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nachDRUCK # 5

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Premierenkritik

Daniel Kirch,

vor allem



Tristan und Isolde an der Oper Leipzig | Foto (C) Tom Schulze

Bewertung:    



Der mittlerweile fast baritonal klingende Daniel Kirch - sein derzeitiger Sound erinnert stark an den des unvergesslichen Spas Wenkoff († 2013), und selbst eine ziemlich aktuelle Stimme wie diejenige von Jonas Kaufmann weist gewisse Ähnlichkeiten auf - hat eine hocherstaunliche Metamorphose hinter sich; er fing als lyrischer (Mozart-)Tenor an, fiel die Jahre später durch diverse und auch wunderbare Liederabende besonders auf und ist nun schließlich im wohl hoffentlich ihn nicht total verschleißenden Wagner-Tenor-Fach angekommen; vor zwei Jahren debütierte er als Tristan in Lyon, und zwar in keiner geringeren Produktion als der die legendäre Bayreuther Heiner-Müller-Inszenierung von 1993 rekonstruierten. Dass man einen vormals Lyrischen zu einem jetztmals (Wagner-)Helden sozusagen umzupolen in der Lage sein könnte, tat erstmals Herbert von Karajan veranschaulichen, als er den zu seiner Zeit bereits 45jährigen Eberhard Büchner "seinen" neuen Salzburger Lohengrin singen ließ, - diese Rolle ist an sich schon "etwas lyrischer" als alle andern Wagner-Rollen, was dann wiederum der ihn seit Jahren und Jahrzehnten auf das Allerlyrischste darbietende Klaus Florian Vogt, dessen fast vibrationsfreie Stimme nirgends einschubladbar war und ist, ununterkriegbar [zuletzt in Bayreuth dieses Jahr] unter Beweis stellt...

Aber Lohengrin ist halt nicht Tristan.

Und in Wagners Tristan und Isolde geht es nun mal vordergründig und in erster Linie darum, ob und wie der Titelrollengeber jeweils "durchhält" - ob und wie es während dieser sängerischen Durchhalte- und also Leidenszeit Momente gäbe, die dem diese Durchhalte- und also Leidenszeit rein hörerisch Vernehmenden (will sagen: uns, dem hundsgemeinen Publikum) Anlässe böten zu behaupten, dass der aktuelle Live-Sänger des aktuellen Live-Tristans am Ende doch dann nicht die "Idealbesetzung" wäre resp. war.

Ich konstatiere [nur für mich persönlich, wohl gemerkt!]: Der Tristan-Sound des Daniel Kirch hat einen überwältigenden Klang - er trifft nur leider selten die vom Komponisten notenmäßig vorgeschrieb'nen Töne.

*

Neben Kirch ist sicherlich Sebastian Pilgrim die vielleicht noch sensationellere Entdeckung der von GMD Ulf Schirmer gestern Abend an der Oper Leipzig dirigierten Tristan-Premiere! So einen LEIDenschaftlichen Marke habe ich in meiner jahrzehntelangen Tristan-Rezeptionsgeschichte unter Garantie noch nie erlebt; Pilgrim LEIDet die Rolle in schaljapinhafter Tiefe, und man ist nach seinen beiden Großauftritten zweifelsfrei geneigt das LiebesLEID von König Marke hinsichtlich der für ihn unerfüllten einseitigen Liebe zu dem Neffen als das eigentliche Liebes-HauptLEID dieser vieldeutbaren Wagneroper zu begreifen.

Ungefähr in dieser Hoch-Klasse bewegt sich auch der unverwüstlich seinen Bach in Wagner einbringende Martin Petzold, dessen Hirten-"Öd und leer das Meer" durchaus als punktuelles Highlight dieser Aufführung bezeichnet werden sollte.

Die Isolde Meagan Millers sieht fantastisch aus und spielt und singt in Teilen auch sehr gut; sie tut dann allerdings (für ihre jungen Jahre) arg vibrieren.

Jukka Rasilainen (Kurwenal) steht immer noch präsent und suggestiv auf seinem alten Wagner-Dampfer - schade, dass man ihn in Bayreuth "nur noch" Katharinas Kinderopern singen lässt.

* *

Enrico Lübbe hat Regie geführt, und Étienne Pluss hat auf der Drehbühne Versatzstücke von einem Holzschiffswrack gestellt, was wiederum durch fettFilm-Projektionen in mitunter schwankende und schwebende Bewegungen gebracht wird...

Und nicht Weniges, was sich als überraschend neu bei dieser wichtigtuerischen Inszenierung brüstet, ist den Sachverständigen aus Bayreuth-Arbeiten der jüngeren Vergangenheit vertraut: der Lichtrahmen (aus Kratzers Tannhäuser) oder die Aufdrängung von völlig überflüssigen Isolde-Dubletten (aus Katharina Wagners Tristan und Isolde) beispielsweise.

Ein paar Bläser vom Gewandhausorchester gurken recht bedenkenswert an manchen Stellen - wenigstens spielt Gundel Jannemann-Fischer ihr Englischhorn-Solo im dritten Aufzug lupenrein; warum sie allerdings mit ihrem Instrument und in Zivilkleidung die Bühne abspazieren muss, bleibt nachgerade ein Geheimnis unter vielen.

Zwiespältige Eindrücke, summa summarum:

Weniger geglückt als erhofft.




Daniel Kirch und Meagan Miller als Tristan und Isolde an der Oper Leipzig | Foto (C) Tom Schulze

Andre Sokolowski - 6. Oktober 2019
ID 11728
TRISTAN UND ISOLDE (Oper Leipzig, 05.10.2019)
Musikalische Leitung: Ulf Schirmer
Inszenierung: Enrico Lübbe
Co-Regie: Torsten Buß
Bühne: Étienne Pluss
Kostüme: Linda Redlin
Video: fettFilm
Licht: Olaf Freese
Choreinstudierung: Thomas Eitler-de Lint
Dramaturgie: Nele Winter
Besetzung:
Isolde ... Meagan Miller
Tristan ... Daniel Kirch
König Marke ... Sebastian Pilgrim
Kurwenal ... Jukka Rasilainen
Melot ... Matthias Stier
Brangäne ... Barbara Kozelj
Ein Hirt ... Martin Petzold
Ein Steuermann ... Franz Xaver Schlecht
Ein junger Seemann ... Alvaro Zambrano
Herren des Chores der Oper Leipzig
Komparserie der Oper Leipzig
Gewandhausorchester Leipzig
Premiere war am 5. Oktober 2019.
Weitere Termine: 12.10. / 10.11.2019 // 14.03., 01.06.2020


Weitere Infos siehe auch: https://www.oper-leipzig.de


http://www.andre-sokolowski.de

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