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Gastspiel

The Confessions

von Alexander Zeldin


Bewertung:    



Das Festival für Internationale Dramatik (FIND) in der Schaubühne am Lehniner Platz ist seit 2000 die für Berlin wichtigste Gastspieladresse für internationale Theaterproduktionen. In diesem Jahr liegt der Fokus u.a. auf Inszenierungen in portugiesischer Sprache. Aber auch dem britischen Dramatiker und Regisseur Alexander Zeldin ist eine kleine Werkschau gewidmet. Zeldin wurde bekannt mit seiner Trilogie der sozialen Ungleichheiten The Inequalities und ist mit seinen Stücken auch regelmäßig zu Gast bei den Wiener Festwochen. Das FIND zeigte 2023 den Teil Love als Gastspiel des National Theatre of Great Britain (London). In diesem Jahr gastiert der Teil Faith, Hope and Charity an der Schaubühne, wo der Autor und Regisseur 2022 auch den Teil Beyond Caring mit dem hiesigen Ensemble neu inszenierte. Zum Beginn des Festivals stand Zeldins neueste Produktion The Confessions auf dem Spielplan. Die Uraufführung war im Juni 2023 bei den Wiener Festwochen.

*

Für The Confessions (dt.: Die Bekenntnisse) hat Zeldin lange Gespräche mit seiner Mutter geführt. Ähnliches kennt das Berliner Publikum schon vom Stück The Silence des Autors und Regisseurs Falk Richter wie auch von Didier Eribons Roman Rückkehr nach Reims in der Bühnenfassung des Schaubühnenintendanten Thomas Ostermeier. Beide Inszenierungen wurden zum Berliner THEATERTREFFEN eingeladen. Zeldins Vorbilder für seine Biografiebearbeitung sind die französische Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux und der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård. Ganz so ausufernd wie in Knausgårds autobiografischer Romanzyklus Min Kamp, der in einer komprimierten Bühnenfassung derzeit im Berliner Ensemble zu sehen ist, wird es an der Schaubühne nicht. Die Wiener Premierenfassung von The Confessions wurde um ca. eine halbe Stunde und die Pause auf knapp zwei pausenlose Stunden gekürzt. Was sicher auch der Dramaturgie geschuldet ist.

Die Berliner Gastspielfassung läuft nun ohne große Längen, obwohl sich darin das Leben der Protagonistin Alice (in Berlin gespielt von Hannah Morrish) von den 1950er bis in die 2000er Jahre abspielt. Zeldin stellt der Spielfigur die gealterte Alice zur Seite. Amalda Brown tritt schon zu Beginn vor den Vorhang und spricht bescheiden davon, dass sie nichts Interessantes zu erzählen habe. Sie wird immer wieder mal kurz in die Spielszenen eingreifen. Beide Darstellerinnen bleiben dabei in ihrer Rolle, während die anderen Figuren wechselnd vom übrigen Ensemble gespielt werden. Das Bühnenbild aus verschiedenen Wohneinrichtungen mit Küche und Esstisch wird zwischen den Szenen zur von Yannis Philippakis komponierten Musik immer wieder umgebaut.

Das Stück beginnt mit einer Szene vor dem Schulabschlussball, bei dem drei Absolventinnen in ihren Ballkleidern über ihr zukünftiges Leben sinnieren und dann kichernd vor ein paar hereinstürmenden Matrosen hinter den Vorhang flüchten. Allein Alice möchte den australischen Heimatort verlassen und studieren. Bezeichnend dafür steht auf dem Vorhang der Aula in Latein „Luceat lux vestra“ (dt.: "So lasst euer Licht leuchten"), ein Vers aus der Bergpredigt. Es liegt durchaus nahe, das Zeldin hier eine Art weibliches Evangelium (Lebens- und Leidensgeschichte) vorschwebt. In der nächsten Szene in einem Küchenbühnenbild gesteht Alice dann ihren Eltern, dass sie die Aufnahmeprüfung an der Uni in Melbourne nicht bestanden hat. Bedrängt von der auf Sicherheit bedachten Mutter willigt sie in die Heirat mit ihrem Verlobten Graham ein. Der junge Navy-Soldat, der sich nach Vietnam gemeldet hat, geht nicht auf die Bedürfnisse und Interessen von Alice ein und verlangt ihre Unterordnung unter seine Familienplanung. Als sie sich weigert, kommt es zum gewaltsamen Bruch. Auch dafür wird Alice später ihre Mutter hassen und bei einem Besuch aus ihrer Wohnung werfen.

Ein zweites traumatisches Erlebnis hat sie in den 1970er Jahren. Sie hat nun doch Kunstgeschichte studiert und verkehrt in einem Kulturboheme-Freundeskreis. Bei einer Einladung eines Uni-Dozenten zu einem Atelierbesuch bei einem Melbourner Maler wird sie in dessen Bad von dem Dozenten vergewaltigt. Auch das eine Art Machtdemonstration. Das Publikum kann das in einer langen wortlosen Szene, in der sich der Vorfall hinter den Kulissen abspielt, nur erahnen. Später wird die ältere Alice den Täter in einer traumartigen Szene demütigen. Aus den toxischen Männerbeziehungen, die sie an ihrer Selbstverwirklichung hindern, muss sich Alice immer wieder schmerzhaft lösen. So zerbricht auch die Beziehung zu einem Literaturprofessor, der auch anderen Studentinnen nachstellt.

Alice verlässt Australien und bereist Europa, um für ihr Buchprojekt über Watteaus Pierrot-Gemälde im Pariser Louvre zu forschen. Ein bildlicher Verweis auf die Emanzipationsgeschichte vom fremdgesteuerten Wesen zum selbstbestimmten Individuum. Erst recht spät in London trifft sie den schüchternen Mittfünfziger Jakob, der sein Glück gar nicht fassen kann. Aber dem späten Mutterglück folgt die Trauer über den Verlust des Partners und Vaters. Trotz dieser Schicksalsschläge erzählt Zeldin die Lebensgeschichte seiner Protagonistin nicht ohne Witz. Anders als in seinen realistischen, fast dokumentarischen Sozialstudien der Inequalities-Trilogie gelingt ihm mit The Confessions ein eindrückliches Emanzipationsdrama, das in Berlin auch zu Recht vom Publikum gefeiert wurde.



The Confessions von Alexander Zeldin - am National Theatre of Great Britain in London
(C) Alipio Padilha 2024

Stefan Bock - 22. April 2024
ID 14711
The Confessions (Schaubühne am Lehniner Platz, 20.04.2024)
von Alexander Zeldin
Regie: Alexander Zeldin
Bühne und Kostüme: Marg Horwell
Choreographie und Bewegung: Imogen Knight
Licht: Paule Constable
Komposition: Yannis Philippakis
Tongestaltung: Josh Anio Grigg
Casting: Jacob Sparrow
Dramaturgie: Faye Merralls und Sasha Milavic Davies
Mit: Amelda Brown, Jerry Killick, Lilit Lesser, Brian Lipson, Hannah Morrish, Pamela Rabe, Gabrielle Scawthorn, Jacob Warner und Yasser Zadeh
UA zu den Wiener Festwochen: 14. Juni 2023
Gastspiel des National Theatre of Great Britain (London)


Weitere Infos siehe auch: https://www.schaubuehne.de


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