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Premierenkritik

Gretchen

auf dem

elektrischen

Stuhl



Mefistofele von Arrigo Boito an der Staatsoper Stuttgart | Foto (C) Thomas Aurin

Bewertung:    



Zu den zahlreichen literarischen Vorlagen, derer sich die Oper bedient hat, gehört – wen wundert‘s – auch Goethes Faust. Erstaunlicher ist schon, dass sich nicht einer der bekannteren deutschen Opernkomponisten dieses Stoffes angenommen hat. Arrigo Boitos Mefistofele wurde 22 Jahre nach La damnation de Faust von Berlioz und neun Jahre nach Gounods Faust uraufgeführt. Der italienische Komponist war damals gerade 26 Jahre alt.

Das Libretto, das Boito selbst geschrieben hat, hält sich im Wesentlichen an den ersten Teil von Faust, wobei einzelne Szenen gestrichen oder stark gekürzt wurden. Auf Helena freilich, die bei Goethe erst im zweiten Teil auftritt, und auf Nereus und Panthalis, die nur eine marginale Rolle spielen, sowie auf die geschrumpfte Klassische Walpurgisnacht wollte der Komponist nicht ganz verzichten. Sie füllen den vierten und letzten Akt vor dem Epilog, der Fausts Tod zeigt.

*

Regie führt Àlex Ollé von der längst nicht mehr als skandalös empfundenen katalanischen Theatertruppe La Fura dels Baus. Mefistofele ist eine Koproduktion der Stuttgarter Oper mit der Opéra de Lyon, wo sie bereits im Oktober des vergangenen Jahres auf dem Spielplan stand, allerdings mit anderer Besetzung. Die Koproduktion betrifft nur die Inszenierung. Das Team konnte sich bei der Stuttgarter Premiere allerdings nicht verneigen. Es ist bereits in Sachen Turandot in Tokio zugange. Mit dem Stoff hat Ollé reichlich Erfahrungen. Er war an Produktionen der Faust-Opern von Berlioz und Gounod sowie an dem Theaterprojekt F@ust 3.0 beteiligt. Da kann gerade noch Frank Castorf mithalten.

Der Himmel, in dem während des Prologs der Herr in der Gestalt Fausts sitzt – will sagen: Faust imaginiert sich als Gott –, ist ein Großraumbüro mit Laborcharakter. Die Idee, das göttliche Ambiente als bürokratische Institution einzurichten, ist nicht neu. Ferenc Molnár hatte sie bereits in Liliom, und zahlreiche Filme haben sie adaptiert. Mefistofele tritt naturgemäß im Souterrain auf, und Engel verwunden wie Greifvögel seine Brust. Der gefallene Engel wird von Abgesandten des Herrn seines Herzens beraubt. Das ist schon die halbe Deutung. Auch der Chor besteht aus Engeln in weißen Blusen und grauen Röcken. Der Gedanke an den BDM liegt nicht fern.

Faust ist ein untersetzter Beamter mit ärmellosem Pullover und Brille. Eine Verjüngung wird ihm bei Boito verweigert. Mefistofele wiederum tritt nicht in Gestalt eines Pudels auf (Hunde singen bekanntlich unzuverlässig), sondern als Bettelmönch, der Flaschen von Schreibtischen einsammelt. Auf Gretchen trifft Faust, nicht bei Boito, aber bei Ollé, in einer Disco inmitten von klischeehaft Tanzenden unter einer Spiegelkugel. Als Disco-Tänzerin erscheint die Entehrte ihrem Verführer auch, als sie in Ketten abgeführt wird. Am Rande stehen immer wieder Engel: die Geheimpolizei Gottes. Im Kerker dann spricht Gretchen nicht etwa zu Faust, sondern zu Mefistofele, dem unterbewussten Objekt der Begierde. Er ist auch sängerisch der absolute Höhepunkt des Abends. Der Name des finnischen Gastes lautet Mika Kares.

Die Walpurgisnacht ist in rotes Licht getaucht, und obwohl sich die Choristen heftig bewegen, wirkt das Gesamtbild nur überladen, aber statisch. Gretchen endet auf dem elektrischen Stuhl, um nach einer kurzen Umbaupause auf diesem als Helena zu thronen. Beide Sopranrollen singt das moldawische Ensemblemitglied Olga Busuioc.

Das Land der Griechen befindet sich bei Ollé in den Folies Bergère. Helena tritt auf wie die Persiflage einer Kleopatra von Cecil B. DeMille. Das ist der Kitsch, den zu parodieren es vorgibt. 's geht übel aus. Am Schluss sind alle tot. Ein merkwürdiger Sieg des Herrn.

Ganz abwegig erscheint es nicht, dass Boitos einzige vollendete Oper so selten gespielt wird. Die Musik klingt über weite Strecken naiv, erwartbar, illustrativ. Wenn Gretchen singt „und wie ein Waldvögelein fliegt meine Seele davon“, tiriliert die Flöte, und Helena schwärmt die Natur zu Harfenklängen an. Da ist Jacques Offenbach nicht fern. Dessen Schöne Helena war gerade vier Jahre älter. Ein Jahr vor Mefistofele wurde Verdis Don Carlos uraufgeführt. Dazwischen liegen musikalisch Welten.




Mefistofele von Arrigo Boito an der Staatsoper Stuttgart | Foto (C) Thomas Aurin

Thomas Rothschild – 17. Juni 2019
ID 11509
MEFISTOFELE (Staatsoper Stuttgart, 16.06.2019)
Musikalische Leitung: Daniele Callegari
Regie: Àlex Ollé (La Fura dels Baus)
Bühne: Alfons Flores
Kostüme: Lluc Castells
Licht: Urs Schönebaum
Dramaturgie: Franz-Erdmann Meyer-Herder
Chor: Manuel Pujol
Besetzung:
Mefistofele ... Mika Kares
Faust ... Antonello Palombi
Margherita/Elena ... Olga Busuioc
Wagner/Nerèo ... Christopher Sokolowski
Marta/Pantalis ... Fiorella Hincapié
Kinderchor der Oper Stuttgart
Staatsopernchor Stuttgart
Staatsorchester Stuttgart
Premiere war am 16. Juni 2019.
Weitere Termine: 19., 22., 24., 29.06. / 04., 07., 12.07.2019
Koproduktion mit der Opéra de Lyon


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper-stuttgart.de


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