Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 5

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

Münchner Opernfestspiele 2019

Das barocke

"House of

Cards"



Alice Coote als Agrippina an der Bayerischen Staatsoper | Foto (C) Wilfried Hösl

Bewertung:    



Als der Vorhang des Münchner Prinzregententheaters sich an diesem heißen Sommerabend hebt, schlurft der heimliche Star des Abends, der Countertenor Franco Fagioli, schon über die schwarze Bühne. So grandios wie er singt, spielt er auch. Hier den halbwüchsigen Nerone, den späteren Kaiser Nero, der (noch) am Rockzipfel seiner dominanten Mutter Agrippina hängt, in schwarzer Slim-Jeans, Springerstiefeln, Silbergürtel und mit Tattoo auf der Glatze - verdruckst, unausgegoren, nicht Fisch und nicht Fleisch, aber schon machtgeil und latent hysterisch. Seine mit allen Wassern der Intrige gewaschene Mutter Agrippina möchte ihn unbedingt auf den Thron von Rom hieven, um selbst ans Ruder zu kommen. Dafür ist ihr jedes Mittel recht bis hin zum Auftragsmord. Nerone soll sich derweil beim Volk beliebt machen. In buntem Glitzeranzug hat er sich scheinbar mitleidig den Armen zu widmen. Er findet sie - in der ersten Reihe der Premierenbesucher!

Eine der vielen komischen, ja ironischen Szenen, mit denen die schmissige Inszenierung (Barrie Kosky) dieser frühen Erfolgs-Oper Händels gespickt ist: eine rasante Polit-Satire. Jede(r) lügt, wenn er (oder sie) nur den Mund aufmacht. Händel schrieb sie mit nur 24 Jahren 1709 in wenigen Wochen - die aktuellen Proben dauerten länger. Ein weiterer Clou: Das Libretto soll ausgerechnet von einem römischen Kardinal stammen, Vincenzo Grimani, dem damaligen kaiserlichen Botschafter im Vatikan. Er dürfte gewusst haben, wovon er schrieb. Mit Agrippinas etwas dämlichem Mann Claudio sei Papst Clemens XI. gemeint gewesen. Wie auch immer. Die Männer kommen schlecht weg - schlichte Gemüter. Sie sind den beiden weiblichen Figuren der Oper, Agrippina und Poppea, weit unterlegen.

Vor allem die erfahrene Politstrategin Agrippina (stimmgewaltig, omnipräsent, mit abgedunkeltem Timbre: Alice Coote) zieht so erfolgreich wie kühl die Strippen. Eine barocke Claire Underwood mit einem Schuss Madonna, als sie sich triumphal ein Mikrophon greift - im Schlafanzug. Gegen Ende wird sie immer männlicher, sie hat die Hosen an. Und sie hat gewonnen: Nerone ist Kaiser. Aber persönlich glücklich wird sie nicht. Das zeigt auch ihre wunderschöne Arie „Pensiere, voi mi tormentate (Gedanken, ihr quält mich)“. Händel hat die meisten Partien für sie in einer Moll-Tonart geschrieben - entgegen dem Libretto, das sie als monströse Siegerin feiert. Am Schluss der Oper bleibt Agrippina einsam zurück. Die junge Poppea (temperamentvoll und stimmlich leichtfüßig: Elsa Benoit) hat von ihr gelernt - das Intrigieren, aber auch den Wert der Liebe. Sie entscheidet sich für den einzig Aufrichtigen, Claudios Lebensretter Ottone. Ende gut, alles gut? Die Geschichte sagt nein. Agrippina und Poppea werden später von Nero umgebracht. Aber da ist die Oper schon aus.

Rebecca Ringst hat leicht bewegliche und entfaltbare Raumteiler geschaffen, abstrakt und in Schwarzweiß, gelegentlich von gleißendem Licht (Joachim Klein) vergoldet. Jalousien werden heraufgezogen und heruntergelassen. Sie schaffen Einblicke in so etwas wie einen verschachtelten Palast. Hier lassen sich die Winkelzüge der Intrige gut nachvollziehen und in Szene setzen. Die bunten Kostüme aus den verschiedensten Epochen verorten das Geschehen in zeitloser Aktualität.

Ivor Bolton dirigierte das Bayerische Staatsorchester in seiner vergleichsweise kleinen Barock-Besetzung temporeich durch den dreieinhalbstündigen Abend. Barockoper at it‘s best - keine Minute langweilig! Auch weil die vielen Da-Capo-Arien, die damals in Italien sehr beliebt waren, mit so viel Spielfreude und musikalischer Raffinesse dargeboten wurden. Dazu wirken die von Händel vorgeschriebenen, extremen Stimmlagen (2 Soprane, 4 Countertenöre gegen 2 Bässe) für heutige Hörgewohnheiten ziemlich unkonventionell.

Begeisterter Beifall für alle Beteiligten!




Agrippina mit Iestyn Davies, Gianluca Buratto, Elsa Benoit und Franco Fagioli (v.l.n.r.) an der Bayerischen Staatsoper | Foto (C) Wilfried Hösl

Petra Herrmann - 24. Juli 2019
ID 11583
AGRIPPINA (Prinzregententheater, 23.07.2019)
Musikalische Leitung: Ivor Bolton
Inszenierung: Barrie Kosky
Bühne: Rebecca Ringst
Kostüme: Klaus Bruns
Licht: Joachim Klein
Dramaturgie: Nikolaus Stenitzer
Besetzung:
Claudio ... Gianluca Buratto
Agrippina ... Alice Coote
Nerone ... Franco Fagioli
Poppea ... Elsa Benoit
Ottone ... Iestyn Davies
Pallante ... Andrea Mastroni
Narciso ... Eric Jurenas
Lesbo ... Markus Suihkonen
Bayerisches Staatsorchester
Premiere an der Bayerischen Staatsoper: 23. Juli 2019
Weitere Termine: 26., 28., 30.07.2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper.de


Post an Petra Herrmann

petra-herrmann-kunst.de

Premierenkritiken



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!



Vielen Dank.



  Anzeigen:






MUSIK Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Rothschilds Kolumnen

BALLETT | PERFORMANCE | TANZ

BAYREUTHER FESTSPIELE

CASTORFOPERN

CD / DVD

INTERVIEWS

KONZERTKRITIKEN

LEUTE MIT MUSIK

LUDWIGSBURGER SCHLOSSFESTSPIELE

NEUE MUSIK

PREMIERENKRITIKEN

ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski

YOUNG EURO CLASSIC


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal


Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2019 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de