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AUTOR:INNENTHEATERTAGE 2023

Hänsel & Greta & The Big Bad Witch

von Kim de l´Horizon


Bewertung:    



Ähnlich [wie bei Reinald Goetz' Johann Holtrop] ergeht es dem Stück von Kim de l’Horizon, nicht binäre*r Gewinner*in des Deutschen Buchpreises 2022 mit dem Roman Blutbuch. Mit Hänsel & Greta & The Big Bad Witch ist im September 2022 der erste Teil von de l’Horizons Septologie des „Posthumanistischen Theaters“ an den Bühnen Bern herausgekommen. Es geht dabei nicht um eine postmoderne Adaption des Grimm’schen Märchens, sondern um eine Weltenrettung in 13 Übungen, wie es im Untertitel heißt. Das ist im Text schon ziemlich crazy. Oder wie Kim de l’Horizon im Vortext zum Stück selbst schreibt: „Dies ist sprachlich ein so absurd überfrachteter Text, eine dermassen wilde und für Sprechende und Hörende flippige Sprachparty, ich glaube echt, es braucht nicht wahnsinnig viel.“ Das ist natürlich eine wohlwissende, wenn auch etwas kokettierende Regieempfehlung, die Ruth Mensah, Regisseurin der Uraufführung, vermutlich glatt überlesen haben muss. Pech gehabt.

Im Deutschen Theater kam das Gastspiel aus Bern in der kleinen Nebenspielstätte Box zur Aufführung. Die Bühne von Charlotte Martin ist ziemlich vollgemüllt. Wir befinden uns im Wald eines posthumanistischen Zeitalters, in dem auch Tiere und Pflanzen mitreden wollen, da ihre Umwelt als monokulturell beackerte Fläche für den Anbau von Vitalin gebraucht wird. Das nehmen die Menschen um besser arbeiten zu können und keinen Burnout zu bekommen. In den beiden im Viatlin-Wald gestrandeten Hänsel und Greta erleben wir nun die Retter der Welt und da heißt Gretel nicht von ungefähr Greta. Während das Hochsensibelchen Hänsel (Viet Anh Alexander Tran) sich von der Hexe (Genet Zegay) mit Wohlfühl-Esoterik einlullen lässt, kämpft Greta als „autistische Weltenretterin“ gegen die allgemeine Ignoranz an. Dazu kommen noch eine sprechende Buche, das Schnegel, ein Steinfresser-Schneckensteinschmätzer und eine die Luft rettende Echte-Lungenflechten-Grünalge (alles gespielt von Julius Engelbach). Ein spaßiger, im Aussterben befindlicher schräger Artenzoo allerdings mit schönen Kostümen von Shayenne Di Martino.

Das ist ein knalliger Öko-Spaß, wenn man gefühlt auch nur die Hälfte versteht. Es erinnert ein wenig an Stücke von Ferdinand Schmalz. Eine sehr bildliche Sprache mit Hang zur Poesie, die zuweilen allerdings etwas ins kindlich Verniedlichende abrutscht. Da wird dann auch mal schräg gereimt oder mit Anglizismen („meine Tenderness die ist ein elevator ohne groundfloor“) und anderen Worterfindungen um sich geworfen. Um da einen Break zu machen, wendet sich das Ensemble immer wieder ans Publikum. Da wird ein Pilz gesucht, der sich unter einem Zuschauersitz befindet, oder das richtige Atmen geübt. Ansonsten geht das Weltenrettungs-Spektakel in viel Geschrei und Gehampel unter. Dass es der Mensch ist, der die Erde bis zur Klima-Katastrophe selbst zuscheißt, hat man schnell verstanden. Dazu braucht es keine „Evolution der Kacke“. Gretas Ansprache für eine „Welt zum drin Okaysein“ wirkt da schon etwas verzweifelt. Das große „posthumanistische Happy End“ lautet dann „die große Symbiose aller Lebewesen“. Da bleibt für weitere Teile nicht mehr viel übrig. Fürs Erste gab es aber schon mal den Hermann-Sudermann-Preis für Dramatik.



Hänsel & Greta & The Big Bad Witch von Kim de l´Horizon an den Bühnen Bern | Foto (C) Yoshiko Kusano

Stefan Bock - 8. Mai 2023
ID 14185
Hänsel & Greta & The Big Bad Witch (Box, 07.05.2023)
von Kim de l'Horizon

Regie: Ruth Mensah
Bühne: Charlotte Martin
Kostüm: Shayenne Di Martino
Dramaturgie: Julia Fahle
Mit: Julius Engelbach, Lucia Kotikova, Viet Anh Alexander Tran und Genet Zegay
UA an den Bühnen Bern: 22. September 2022
Gastspiel der Bühnen Bern zu den Berliner AUTOR:INNENTHEATERTAGEN


Weitere Infos siehe auch: https://buehnenbern.ch/


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