtigen Industriehallen, in denen ab 1899 die Glasproduktion für Glühlampen aufgenommen wurde. In der DDR kamen u.a. Fernsehröhren dazu.

Nach der Wende wurde das Unternehmen privatisiert und ging an die Telux zurück, die mit eigener, 2015 gegründeter Immobiliengesellschaft nun auch die stillgelegten Industriehallen vermietet. Kunst als Zwischennutzung ist überall gern gesehen. Erst kommen die Künstler, dann der Kommerz. Wie in Berlin dürfte das in Weißwasser kaum anders sein, wenn sicher auch nicht ganz so lukrativ und alternativlos. Der Verband Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien betreibt am Standort das Sozikulturelle Zentrum Telux mit dem Kultur-Café und Veranstaltungsort Hafenstube, die für das leibliche Wohl der BesucherInnen der Theateraufführungen sorgt.

*

Kurz Caesar genannt, verliert Shakespeares berühmtes Bühnenwerk aber nicht nur den Vornamen seiner historischen Figur, sondern auch noch fast die Hälfte seiner dramatischen Handlung. Das von Elisabeth Plessen nach der Übersetzung von August Wilhelm Schlegel bearbeitete Drama wird in der Spielfassung von Dramaturg Malte Ubenauf zu einem 100minütigem Rumpfstück, in dem die Titelfigur Caesar als Tyrann gesetzt ist und es in der Handlung fast nur noch um die Intrige und die Rechtfertigung der Ermordung Caesars durch eine Gruppe von Verschwörern um Brutus und Cassius geht. Deren Ende im folgenden Bürgerkrieg wird der Aufführung nur als Erzählung vorangestellt.

Yorck Dippe gibt hier den ins Stück einführenden Conférencier und darf danach noch als Poet Cinna ein paar Sonette Shakespeares gesanglich vortragen, wenn er nicht gerade Mitverschwörer Decius Brutus spielen muss. Puchers Inszenierung fühlt sich mal wieder mehr der Pop-Kultur verpflichtet, was sich neben der Musik vor allem in der Ausstattung und dem Bühnenbild äußert. Nina Peller hat eine Säulenhalle gebaut mit lateinischen Graffitis an den Wänden und einem Podest, auf dem zunächst Sachiko Hara als Caesar auftritt. Sie gibt den Tyrannen als Springteufelchen, im Gesicht rot, später weiß bemalt, was an japanische Butohtänzer erinnert. Ein Tanz der Finsternis, wie der Name sagt.

Die Kostüme von Annabelle Witt chargieren zwischen antiker Toga, barockem Gewand und heutiger Freizeitkleidung. Natürlich auch das recht poppig. Das Kostüm ersetzt hier die Charakterentwicklung. Warum sich Sachiko Haras Caesar in den Iden des März nicht mehr ins Capitol traut, bekommt man noch irgendwie erzählt, aber worin eigentlich seine Herrschsüchtigkeit besteht, bleibt das Geheimnis vom ehrenwerten Mann Brutus, der hier im Körper von Josef Ostendorf ganz in sich ruht und die Caesar-Worte „Lasst wohlbeleibte Männer um mich sein“ nicht unbedingt Lügen straft. Ganz anders sein Kumpan Cassius, der bei Sandra Gerling eher etwas unentspannt Verkniffenes hat.

Ansonsten geht es hier sehr wortgewandt ums Ausbaldowern der Mordintrige und viel um deren Rechtfertigung. Das Moraldings scheint dann aber nicht wirklich das Problem zu sein. Wie ein Geist wirkt Caesar noch nach seinem Tod, der hier ebenso popgewaltig in einer Gruppenchoreografie die große Statue im Hintergrund der Bühne nachstellt. Dem Verschwörer-Quartett, das noch von Samuel Weiss als Cinna ergänzt wird, gelingt es nicht ihre Tat für sich zu nutzen. Das Hosenrollentrio der Aufführung komplettiert Bettina Stucky als Caesar-Vertrauter Antonius, der cool die Gunst der Stunde nutzt und dem Vorredner Brutus nach dessen Mord-Rechtfertigung vor dem Volk die Show stiehlt. Regisseur Pucher hat den Populismus als Demokratiekiller erkannt, stammt doch auch einer der momentan führenden Rechtspopulisten, AfD-Chef Tino Chrupalla, aus der Stadt Weißwasser.

Dafür kann sicher niemand, nicht mal die 22 Prozent AfD-Wähler in Weißwasser. Das lässt die Inszenierung das Publikum auch nicht vordergründig spüren. Ein Nachspiel mit dem Text Ultimatum des portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa aus dem Jahr 1917 rückt dann noch dem gemeinen Pöbel in den Fokus gegen die verfaulte Kultur Europas und „ewige Epoche der Zweitklassigkeit“. Politikverdrossenheit als revolutionäre Pose, da fühlt sich sicher weder in Weißwasser noch Hamburg irgendjemand angesprochen. Der Ruf nach dem starken Mann, den Pessoa damals in jugendlichem Leichtsinn formulierte, wirkt hier als Quintessenz dieser ansonsten etwas müden Inszenierung, um einen Begriff aus dem in Weißwasser ansässigen Eishockeysport zu bemühen, wie ein unnötiger Stockfehler. Von der bereits erwähnten Zweitklassigkeit ganz zu schweigen.



Caesar, eine Koproduktion des Deutschen Schauspielhauses Hamburg mit dem Lausitz Festival 2022 | Foto (C) Oliver Fantisch

Stefan Bock - 28. August 2022 (2)
ID 13772
CAESAR (Danner-Halle auf dem Telux-Gelände in Weißwasser, 26.08.2022)
Regie: Stefan Pucher
Fassung und dramaturgische Mitarbeit: Malte Ubenauf
Bühnenbild: Nina Peller
Kostümbild: Annabelle Witt
Musik: Christopher Uhe
Mit: Yorck Dippe, Sandra Gerling, Sachiko Hara, Josef Ostendorf, Bettina Stucky und Samuel Weiss
Premiere beim LAUSITZ FESTIVAL war am 25. August 2022.
Weitere Termine: 28.08. (in Weißwasser) / 03., 04., 06., 21., 22.09.2022 (in Hamburg)
Koproduktion des Deutschen Schauspielhaus Hamburg mit dem Lausitz Festival 2022 und der Görlitzer Kulturservicegesellschaft mbH


Weitere Infos siehe auch: https://www.lausitz-festival.eu/de/


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