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Stück

teAtrum 7 zeigt den GOLDENEN TOPF
nach E. T. A. Hoffmann


Theresa Pauli (als Serpentina) in Der goldene Topf | Foto (C) Steffen Wollmann; Bildquelle: teAtrum 7

Bewertung:    



Jean-Jules Ginter, der den jungen und naiven und in poesieschwangeren Sphären dauerschwebenden Studenten Anselmus (aus E.T.A. Hoffmanns Der goldene Topf) spielt, könnte gern auch K. und/ oder eine andere Figur aus Kafkas sonderbarem Menschenkosmos und vielleicht sogar den Dichter selbst verkörpern. Es gibt schon gewisse Ähnlichkeiten und sogar auch Parallelen zwischen diesen beiden Welten: Anselmus gerät als Arbeitsuchender in das Panoptikum eines ihn mit dem Abkopieren irgendwelcher Schriftstücke beauftragten Schwarzalchimisten-Archivars (gespielt von Christian Kuderna) - und Kafka musste sich ein Lebenlang sein Brot als ein Versicherungsagent oder Kanzlist verdienen. Beide, also Anselmus wie Kafka-K., hatten während ihres so ungeliebten Arbeitnehmerdaseins eigentlich dann viel, viel Anderes, Bedeutungsvolleres und "Höheres" im Sinn als sich von früh bis spät mit irgendwelcher Aktenscheiße zu befassen; und so kompensierten sie ihre so qualvoll erduldeten Miseren auf das Hochpoetischste, indem sie sie ganz einfach ab- und wegverdrängten, also Dichtung statt Wahrheit in und aus sich siegen ließen.

Diese Art mit dem realem Leben klarzukommen hat dann auch was Heutiges. Es ist und bleibt ein Trick, ein Anker als versuchte "Rettung in der Not" - für die, die reichlich Poesie (will sagen: Fantasie) in sich verspüren und wohl (hoffentlich!) nicht noch an zusätzlichen schlimmen Sorgen als sich selbst von (sagen wir es so:) gesellschaftlich bedingten Dauerdepressionen zu befreien resp. sie erst gar nicht zuzulassen, leideten... Nur zu, nur zu!! Probier oder probiert es einfach einmal aus.

Die sympathische Crew der freien Theatergruppe teAtrum 7 hat womöglich Ähnliches gedacht oder empfunden, als sie sich für ihre Stück-Version von Hoffmanns populärstem Kunstmärchen (Text und Regie: Sascha Weipert) entschloss.


"Die Handlung des Märchens beginnt an einem Himmelfahrtstag in Dresden: Ein junger Student namens Anselmus stößt am Schwarzen Tor den Korb einer alten Apfelhändlerin um. Um den Schaden der alten Frau zu mildern, gibt er ihr seinen ganzen Geldbeutel, den er eigentlich für’s Feiern verwenden wollte, rennt dann aber schnell weg. Die Frau beschimpft ihn. Damit beginnen die phantastischen Abenteuer des Studenten Anselmus mit der goldgrünen Schlange, dem bösen Äpfelwein, Veronika und dem Goldenen Topf…"

*

"teAtrum 7 (oder auch: teAtrum VII) ist ein Theater- und Filmensemble, gegründet 1999 in Frankfurt am Main, seit 2010 in Berlin. Wir als Theaterkollektiv möchten uns mit unserer Arbeit einmischen, gesellschaftsrelevante Themen ansprechen und politisch Stellung beziehen. Wenn wir dabei vielleicht auch nicht die Welt verbessern können, so möchten wir zumindest die bestehenden Bedingungen des Miteinanderlebens hinterfragen und Alternativen aufzeigen. Trotz aller Gesellschaftskritik und -relevanz wollen wir aber auch das Publikum begeistern und unterhalten. Konventionelle Theaterformen, die sich auf die Darstellung des Schauspielers stützen, sind genauso Teil unserer Produktionen wie die postdramatischen Stilmittel Film und Performance, die zusammen mit den Elementen des Dokumentar-, Bewegungs- und Musiktheaters eine Art Gesamtkunstwerk erschaffen. Darüber hinaus soll bei all unseren Projekten das Experiment im Vordergrund stehen, ein Theater sozusagen, das sich bei jeder neuen Produktion und an jedem Abend neu findet und erfindet. Wichtig in vielen Produktionen ist die Miteinbeziehung des spezifischen Raums als Spielort. So gibt es immer wieder Inszenierungen, die zumindest teilweise im Öffentlichen Raum stattfinden oder bei denen das Publikum den Ort wechseln muss."

(Quelle: berlin.teatrumvii.de)




Jean-Jules Ginter als Anselmus (li.) und Christian Kuderna als Archivarius in Der goldene Topf | Foto (C) Steffen Wollmann; Bildquelle: teAtrum 7

* *

Der goldene Topf erfolgte als Stationen-Stück, und alle zwölf Vigilien (Hoffmanns so bezeichnete Kapitel) wurden von den sechs Akteurinnen sowie Akteuren nacheinander - in gebührender Verkürzung, das versteht sich - "abgearbeitet". Dass es im zweiten Teil, nach einer Viertelstunde Pause, ab Vigilie Nr. 9 rein von der Spannung her nicht unbemerkbar etwas abflachte, mochte vielleicht auch daran liegen, dass der überbordende Erzählfluss, den die Hoffmann-Prosa nun mal vorgibt, als gesagter und gespielter Text jenem gedanklich Ausufernden, das allein schon, wenn man es dann heutzutage liest - ich selbst hielt Hoffmanns Sprache nur bis Seite 12 (von 80 engbedruckten Seiten) aus, danach kapitulierte ich - , unendlich grenzlos scheint, kaum Schritt zu halten vermag; das eine wie das andere lief/ läuft Gefahr aufs Unerbittliche zu nerven.

Kurzum: Ich hielt das alles dennoch tapfer durch und freute mich besonders über Ginters permanente Hinsturz-Einlagen; dass er dann diese körperliche Selbstkasteiung ohne viele blauen Flecken überstanden haben mochte, wünschte ich doch sehr.

Mein insgeheimer Star des Abends war dann allerdings Renée Johanna Stulz, die mindestens dann dreimal ihre Rolle wechselte: als mit beinahe Führer-Sprech sich artikulierender Registrator Heerbrand, als sächselnde Märchenerzählerin oder als hyperaufgedrehte TV-Talkmasterin, die ihr verstiegen sexuelles Interesse an dem TV-Talkgast Veronika nicht verbergen wollte oder konnte; toll gespielt!!!
Andre Sokolowski - 2. September 2022
ID 13782
DER GOLDENE TOPF (ACUD-Theater, 01.09.2022)
Text & Regie: Sascha Weipert
Mitarbeit: Sonja Elisabeth Martens
Besetzung:
Christian Kuderna (als Archivarius)
Renée Johanna Stulz (als Registrator Heerbrand)
Fabian Rischow (als Konrektor Paulmann)
Jean-Jules Ginter (als Anselmus)
Theresa Pauli (als Veronika und Serpentina)
Vasco Esteves (als Äpfelweib)
Premiere war am 31. August 2022.
Werkstattaufführung von teAtrum 7


Weitere Infos siehe auch: https://berlin.teatrumvii.de/


https://www.andre-sokolowski.de

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