Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 5

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

Wiederaufnahme

Im Strudel

der Leitmotive


DER RING DES NIBELUNGEN
von Richard Wagner am
Stadttheater Minden


Götterdämmerung am Stadttheater Minden | Foto (C) Friedrich Luchterhandt

Bewertung:    



„Winter-” oder „Oster-Bayreuth” sind altbewährte Etiketten, die manches Opernhaus gern auf ihre Wagner-Packages babbt. Für gewöhnlich steckt nicht allzu viel dahinter, weil es sich im Gegensatz zu Bayreuth lediglich ums Aufführen der Wagnerschen Musikdramen handelt. Doch bei der Ankunft in Minden weht tatsächlich eine Brise Festspiel, was man anhand des flatternden W’s auf dem Theaterdach sehen und der Blechbläser auf dem Balkon hören kann. Hinzu kommt die Kombi aus Hochkultur und Provinz - wohlgemerkt im allerbesten Sinne. Ein locker-flockiges „Hallo” an der Kasse, ein paar herzige Worte der Garderobiere, man erhält ein Goodie-Bag mit kompaktem Ring-Schuber und fühlt sich - willkommen.

Das Stadttheater Minden, ein schmucker, neobarocker Kasten, verfügt über 535 Sitzplätze. Entsprechend winzig ist der Orchestergraben. Frank Beermann räumte das Feld (das nun abgedeckt bzw. mittels Hubpodium als zusätzliche Spielfläche fungiert) und hat es sich mit der Nordwestdeutschen Philharmonie auf der breiteren Hinterbühne gemütlich gemacht - mit sensationellem Klangergebnis. Dadurch, dass das Ganze akustisch wie ein Megafon funktioniert, gelingt Beermann die Quadratur des Kreises: Er zaubert den prallen Wagner-Sound in ein Stadttheater.

Mit Quadraten und Kreisen arbeitet auch Frank Philipp Schlößmann, der schon für den Bayreuther Ring von Tankred Dorst das Bühnenbild entwarf. Er wuchtet ein Rechteck in die Mitte der Plattform, welches von einem bühnenhohen, anknipsbaren Leuchtreif umringt wird, der wiederum gerahmt ist. Auf der linken Seite ringelt sich noch eine Wendeltreppe in die obere Proszeniumsloge, von der die Götter auch regen Gebrauch machen. Viel mehr Kulisse ist weder nötig noch möglich.

*

Aus der Rheingold-Besetzung stechen ein wunderbar ebenmäßig singender Loge (Thomas Mohr) sowie ein toll phrasierender Alberich (Heiko Trinsinger) hervor.



Das Rheingold am Stadttheater Minden | Foto (C) Friedrich Luchterhandt


Alle vier Ring-Opern hat Gerd Heinz in Szene gesetzt. Dass der frühere Intendant des Zürcher Schauspielhauses selbst auch Schauspieler ist, sieht man seiner Regie leider so gar nicht an, denn auf der Bühne werden bislang ziemlich dünne Bretter gebohrt. Es ist schon amüsant zu beobachten, wie Siegmund in Sieglindes Suppe reinhaut (offenbar geht auch Geschwisterliebe durch den Magen) oder Fricka schnippisch die Hand zurückzieht, bevor Wotan sie küssen kann. Derartige Einfälle sind allerdings Mangelware: Der überwiegende Teil der Personenführung scheint vielmehr aus dem Kästchen solistischer Erfahrungsschätze zu stammen. Und selbst die können die ein oder andere Szene nicht vor kaugummihafter Zähigkeit bewahren. Von einem inhaltlich neuen Blick, den Heinz auf dieses Mammutwerk wirft, kann, zumindest bis jetzt, nicht die Rede sein.

Dafür entschädigt die Sängerriege, vor allem Kathrin Görings ausdrucksstarke Fricka mit viel Glimmer im Mezzo sowie die höhenstrahlende, strahlend schöne Sieglinde von Magdalena Anna Hofmann. Ein weiteres Plus ist die allgemein verblüffend gute Textverständlichkeit - das Walkürengeschwader mit eingeschlossen.

Am Ende darf Wotan dann doch noch knutschen: Lang und innig presst er seine Lippen auf die seiner Lieblingstochter, die daraufhin quasi in Ohnmacht fällt. Inzestuöser Feuerzauber. Der (imaginäre) Vorhang fällt rasch.



Die Walküre am Stadttheater Minden | Foto (C) Friedrich Luchterhandt


Bergfest! Was in dem Fall bedeutet, dass es szenisch bergauf geht. Zunächst hat Gerd Heinz auf der knapp bemessenen Spielwiese eine Schmiede mit allem Pipapo aufbauen lassen, einschließlich Zerspanungsmaschine, Wasserfass, Werkbank, Amboss und eines monströsen Ofens mit dazugehörigem Blasebalg, der so riesig ist, dass er über den Rand des ersten Ranges ragt. Nach grauer Rheingold-Vorzeit und mittelalterlicher Walküre befinden wir uns jetzt also - Bonjour Patrice Chéreau! - im Zeitalter der Industrialisierung.

Der zündendste Regiefunke ereignet sich im 2. Akt als Alberich (kolossal: Heiko Trinsinger) mit der Flinte in Richtung Neidhöhle marschiert. Denn er kommt nicht allein des Wegs: Der kleine Hagen ist mit Papi auf der Jagd. Hingegen ist der Waldvogel ein recht alberner Piepmatz: Die arme Julia Bauer muss im Wanderoutfit an der Stange hin und her hopsen, das Köpfchen recken, mit den Augen rollen und so tun, als sei sie ein echtes Vögelchen. Auch die Projektionen auf dem Gazevorhang, der das Orchester vom Bühnengeschehen trennt, stiften mal mehr, mal weniger Sinn. Dass Mime (viel Charakter, nicht ganz so viel Tenor: Jeff Martin) wie eine lauernde Spinne agiert, die sich später im eigenen Netz verfängt, passt vortrefflich zur Musik und ist metaphorisch durchdacht. Nicht ganz so ausgeklügelt ist etwa das projizierte Puzzle, das man zum Anfang der Rätselszene (souveräner Wotan/Wanderer: Renatus Mészár) sieht.

