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AUTOR:INNENTHEATERTAGE 2023

Johann Holtrop - Abriss der Gesellschaft

von Reinald Goetz


Bewertung:    



Mit Johann Holtrop - Abriss der Gesellschaft, einem Gastspiel vom Schauspiel Köln in Koproduktion mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus, gab es die nächste Literatur-Adaption bei den AUTOR:INNENTHEATERTAGEN am Deutschen Theater Berlin. Der Autor Rainald Goetz ist selbst Dramatiker, hatte aber 2012 mit dem Roman über den Aufstieg und Fall des charismatischen, sich selbst als Künstler verstehenden Vorstandsvorsitzenden eines Medienkonzerns seinen zweiten reinen Prosatext vorgelegt. Bereits 2013 bewies Sewan Latchinian, der damalige Intendant des Neuen Theater Senftenberg, in einer szenischen Lesung, dass sich der Text für eine Bühnen-Adaption lohnen könnte.

Stefan Bachmann, scheidender Intendant des Schauspiels Köln, der 2024 die Nachfolge von Martin Kušej als Burgtheaterdirektor in Wien antreten wird, ist Rainald Goetz lange wegen der Aufführungsrechte nachgelaufen. Gut 10 Jahre nach Erscheinen des Romans hat der Inhalt auch nichts an Aktualität eingebüßt. Die Gier, Arroganz und Selbstüberschätzung der Manager-Eliten in Banken und Konzernen wird einem fast täglich in den Medien vor Augen geführt. Ändern tut das freilich herzlich wenig. Aber mit Bachmanns Bühnenfassung von Goetz‘ Romantext kann sich das Publikum zumindest für gut zwei Stunden an der Karikatur kapitalistischen Ungeistes sozusagen ergoetzen.

Hinzu kommt, dass Regisseur Bachmann alle Rollen mit einem 8-köpfigen reinen Schauspielerinnen-Ensemble besetzt hat. Sie spielen aber doch meist nur reine Hosenrollen, sind im Business-Outfit mit Anzug und Krawatte immer klar als hierarchischer Männerclub erkennbar. Aber wie sie das machen, ist schon ziemlich Klasse. Frauen kommen hier nur in der Rolle von Sekretärinnen, Hostessen, einer Journalistin und der divenhaften Frau des alten Konzernpatriarchen vor. Einzig Melanie Kretschmann bleibt in der Rolle des Johann Holtrop. Die anderen wechseln immer wieder schnell die Kostüme im Dunkel der Bühne, die Olaf Altmann mit lauter senkrechten Schnüren dicht verspannt hat. Es entstehen so Räume und Gassen. Altmann nimmt hier ein von ihm schon öfter erprobtes Gestaltungs-Prinzip wieder auf. Je nach Lichtführung wirkt der Bühnenraum kathedralenartig hoch oder eng gezwängt. Dazwischen wirken die Spielrinnen oft auch wie fremdgeführte Puppen an Seilen.

Musikalisch untermalt wird der Abend von einem Kammerorchester, das den Text fast durchweg begleitet, so dass er zu Beginn fast wie ein Libretto vorgetragen wird. Ein Chor Reinigungspersonal in Blaumännern führt in die Geschichte ein. Der in drei Teile gegliederte Roman der Karriere Holtrops, angesiedelt in den 00er Jahren, erfährt auch auf der Bühne eine Dreiteilung, die sich u.a. an der Art der musikalischen Begleitung und Textdarbietung erkennen lässt. Das ist dann auch das größte Problem der Inszenierung, die über die Form den Text fast zur Nebensache werden lässt. Man erlebt singende Karikaturen der Wirtschaftswelt. Mal passt das Musikalische zum Sound des Romans, mal eher nicht.

Der Werdegang Holtrops vom aufstrebenden Manager aus mittelständischer Unternehmerfamilie zum Aufsichtsratschef des Assperg-Konzerns mit seiner thüringischen Tochtergesellschaft Arrow PC geht hier im schnellen Sing-Sang fast etwas unter. Wie Holtrop den uneffizienten Chef von Arrow PC entsorgt, ist wiederum sehr gut dargestellt. Dass es ihm später selbst so ergehen wird, ist die eigentliche Pointe des Romans. Bis dahin wird viel Text versungen, verhaspelt und Väter der Klamotte gespielt. Nur in wenigen ruhigen Momenten wird es auch etwas klarer. Wie sich der Narzisst Holtrop immer mehr überschätzt und verspekuliert kann an in so komprimierter Form nur kurz angerissen werden. Auch die vielen Figuren des Romans, die fast alle auf reale Personen aus der deutschen Wirtschaft zurückzuführen sind, defilieren wie im Ballett vorbei. New Economy, Schröder, Merkel und der Bankencrash bilden den historischen Hintergrund. Da taucht dann mal ein Schröderkopf auf. Vieles muss man sich an diesem schön komponierten Abend aber selbst zusammenreimen.



Johann Holtrop - Abriss der Gesellschaft von Reinald Goetz - am Schauspiel Köln | Foto (C) Tommy Hetzel

Stefan Bock - 7. Mai 2023
ID 14184
Johann Holtrop - Abriss der Gesellschaft (Deutsches Theater Berlin, 06.05.2023)
von Rainald Goetz
Regie Stefan Bachmann
Bühne Olaf Altmann
Kostüme Jana Findeklee, Joki Tewes
Choreografie & Körperarbeit Sabrina Perry
Komposition und Musikalische Leitung Sven Kaiser
Licht Michael Göök
Dramaturgie Lea Goebel
Mit: Nicola Gründel, Melanie Kretschmann, Anja Laïs, Rebecca Lindauer, Lea Ruckpaul, Cennet Rüya Voß, Luana Velis und Ines Marie Westernströer sowie den Musikern Sven Kaiser, Zuzana Leharová, Annette Maye und Jan-Felix Rohde
UA am Schauspiel Köln: 25. Februar 2023
Gastspiel vom Schauspiel Köln & Düsseldorfer Schauspielhaus zu den Berliner AUTOR:INNENTHEATERTAGEN


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel.koeln


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