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Premierenkritik

Gescheitert



Le nozze di Figaro an der Staatsoper Stuttgaert | Foto (C) Martin Sigmund

Szenische Bewertung:    



Von Christiane Pohle ist überliefert, dass sie, auf Peter Stein angesprochen, zunächst mit dem Namen nichts anzufangen wusste, dann aber nach kurzem Nachdenken fragte: „Ist das der, der mit dem ‚Faust’ gescheitert ist?“ Inzwischen war Pohle mehrere Jahre lang Dozentin und Studiengangsleiterin an der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg und eine Regisseurin, die jüngere Kolleginnen und Kollegen zur Kenntnis nehmen konnten, nicht aber unbedingt mussten.

Jetzt hat sie an der Stuttgarter Oper Die Hochzeit des Figaro inszeniert. Die Ouvertüre wird, wie in guten alten Zeiten, vor geschlossenem Vorhang gespielt. Die Spannung wächst. Doch groß ist das Erstaunen, wenn sich der Vorhang hebt. Da ist nicht das künftige Schlafzimmer von Figaro und Susanna, gleich neben dem Gemach des lüsternen Grafen, zu sehen, sondern ein Bettenhaus, in dem Statisten umherstreifen und die Matratzen ausprobieren oder auch unter das Bettgestell kriechen. Figaro vermisst nicht, wie es das Libretto vorschlägt, den Raum, in den das Ehebett gestellt werden soll, sondern die Betten selbst. So geht es weiter, fast vier Stunden lang: Einfälle ohne Sinn und Verstand. Originell sollen sie halt sein.

Dass Pohle sich nicht um die Vorgaben des Textes schert – geschenkt. Wenn Susanna und Marcellina einander mit einem spöttischen „nach Ihnen“ den Vortritt überlassen wollen, ist weit und breit keine Tür, die sie durchschreiten könnten. Stattdessen lümmeln die beiden Damen auf einem der herumstehenden Betten. Aber wenn man sich nicht um das Libretto kümmert, sollte man mit dem Bühnengeschehen eine eigene Wirklichkeit erschaffen. Dazu ist Christiane Pohle offenbar nicht in der Lage. Sie beraubt Mozarts und Da Pontes Konstruktion ihrer Bedeutung, ohne ihr etwas entgegenzusetzen. Jedenfalls auf der Bühne. Im Programmheft kann man, wie so oft, allerlei lesen, was gescheit klingt, aber in der Inszenierung nicht eingelöst wird.

Cherubino ist nicht der vernarrte Knabe, als den wir ihn lieb gewonnen haben, sondern eine grauhaarige Lesbe. Meinetwegen. Aber Pohle kann mit dieser Änderung nichts anfangen. Wollte sie uns signalisieren, dass die Gräfin und vielleicht auch Susanne in Wahrheit lesbisch sind, so macht sie nichts aus diesem Ansatz. Die Klassengegensätze hat die Regisseurin eingeebnet. So darf der servile Basilio hemmungslos über die Herrschaften lachen, als stünde er gesellschaftlich über ihnen. Jürgen Gosch hat einst die Schrecken des Soldatenlebens spürbar gemacht, in das Figaro Cherubino entlässt. Davon scheint Pohle nichts zu ahnen.

Cherubino stiehlt nicht ein Haarband der Gräfin, sondern deren Strumpfhose. Am Ende werden die Figuren – einer der ausgelutschtesten Einfälle der jüngeren Theatergeschichte – verdoppelt, ohne dass das, wie einst in der Entführung aus dem Serail von Hans Neuenfels, zu irgend etwas führte. Zwischendurch wird ein Brief Mozarts an das „Bäsle“ auf den Vorhang projiziert. Was er mit Figaro zu tun hat, bleibt ein Geheimnis. Offensichtlich inspriert ist die Regisseurin von Christoph Marthaler. Der aber hat Die Hochzeit des Figaro in Salzburg inszeniert. Dort hätte sich Christiane Pohle informieren können, was sich mit Marthalers Methode aus dem Stoff machen lässt. Bei ihr bleiben davon allenfalls Äußerlichkeiten, für die sie bei der Premiere zu Recht ausgebuht wurde, während die Sängerinnen und Sänger, wiederum wie in alten Zeiten, Szenenapplaus bekamen. Einmal, im Finale des zweiten Aufzugs, leuchtet kurz auf, was möglich gewesen wäre, wenn Christiane Pohle das Stück intellektuell durchdrungen hätte. Da wird die Musik in Gesten übersetzt, schlüssig, konsequent und bühnengerecht.

*

Ist es ein Trost, dass das Ensemble durchweg durch die hohe Qualität des Gesangs besticht? Welch eine konzertante Aufführung brächte es zustande. So aber lenken die Bilder aus dem wunderbaren Bettensalon nur ab. 5 K für die Musik.

1 K für die Inszenierung. Von Christiane Pohle. Das ist die, die mit dem Figaro gescheitert ist.




Le nozze di Figaro an der Staatsoper Stuttgaert | Foto (C) Martin Sigmund

Thomas Rothschild – 2. Dezember 2019
ID 11859
LE NOZZE DI FIGARO (Opernhaus, 01.12.2019)
Musikalische Leitung: Roland Kluttig
Regie: Christiane Pohle
Bühne: Natascha von Steiger
Kostüme: Sara Kittelmann
Video: Anna-Sofie Lugmeier
Licht: Reinhard Traub
Chor: Bernhard Moncado
Dramaturgie: Ingo Gerlach
Besetzung:
Graf Almaviva ... Johannes Kammler
Gräfin Almaviva ... Sarah-Jane Brandon
Susanna ... Esther Dierkes
Figaro ... Michael Nagl
Cherubino ... Diana Haller
Marcellina ... Helene Schneiderman
Basilio ... Heinz Göhrig
Don Curzio ... Christopher Sokolowski
Bartolo ... Friedemann Röhlig
Antonio ... Matthew Anchel
Barbarina ... Claudia Muschio
Staatsopernchor Stuttgart
Staatsorchester Stuttgar
Premiere an der Staatsoper Stuttgart: 1. Dezember 2019
Weitere Termine: 06., 19., 21.12.2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper-stuttgart.de


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