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Premierenkritik

Mozart

und Salieri -

schmissig

reloaded!



Das ist Daniel Gutmann, der bei Mozart muss sterben im Gärtnerplatztheater München mitsang und mitspielte. | Foto (C) Inge Schäffner

Bewertung:    



Die Legende ist bekannt. Sie bildete sich schon sechs Jahre nach dem Tod Salieris mit Puschkins Drama Mozart und Salieri. Der unglückselige Hofkomponist musste über 30 Jahre lang erleben, wie die Musik seines Rivalen die eigenen Kompositionen in den Schatten stellte, ja verdrängte.

Hat er aus Neid das früh verstorbene Genie aus dem Weg geräumt? Ja, sagt Peter Shaffers Bühnenstück Amadeus, und ja sagt auch Miloš Formans Verfilmung - entgegen aller Wissenschaft. Na ja, meint die Neuproduktion, die der hocherfolgreiche Intendant des Gärtnerplatztheaters Josef F. Köpplinger (sein Vertrag wurde eben erst einstimmig verlängert) selbst zusammengestellt hat: Grund genug hätte Salieri gehabt! Das beweist Mozarts Musik, fulminant präsentierte Best-ofs. So kann man auch ein junges Publikum an Mozart heranführen.

Es fängt mit dem Ende an. Der alte Salieri sitzt im Rollstuhl und erzählt von der Tragik seines Künstlerlebens: der Erkenntnis der eigenen Mittelmäßigkeit im Angesicht des Außergewöhnlichen. Neid, Hass („Perdono Mozart“), aber auch Bewunderung. Immerhin ist dieser Salieri imstande das Genie Mozart zu erkennen, auch wenn es noch so infantile Scherze macht und wo immer es auftritt. Der Kaiser dagegen hört nur „zu viele Noten“ und wünscht „keine Dacapos mehr“.

Rückblick Wien 1781. Salieri (Erwin Windegger: steif elegant, dann zunehmend schmerzverzerrt) ist in seinen besten Jahren und reichlich überzeugt von sich. Da hört er Mozarts Adagio aus der Serenade Nr. 10 B-Dur: „Die Partitur sah nach nichts aus. Der Anfang, so simpel, fast lächerlich. Nur ein Pulsieren, Fagotte, Bassetthörner – wie eine rostige Quetschkommode. Doch da, plötzlich, hoch darüber, eine einsame Oboe, ein einzelner Ton, unerschütterlich über allem, bis eine Klarinette ihn aufnimmt, in einer Phrase von solch himmlischer Süße! Das war keine Komposition eines Zirkusaffen! So eine Musik hatte ich noch nie vernommen. Voll tiefster Sehnsucht; einer so unstillbaren Sehnsucht, dass ich erbebte und es mir schien, als hörte ich die Stimme Gottes.“ Der Hofkompositeur wird hier zitiert mit den Worten des britischen Dramatikers Peter Shaffer.

Wenig später ereilt Salieri die Arie der Konstanze „Martern aller Arten“ aus Die Entführung aus dem Serail. Ein lächerliches Stück? Allzu viele Koloraturen (Jennifer O´Loughlin meisterte sie gleich zu Beginn bravourös)? Nein, in seinem tiefsten Inneren weiß Salieri, was für ein Meisterwerk er vor sich hat. Und so geht es weiter, Schlag auf Schlag: Don Giovanni, Die Hochzeit des Figaro, Die Zauberflöte, die Messe in c-Moll, das Requiem. Es hilft nichts, dass er Mozarts Frau Stanzerl einlädt, um sich an ihrem Mann zu rächen. Schließlich hat Mozart seine Lieblingsschülerin verführt, das auch noch! Constanze verweigert ihm ein Küsschen, zeigt ihm aber Mozarts Original-Noten. Zwei niederschmetternd hell leuchtende Strahlen gehen aus dem schwarzen Opernhimmel nieder (Licht: Peter Hörtner), verweisen aufs Göttliche und machen Salieris Lage nur noch schlimmer.

Das Bühnenbild (Heiko Pfützner): denkbar schlicht. Umso lebendiger wirken die Protagonisten. Im Hintergrund ein Rechteck aus verschwimmenden, unscharfen Strukturen, die sich passend zur Szene in Pastelltönen verfärben. Tiefrot nur beim Tod von Vater Leopold Mozart, er ist der „steinerne Gast“ aus Don Giovanni, das versteht man sofort. Ansonsten: ein paar Stühle, wenn der Kaiser sich bei einer neuen Mozart-Oper langweilt. Sparsam wird die Dreh- und Hebebühne eingesetzt, sie symbolisiert den Verlauf der Zeit, hebt das Wichtige hervor. So bleibt genug Raum für geschickt platzierte, einfallsreiche Situationskomik, wenn z.B. Salieri von einer riesigen Mozart-Kugel überrollt wird.

Leicht historisierende Kostüme (Inge Schäffner) in schwarz trumpfen hin und wieder mit ein paar Farbakzenten auf. Die optische Hauptrolle aber spielen die hochauftoupierten weißen Perücken des Ensembles. Im Verlauf der Arien und Chorpartien – sie kommentieren die kurze Lebensgeschichte Mozarts voller Eheprobleme und Geldsorgen – nimmt Mozart die seine ab wie ein Maske.

Das junge Team der Sänger*innen [alle Namen s.u.] sowie der Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz (Einstudierung: Felix Meybier) unter der sorgfältigen musikalischen Leitung von Anthony Bramall riss das Publikum mit Qualität und Spiellaune mit und bot eine hervorragend homogene Ensembleleistung. Viel Szenenapplaus.



Peter Neustifter und Erwin Windegger in Mozart muss sterben am Gärtnerplatztheater München | Foto (C) Christian POGO Zach

Petra Herrmann - 30. Juli 2021
ID 13058
MOZART MUSS STERBEN (Gärtnerplatztheater, 29.07.2021)
Musikalische Leitung: Anthony Bramall
Konzept und Regie: Josef E. Köpplinger
Choreografie: Ricarda Regina Ludigkeit
Bühne: Heiko Pfützner
Kostüme: Inge Schäffner
Dramaturgie: Michael Alexander Rinz
Mit: Anna Agathonos, Mária Celeng, Jennifer O'Loughlin, Florine Schnitzel, Julia Sturzlbaum, Anna-Katharina Tonauer, Juan Carlos Falcón, Daniel Gutmann, Lucian Krasznec, Ludwig Mittelhammer, Peter Neustifter, Levente Páll, Christian Schleinzer, Timos Sirlantzis Erwin Windegger u.a.
Chor und Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Premiere war am 29. Juli 2021.


Weitere Infos siehe auch: https://www.gaertnerplatztheater.de/


Post an Petra Herrmann

petra-herrmann-kunst.de

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