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Soziokultur

Stadt unter Einfluss

Am Berliner HAU kämpft Christiane Rösinger mit ihrem Musical zur Wohnungsfrage und engagierten Mitstreiterinnen für eine Stadt für alle gegen den grassierenden Mietenwahnsinn

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Die Wohnungsfrage in Berlin ist in aller Munde und längst auch im Theater angekommen. Der Senat greift zum Mietendeckel gegen Mietenwahn. Immerhin eine Bewegung in die richtige Richtung. Im Theater übt man zumindest Solidarität mit einem Mieter-Oratorium von She She Pop im HAU2 oder tanzt die Gentrifizierung mit Constanza Macras in der Volksbühne. Nun hat im Rahmen des Festivals „Berlin bleibt!“ zur Spielzeiteröffnung im HAU Hebbel am Ufer die Musikerin Christiane Rösinger (bekannt durch ihre Bands Lassie Singers, Britta und auch solo aktiv) mit einigen MitstreiterInnen und Betroffenen das Musical zu Wohnungsfrage Stadt unter Einfluss herausgebracht.

Seit 30 Jahren in Berlin aktiv und wohnhaft, wie man so schön sagt, hat Christiane Rösinger selbst schlechte Erfahrungen mit der grassierenden Unsitte der Hausbesitzer und Investoren, Mietraum in lukratives Wohneigentum umzuwandeln, gemacht und kann sozusagen auch ein Lied vom Mietenleid singen. Sie kann das Wohnen halt nicht lassen. Ein wenig Ironie muss da schon sein. Aber „Wohnungspolitik ist Klassenkampf“, wie es hier auch mal so schön formuliert wird. Zusammen kämpft es sich natürlich immer besser und klingt auch schöner. Und so begleiten die Rösinger ein bunt gemischter Chor aus Mitwirkenden von Berliner MieterInneninitiativen und eine Band um den Ja-Panik-Frontmann Andreas Spechtl und Rabea Erradi von der befreundeten Band Die Heiterkeit.

Aber nicht nur heiter ist es da auf der Bühne, auf die Marlene Lockemann und Sina Manthey ein kleines, drehbares Berliner Mietshaus gebaut haben. Ein Stuhl, ein Bett, ein Tisch, ein Schrank, viel mehr braucht‘s meist nicht zum Wohnen. „Früher“, singen alle, „wollten wir noch schöner wohnen. Heute herrscht die neue Bescheidenheit.“ Für den Wohnungssuche-Song wird das Ingo-Insterburg-Lied Ich liebte ein Mädchen in Lichterfelde nach dem Motto: „Ich suchte ne Wohnung in Schöneberg, die war 2.000 € wert.“ umgedichtet. Nach Helena Fischer heißt es hier: „Wohnungslos durch die Nacht“. Und der Mietenwahnsinn ist die „Hölle, Hölle“. Das Investorenteam träumt im Glitzerlook vom „Betongold“, und die Hyäne Gentrifizierung streitet mit der fetten Ertragslücke, wer für die Mietsteigerungen verantwortlich ist. Aber das globale Finanzkapital behält das letzte Wort. Das System Wohnung als lohnende Geldanlage. Vom Ererbten leistet man sich Wohneigentum.

Natürlich gibt’s dagegen auch Tipps von einer Aktivistin, die schon 1981, als die ersten leerstehenden Häuser in Kreuzberg besetzt wurden, dabei war und auch heute wieder in der MieterInnenbewegung aktiv ist. Wie man Kaufinteressenten abschreckt, Öffentlichkeit herstellt, sich zu Interessengruppen zusammenschließt und Leute findet, die in das Vorkaufsrecht der Bezirke einsteigen, oder wie man Genossenschaften gründet (Das rote Wien mit seinen Gemeindebauten der 1920er Jahre als Vorbild), die den Boden mit Stiftungen vor Spekulation schützen, lernt man hier mal eben nebenbei. Geträllert wird natürlich auch so Einiges, mal schräg mal ganz professionell, aber immer mit viel Engagement.

Mit dem Community Land Trust gegen die Marktdynamik. Gegen die Verdrängung an den Stadtrand für einen durchmischten Kiez. Ob Touristen mit Rollkoffern dissend, oder den Blues vom Ei-, Ei-, Eigenbedarf singend, Berlin soll nicht zum Risikokapital werden, sondern eine Stadt für alle bleiben. Gegen das „Bauen, Bauen, Bauen ohne Regulierungen“ der Investment-Roboter ziehen die MieterInnen vereint unter einem Drachen zu Felde. „Wir holen uns die Stadt zurück.“ skandiert der Chor. Musikalischer Agitprop mit Parolen wie: „Wohneigentum ist Diebstahl“ oder „Keine Rendite mit der Miete“. Und mit den Scherben, der Band der ehemaligen Hausbesetzer heißt es: „Alles verändert sich, wenn du es veränderst.“ In diesem Sinne ist da schon mal ein Anfang gemacht.



Foto (C) Dorothea Tuch

Stefan Bock - 2. Oktober 2019
ID 11719
STADT UNTER EINFLUSS - DAS MUSICAL ZUR WOHNUNGSFRAGE (HAU Hebbel am Ufer, 30.09.2019)
Komposition, Text und Regie: Christiane Rösinger
Co-Komposition und Arrangement: Andreas Spechtl
Band: Andreas Spechtl, Sonja Deffner, Rabea Erradi und Laura Landergott
SängerInnen: Christiane Rösinger, Sila Davulcu, Claudia Fierke, Doreen Kutzke, Rúben Nsue und Julia Wilton
Co-Regie und Video: Marlene Blumert
Co-Regie und Dramaturgie: Meike Schmitz
Chorleitung: Doreen Kutzke
Chor mit Mitwirkenden aus Berliner MieterInneninitiativen: Magnus Hengge, Martina Hoffmann, Halina Hoppe, Hilde Janßen, Birgit Mahne, Hildegard Meier, Anna- Katharina Pelkner, Catherine Ruet, Ina E. Reinwein und Ira von Schoeppenthau
Choreografie: Rúben Nsue
Bühne: Marlene Lockemann und Sina Manthey
Kostüm: Svenja Gassen
Lichtdesign: Hans Leser
Dramaturgische Beratung: Aenne Quiñones
Produktionsleitung: Jana Penz
Technische Leitung: Ingo Ruggenthaler
Premiere war am 26. September 2019.


Weitere Infos siehe auch: https://www.hebbel-am-ufer.de/


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