Im letzten Siegfried-Akt vollführen die liebesglühende Dara Hobbs, der geschmeidig schmetternde Thomas Mohr sowie die Nordwestdeutsche Philharmonie unter Frank Beermann einen bewegenden, über allem schwebenden Kraftakt. Mit welcher Strahlkraft das Blech agiert, ohne jemals bloß lärmig zu sein, welch sonnige Süße die Streicher Brünnhildes Erwachen verleihen - das ist großartig. Dieses Finale vibriert innerlich vor Energie. Es hat einen Schwung und einen Sog, der einen beim Verlassen des Stadttheaters nach gut fünf Stunden fast taumeln macht.



Siegfried am Stadttheater Minden | Foto (C) Friedrich Luchterhandt


Erst auf der Zielgeraden zeigt Gerd Heinz, worum es ihm die ganze Zeit über ging, und lässt Tote wiederauferstehen, SängerInnen aus ihren Figuren steigen, den Gazevorhang hochfahren - und wir alle, Publikum wie Bühnenpersonal, staunen Bauklötze über diesen Klang-Körper. Hier spielt die Musik, sagt dieses Schlussbild, das einen in seiner entwaffnend einfachen Art völlig überrascht. Und schließlich überwältigt. Dass die Walküre szenisch ein Durchhänger war und die Gegenwarts-Götterdämmerung (trotz der auf Leuchtpads herumwischenden Nornen) reine Regiebehauptung bleibt - Schwamm drüber.

Denn dafür öffnet Kapell- und Bademeister Beermann sämtliche Schotten, sodass man sich wie eine Rheintochter in die Klangwogen wirft, sich darin aalt, oder treffender: mitten im Strudel der Leitmotive sitzt. Und die verfehlen ihre rattenfängerische Wirkung auch nach zig Ring-Besuchen nicht: Der Rezensent ringt um Fassung.

Auch der gesamte Cast ballt stimmlich noch einmal die Fäuste: Renatus Mészár gefällt als staatstragender Gunther; Magdalena Anna Hofmann trifft genau den richtigen Zwielichtstonfall der Gutrune; Andreas Hörl lässt als sonorer Hagen Wände wackeln; Thomas Mohr singt einen berückend balsamischen Siegfried, und Brünnhilde Dara Hobbs überzeugt mit aggressivem Spiel und dramatisch fokussiertem wie expandiertem Sopran.

*

Die 18-minütigen Ovationen im Saal gehen nicht nur an die KünstlerInnen, sondern auch an Jutta Winckler, die unermüdliche Vorsitzende des Richard Wagner Verbandes Minden. Ebenjener hat dieses sagenhafte Projekt initiiert und mit Kooperationspartnern, Förderern und zahlreichen Sponsoren erfolgreich gewuppt. Es ist aber auch ein leuchtendes Beispiel für die Leistungsfähigkeit der Institution Stadttheater.


Heiko Schon - 8. Oktober 2019
ID 11731
DER RING DES NIBELUNGEN (Stadttheater Minden, 26., 29.09. / 03., 06.10.2019)
Musikalische Leitung: Frank Beermann
Inszenierung: Gerd Heinz
Ausstattung: Frank Philipp Schlößmann
Video: Matthias Lippert
Licht: Michael Kohlhagen
Chorleitung: Thomas Wirtz
Besetzung:
Wotan / Der Wanderer / Gunther … Renatus Mészár
Alberich … Heiko Trinsinger
Donner … Andreas Kindschuh
Loge / Siegmund / Siegfried … Thomas Mohr
Froh … André Riemer
Mime … Jeff Martin
Fasolt / Hunding … Tijl Faveyts
Fafner … Johannes Stermann
Fricka / Waltraute … Kathrin Göring
Freia / Helmwige / Stimme des Waldvogels / 3. Norn / Woglinde (Götterdämmerung) … Julia Bauer
Erda … Janina Baechle
Woglinde (Das Rheingold) / Gerhilde … Ines Lex
Wellgunde / Ortlinde / 2. Norn … Christine Buffle
Flosshilde / Grimgerde / 1. Norn … Tiina Penttinen
Sieglinde / Gutrune … Magdalena Anna Hofmann
Brünnhilde … Dara Hobbs
Siegrune … Dorothea Winkel
Rossweisse … Yvonne Berg
Schwertleite … Katharina von Bülow
Hagen … Andreas Hörl
Wagner Chor Minden 2019, Coruso (Erster Deutscher Freier Opernchor e.V.)
Nordwestdeutsche Philharmonie
Premieren waren am 9. 9. 2015, 9. 9. 2016, 8. 9. 2017 und 6. 9. 2018.


Weitere Infos siehe auch: http://www.ring-in-minden.de/


Post an Heiko Schon

Konzerte

Musiktheater



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!



Vielen Dank.



  Anzeigen:






MUSIK Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Rothschilds Kolumnen

BALLETT | PERFORMANCE | TANZ

BAYREUTHER FESTSPIELE

CASTORFOPERN

CD / DVD

INTERVIEWS

KONZERTKRITIKEN

LEUTE MIT MUSIK

MUSIKFEST BERLIN

NEUE MUSIK

PREMIERENKRITIKEN

ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski

YOUNG EURO CLASSIC


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal


Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2019 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de