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Premierenkritik

Warlikowski

in Paris



Bewertung:    



Eine Projektion nimmt das Ende vorweg. Zwei Frauen ertrinken in Zeitlupe. Es geht übel aus. So will es der russische Schriftsteller Nikolaj Leskow in seiner Erzählung Lady Macbeth von Mzensk von 1865, und so will es Dmitri Schostakowitsch in seiner gleichnamigen Oper von 1934. Der polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski, der mit gutem Grund zu den besten Opernregisseuren unserer Tage zählt, hat sich von seiner Ausstatterin Małgorzata Szczęśniak einen Schlachthof mit herabhängenden Schweinehälften auf die überdimensionierte Bühne der Opéra Bastille bauen lassen. Er nimmt vier Fünftel der Spielfläche ein. Rechts davon befindet sich das Schlafzimmer von Katerina Ismailowa, das sich ausnimmt wie ein Käfig. Später wird es sich quer stellen und die ganze Breite der Bühne einnehmen.

Warlikowski schreibt Libretti weder um noch über. Er setzt vielmehr Akzente, verdeutlicht die Konturen. Wenn die Angestellten des Kaufmanns Ismailow Trauer zeigen sollen, weil der Juniorchef verreist, lesen sie diese pflichtgemäß von Blättern ab. Der alte Ismailow ist kein Klischeerusse in Pelz und Mütze, sondern, wie in Andreas Kriegenburgs Salzburger Inszenierung, ein moderner Geschäftsmann, der eher Steaks liebt als Pilze. Sergej, der treulose Geliebte von Katerina, tritt in Lederjacke auf und mit einem Texas-Hut.

Die Gruppenvergewaltigung, gegen die Katerina einschreitet, inszeniert Warlikowski drastisch. Sie findet nicht nur in der Musik statt. Die Szene mit den Polizisten, die sich dafür rächen, das sie nicht zur Hochzeit von Katerina und Sergej eingeladen wurden, fällt stillistisch wie musikalisch aus dem Rahmen. Warlikowski umgeht die Schwierigkeiten, indem er sie als Spiel im Spiel auf der als Revue interpretierten Feier stattfinden lässt.

Musikalisch ist die Aufführung ebenso mustergültig wie szenisch. Ingo Metzmacher - einen Besser'n find'st du nicht - hat das Orchestre de Opéra national de Paris fest im Griff. Virtuos wechselt er zwischen der Erregung und der Dramatik der Zwischenspiele und den lyrischen Passagen, etwa wenn Katerina ihr Leid beklagt. Eingebaut hat er den ersten Satz eines von Rudolf Barschai orchestrierten Quartetts von Schostakowitsch.

Aušriné Stundyté ist gesanglich wie schauspielerisch eine überragende Katerina Ismailowa, Pawel Černoch als Sergej und Dmitri Uljanow als der alte Ismailow begegnen ihr auf Augenhöhe, aber auch die kleineren und kleinsten Rollen sind optimal besetzt. Es geht schlecht aus. Aber welch ein beglückender Opernabend. Zugleich: wie modern. Es geht ja um nicht mehr und nicht weniger als um das Recht der Frau auf (sexuelle) Selbstbestimmung. Katerinas „Verbrechen“ ist ihr Liebesbegehren. Daran geht sie zugrunde. Dass ihr dafür die effektbewusste, aber niemals spekulative Musik von Schostakowitsch mit den Blechbläsern auf den Rängen zur Verfügung steht, lässt selbst das Elend strahlen.

Thomas Rothschild – 7. April 2019
ID 11334
LADY MACBETH VON MZENSK (Opéra Bastille, 06.04.2019)
Musikalische Leitung: Ingo Metzmacher
Inszenierung: Krzysztof Warlikowski
Ausstattung: Małgorzata Szczęśniak
Licht: Felice Ross
Video: Denis Guéguin und Kamil Polak
Choreografie: Claude Bardouil
Dramaturgie: Christian Longchamp
Chöre: José Luis Basso
Besetzung:
Boris Timofeevich Ismailov ... Dmitry Uljanow
Zinovy ​​Borisovich Ismailov ... John Daszak
Katerina Ismailova ... Aušrinė Stundytė
Sergej ... Pavel Černoch
Aksinja ... Sofija Petrovic
Der Schäbige ... Wolfgang Ablinger-Sperrhacke
u.v.a.
Orchestre et Chœurs de l’Opéra national de Paris
Premiere war am 6. April 2019.
Weitere Termine: 09., 13., 16., 19. 22., 25.04.2019


Weitere Infos siehe auch: http://www.operadeparis.fr


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