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Uraufführung

Eisblumen und

der Bass

des Bösen



Barbara Hannigan (als Gerda) und Thomas Gräßle (als Kay Double) in Hans Abrahamsens The Snow Queen an der Bayerischen Staatsoper | Foto (C) Wilfried Hösl

Bewertung:    



Man muss sich warm anziehen, wenn man in diese Oper geht. Zwar hat es in München noch nicht geschneit, aber jedes Mal, wenn The Snow Queen gespielt wird, verwandelt eine Lichtinstallation die Eingangs-Säulen des Nationaltheaters in einen kristallinen Eispalast. Auch auf der Bühne fällt jede Menge Schnee aus Wolken, die aussehen wie aufgehängte Schneewalzen. Eis und Schnee, Metaphern der Kälte und Einsamkeit. Die Kristalle von Schneeflocken symbolisieren Schönheit, aber auch Erstarrung und Verzauberung. Wenn der Wind weht, kann man sie flirren hören: Geigen, Glockenspiel, Xylophon – das Knistern eines Schneegestöbers. Das Gefühl von Schnee ist das große Thema des dänischen Komponisten Hans Abrahamsen. Er beschäftigt sich seit Jahren damit und setzt es klirrend, glitzernd, bisweilen auch sphärisch und himmelstürmend um. In Hans Christian Andersens rätselhaftem Märchen von einem in sich eingefrorenen Menschen(kind) hat er eine vielschichtige Vorlage gefunden.

*

Die Inszenierung von Andreas Kriegenburg verlegt die Handlung in ein heruntergekommenes Krankenhaus, splittet die Hauptfiguren in verschiedene Persönlichkeitsstadien auf. Auf der Bühne stehen gleichzeitig Kay und Gerda als stumme Kinder, als Heranwachsende (Kay ist da ein Mezzosopran), als Erwachsene. Multifunktional und überraschend hat der Komponist auch die Rolle der Schneekönigin angelegt. Sie ist das (komische) Rentier, die (unerbittliche) Uhr und vor allem ein schwarzer Mann, die dunkle Seite der Macht und der Verführung. Dieser böse Bass – und wer hätte keinen Sopran erwartet? - hat Kay vereist, traumatisiert, so dass er sich in stumme Depression zurückzieht und den Kontakt zur Umwelt und zu Gerda verweigert. Doch sie kämpft um ihn. Das führt zu einer langen Heldinnenreise ins Innere der Kälte.

Auf ihrem Weg durch die Psychiatrie trifft Gerda märchenhafte Helferfiguren, unter ihnen Krähen und ein Rentier. Es eröffnen sich phantastische Traum-Räume: Krankenschwestern sind auch Blumen und Engel. Eine gespenstisch weiße Eis-Prinzessin zeigt sich klug, wohlwollend, aber auch beschädigt. Sie verbindet die Traumwelt wieder mit der Psychiatrie. Denn ihre Krone trägt sie auf einem kahlen Schädel: eine Glatze wie nach einer Chemotherapie. Das Weiß des Schnees und das Weiß der Ärzte. Kann Reinheit auch klinisch sein, also ambivalent? Gerda behält jedenfalls ihre roten Schuhe - und das warme Herz. Ihre Tränen schmelzen schließlich die Eissplitter im Auge und in Kays Brust, sie tauen ihn auf und heilen. Ein Happy End. Aber nicht in der Ursprünglichkeit der wiedererwachenden Natur, sondern im geschlossenen Raum der Anstalt. Da hat sich inzwischen was getan. Alle Personen - Besucher, Personal und Patienten - sind plötzlich bunt. Sogar die schrecklich weiße Prinzessin trägt auf einmal eine goldene Krone. Jede kindliche Naivität muss eben einmal enden, um dann neu gefunden zu werden. Man sollte „vom Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen“, schrieb schon Kleist.

Auch der Komponist Abrahamsen hat diese Erfahrung ganz persönlich gemacht. Nach einer Schreibblockade in den 1980er Jahren war er gezwungen, sich die für ihn charakteristische Art von „reflektierter Einfachheit“ neu zu erobern. „Ich musste meine Sprache verlieren, ich musste stumm werden und mich ganz in mich selbst verkriechen, wie Kay im Märchen, um mich dann neu finden zu können.“ Die Snow Queen schrieb er für (und in Zusammenarbeit mit) Barbara Hannigan, die die Gerda schauspielerisch und sängerisch perfekt gestaltet. Ebenso berührend und begeisternd Rachael Wilson als Kay. Großartig Peter Rose, dessen Auftritt als Rentier Humor und etwas vom Charme des alten Märchens aufblitzen lässt. Bemerkenswert auch Thomas Gräßle, der die ganze Oper über als apathischer Kay wortlos und verloren auf der Bühne zu stehen hat und doch jeden Augenblick Präsenz zeigt.

Die Schnee-Musik der Snow Queen lässt einen vor allem im zweiten Teil nicht kalt. Filigrane Flächen, ungewöhnliche Instrumentierungen, fein variierte Wiederholungen schaffen viele Klangbilder von Schneeflocken, die da ausschwärmen wie die schneeweißen Bienen des Original-Textes. Abrahamsen setzt auch eindrucksvoll auf Stille: Zu Beginn der Oper etwa erklingt lange Zeit nicht ein einziger Ton, die Großmutter liest den Kindern stumm vor.

Allerdings: unvorbereitet sollte man sich die Oper nicht anschauen. Unbedingt das Andersen-Märchen vorher lesen! Sonst kommt man nicht mit. Und es ist keineswegs einfach, sich gleichzeitig auf die subtile Musik als auch auf ein verwirrend simultanes Bühnengeschehen zu konzentrieren - und auch noch die vielen eröffneten Assoziationsräume wahrzunehmen.

Vielleicht ist da das Genre Oper damit auch etwas überfordert.




The Snow Queen an der Bayerischen Staatsoper mit Katarina Dalayman als Grandmother und Rachael Wilson als Kay (im Schlafanzug) | Foto (C) Wilfried Hösl

Petra Herrmann - 31. Dezember 2019
ID 11910
THE SNOW QUEEN (Nationaltheater München, 30.12.2019)
Oper in drei Akten von Hans Abrahamsen

Musikalische Leitung: Cornelius Meister
Inszenierung: Andreas Kriegenburg
Bühne: Harald B. Thor
Kostüme: Andrea Schraad
Licht: Michael Bauer
Choreographie: Zenta Haerter
Chor: Stellario Fagone
Dramaturgie: Malte Krasting
Besetzung:
Gerda ... Barbara Hannigan
Kay ... Rachael Wilson und Thomas Gräßle
Grandmother/Old Lady/Finn Woman ... Katarina Dalayman
Snow Queen/Reindeer/Clock ... Peter Rose
Princess ... Caroline Wettergreen
Prince ... Dean Power
Forest Crow ... Kevin Conners
Castle Crow ... Owen Willetts
Chor der Bayerischen Staatsoper
Bayerisches Staatsorchester
Uraufführung an der Bayerischen Staatsoper: 21. Dezember 2019
Weitere Termine: 26., 28., 30.12.2019 // 04., 06.01. / 31.07.2020


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper.de/


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