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Premierenkritik

Wenn die Frau

schlauer ist

als der Mann...



Die Kluge von Carl Orff im Staatstheater am Gärtnerplatz | Foto (C) Christian POGO Zach

Bewertung:    



„Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger“, schrieb Kurt Tucholsky. Die kluge Frau aus Grimms Märchen jedoch stellt ihr geistiges Licht nicht unter den Scheffel, wie es sich für Frauen lange Zeit gehörte. Sie wagt sich öffentlich ihres Verstandes zu bedienen. Damit fasziniert sie die männliche Macht, fordert sie heraus und besiegt sie schließlich. Mit Liebe. Oder?

„Ach hätt´ich meiner Tochter nur geglaubt“, lamentiert der Bauer (Christoph Seidel: ein tragender Bass) im Gefängnis. Mit dieser Arie beginnt Carl Orffs Die Kluge. Der Bauer hat beim Pflügen einen goldenen Mörser gefunden und ihn dem König überbracht - entgegen dem Rat seiner Tochter, das wertvolle Fundstück wegzuwerfen. Sie warnt: „Er wird sagen, du hast den Stößel behalten.“ Richtig! staunt der verblüffte König, lässt das Mädchen holen, stellt ihre Intelligenz auf die Probe und siehe da: Sie löst alle königlichen Rätsel. Da nimmt der Herrscher sie zur Frau, den Vater lässt er frei. Als die Kluge aber ein ungerechtes Urteil zu korrigieren versucht, fühlt der Tyrann seine Autorität untergraben und verstößt seine Frau. Sie dürfe lediglich ihre Truhe behalten und darin mitnehmen, woran „ihr Herz am meisten hänge“. Da packt sie den schlafenden König ein, der ihr daraufhin verzeiht.

Ende gut, alles gut? Na ja. Die Neuinszenierung von Lukas Wachering relativiert diesen Märchenschluss. Die Kluge streichelt zwar zärtlich den Kopf des einmal mehr überlisteten Königs. Dann aber setzt sie sich seine Krone auf. „Klug sein und lieben – das kann kein Mensch.“

Ein Fazit, das Orff wohl auch selbst gezogen hat, als er zu dieser Geschichte griff. Sie verarbeitet die gescheiterte Liebe zu einer klugen, jungen Mitarbeiterin. „Sie war mir zu g´scheit“, habe Orff diese Trennung später kommentiert, so sein Schüler und Freund, der Komponist Wilfried Hiller, bekannt vor allem für seine Michael-Ende-Vertonungen. Hiller hat denn auch diese neue, schlanke Orchesterfassung erstellt, die alle Feinheiten des Originals erhält, jedoch die Besetzung reduziert. Statt 70 Musikern spielen nur 15, allesamt Solisten, das passt zur Studiobühne des Gärtnerplatztheaters. Und man vermisst nichts, so kraft- und schwungvoll dirigiert Andreas Kowalewitz.

Stephanie Thurmair (Bühne und Kostüme) hat ganz auf den Maximalkontrast gesetzt. Schwarz die durchlässigen Eisentreppen über dem Verließ, schwarz der Thron und alle Kostüme bis auf das Kleid der Klugen. Weisheit ist weiß! Sophie Mitterhubers elegante Sopranstimme erhebt sich beinahe schwerelos über die einzelnen Szenen - ihre Miene bleibt dabei so kontrolliert wie ihr gemessener Schritt: Klugheit funktioniert eben besser ohne (allzuviel) Gefühl. Der „dumme“ König dagegen wird immer wieder von seinen Emotionen überwältigt (Matija Meić, ein wunderbarer Bariton, beweist hier auch großes komödiantisches Talent). Kein Wunder, dass er dann zu keinem vernünftigen Urteil fähig ist! Während nämlich die Beschwerdeführer (Juan Carlos Falcón, Daniel Gutmann) ihre strittige Angelegenheit musikalisch höchst versiert vortragen, muss sich der König aufs Schachspiel mit seiner Frau konzentrieren. Sie setzt ihn Zug um Zug matt - ganz nebenbei. Großartig und voller Spielfreude auch das Buffo-Trio der drei Strolche (Gyula Rab, Stefan Bischoff, Holger Ohlmann). Carl Orff wurde zu diesem Auftritt von den legendären Comedian Harmonists inspiriert.

Die losen Textzeilen „Tugend ist des Lands vertrieben, Untreu und Bosheit sind verblieben ..Tyrannis führt das Zepter!“ konnten auch bei der Uraufführung im Jahre 1943 gesungen werden, zwei Tage vor der Hinrichtung der Geschwister Scholl. 1949 erhielt Orff für seine Kluge den neu geschaffenen Nationalpreis der DDR. Er hat ihn später zurückgegeben. Die Kluge wird bis heute weltweit gespielt, sie gilt als eine der populärsten Opern des 20. Jahrhunderts.

In dieser schlüssigen, reduzierten und dabei klug aktualisierten Form wird sie sicherlich noch viele neue Freundinnen und Freunde finden.



Die Kluge von Carl Orff im Staatstheater am Gärtnerplatz | Foto (C) Christian POGO Zach

Petra Herrmann - 4. Oktober 2019
ID 11726
DIE KLUGE (Studiobühne, 02.10.2019)
Musikalische Leitung: Andreas Kowalewitz
Regie: Lukas Wachernig
Bühne und Kostüme: Stephanie Thurmair
Licht: Jakob Bogensperger
Dramaturgie: Michael Alexander Rinz
Besetzung:
Der König ... Matija Meić
Der Bauer ... Levente Páll / Christoph Seidl
Der Kerkermeister ... Martin Hausberg
Der Mann mit dem Esel ... Juan Carlos Falcón
Der Mann mit dem Maulesel ... Daniel Gutmann
1. Strolch ... Gyula Rab
2. Strolch ... Stefan Bischoff
3. Strolch ... Holger Ohlmann
Des Bauern Tochter, genannt »die Kluge« ... Sophie Mitterhuber
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Premiere am Staatstheater am Gärtnerplatz: 2. Oktober 2019.
Weitere Termine: 04., 07.-09., 11-10.2019 // 08.-10.01. / 20.-23., 25.02.2020


Weitere Infos siehe auch: https://www.gaertnerplatztheater.de


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petra-herrmann-kunst.de

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