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Nichts für

schwache Nerven



Biggy van Blond (unten) & Bob Schneider in Drei Drachen vom Grill – ein Neuköllnical | Foto © Stephan Noë

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„Ich schwitze auf der Ritze“, so lässig ließ Nina Hagen mit ihrem Song Heiß 1978 mögliche Malessen des Sommers anklingen. Eine sommerlich flirrende Leichtigkeit und ein oft derber, schrulliger und lauter Humor tragen auch das neue „Neuköllnical“ der Ades Zabel Company im BKA-Theater am Mehringdamm. Drei Drachen vom Grill ist eine herrlich schräge, krawallige Hommage an das alte West-Berlin, die die Neuköllner Kodderschnauze mit dem hippen Lifestyle von Berlin-Mitte kollidieren lässt.

Ihre Freundinnen warnen Edith Schröder (Ades Zabel), dass sich der Wind für dauerhafte Sozialhilfeempfänger gedreht habe. Prompt überrascht Kultfigur Edith sie damit, dass sie heimlich verheiratet war und ihr Göttergatte leider schon gleich beim Hochzeitsfoto verstarb. Und noch eine Überraschung: sie erbte einen Imbisswagen, der allerdings nicht in Neukölln, sondern am schicken Rosenthaler Platz in Mitte steht.

Zusammen mit Kneipenwirtin Jutta (Bob Schneider) und „Kiezschlampe“ Brigitte (Biggy van Blond) bricht sie auf, um die dortige von woker Event-Kost verwöhnte Kundschaft mit bodenständiger Currywurst zu beglücken. Am Grill prallen ungebremst Welten aufeinander: Auf der einen Seite die hippe Klientel aus Soja-Latte-Hipstern, Foodie-Influencern, auf der anderen Seite dann Helikoptereltern und verirrte Parlamentarier. Auf dem Menü stehen Futschi-marinierte Kreationen oder gar braune Fascho-Würstchen, Fettgestank, warme Biere, vegane Erbsensuppe und die existenzielle Frage „Mit oder ohne Darm?“

Hier erwidert die Stammkundschaft schon mal beherzt, „ich war bereits die ganze Nacht im Darm“. Jutta schenkt einem berauschten Raver spontan ein Ei. Eine andere Kundin lobt das „dekonstruierte reduzierte Aroma“ der Produkte sowie ein „Back to the roots“-Motto und kündigt ein Arte-Drehteam an. Schließlich sei Edith ein Original und längst die „Marina Abramovic von Neukölln“. Wieder andere beschweren sich darüber, dass sie trotz makrobiotischer und „hundertjähriger veganer Ernährung täglich an der Salami des Imbisswagens vorbeigehen“ müssten.

Biggy van Blond und Bob Schneider wechseln fliegend ihre Figuren. So sorgt Erstere als Melanie Trampel kalkuliert-abschätzig und distanziert für Aufsehen. Sie wird von Letzterem in der Rolle des windig-geschäftigen Timo Krupalla zum Imbisswagen geführt, um die einstige Empfängerin von Transferleistungen zu rügen. In einem langsamen Erkenntnisprozess versucht die zunächst duldsame Edith sich mit einer ganzen Klaviatur der Gefühle und in Slapstick-Posen gegen Gentrifizierung, das Aufkaufen von Wohnraum durch die USA und den allgemeinen Rechtsruck zu wehren.

Unter der Regie von Bernd Mottl schlägt die Show eine gelungene Brücke von den frühen Super-8-Persiflagen der Truppe aus den späten 1980ern hin zu modernem Volkstheater. Musikalische Parodien von umgedichteten Hits laden das Publikum zum Mitklatschen ein, etwa der Eröffnungssong Wurst (eine Neuauflage von Madonnas Vogue) oder die Nummer Griller (nach Michael Jacksons Thriller). Auch Gordon Lightfoots If you could read my mind, Lady Gagas Abracadabra und Dean Martins That’s Amore werden sprachspielerisch mit neuen Lyrics geschmackvoll gewürzt vorgetragen.

Video-Einspieler von Jörn Hartmann erweitern das Bühnenbild und simulieren unter anderem eine herrlich zähe Autofahrt durch das neue Berlin. Roman Shamov glänzt hier als verzweifelter Gehilfe Harry auf der Suche nach Nachschub, während sein Sakko fast aus allen Nähten platzt und Vögel auf gefundene Würstchen einhacken (Hier lässt Hitchcock grüßen). Auch Klaus Wowereit (das Original!) gibt sich in einer Nebenrolle als Testamentsvollstrecker die Ehre.

Es gibt haarige Nacktkostüme zu bestaunen, eine gut gefüllte Pinkelflasche wird mit süß schmeckender Limonade verwechselt, einem Theaterbesucher respektive Kunden wird gepflegt Senf in den Hosenbund gerieben. Die drei Grazien lassen es krachen und womöglich auch einen fahren. Dem "Futschi", ein Cocktail bestehend aus Chantré und River Cola, wird gehuldigt. Auch faltenfreie Haut durch Silikon-Behandlungen wird Thema. Doch Fettgeruch lässt sich schwerlich abwaschen.

Nicht zuletzt sorgte eine Kombination der Live-Performance mit eingespielten Videosequenzen dafür, dass die Show am laufen gehalten wird und es nicht allzu viele Längen gibt. Der Titel „Drachen“ greift nicht vollends – dafür harmonieren Edith, Jutta und Biggy letztlich viel zu liebevoll miteinander, statt sich echte Giftpfeile um die Ohren zu hauen. Am Ende bleibt die Show den bekannten Strickmustern der Company treu, ohne den Figuren tiefgreifend neue Facetten abzugewinnen.

Wer feinsinniges Kabarett sucht, ist hier falsch. Wer aber Lust auf Textil-Verbrechen in Leoparden- und Kätzchenoptik, grandiosen Fummel, jede Menge Futschi und herzhaften Berliner Humor hat, erlebt im BKA-Theater eine wunderbar nostalgisch-kultige Feier.



Drei Drachen vom Grill – ein Neuköllnical mit der Ades Zabel Company | Motiv © Jörn Hartmann

Ansgar Skoda - 8. Juli 2026
ID 15940
DREI DRACHEN VOM GRILL (BKA-Theater, 01.07.2026)
Regie: Bernd Mottl
Filmeinspieler: Jörn Hartmann
Choreographie & Ausstattung: Moritz Piefke
Sounddesign & Musikproduktion: Sven Ihlenfeld
Lichtdesign: Julia Fendesack
Kostüme: Thimm Hoth
Produktionsleitung & Booking: Uwe Berger
Mit … Ades Zabel, Biggy van Blond & Bob Schneider
Premiere war am 3. Juli 2026.
Weitere Termine: 10., 11., 15.-18., 29.-31.07., 01., 05.-08.08., 02.-05., 09.-12., 16.-19., 23.-25.09.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.bka-theater.de


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