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Konzertkritik

Die perfekte

Wahl!



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Erst 1807, durch den imageträchtigen Auftrag, wie einst Haydn zum Namenstag der Fürstin Esterházy in Eisenstadt die obligatorische Festmesse zu komponieren, machte sich der in Wien längst etablierte Ludwig van Beethoven als schon 36jähriger daran, innerhalb von etwa 6 Monaten seine überhaupt erste liturgische Musik zu schaffen. Und das in einer Epoche, da das Schreiben von Messen eines der Hauptgeschäfte von Komponisten war und oft am Anfang ihres Wirkens stand.

Doch ein Beethoven geht neue Wege: „Von meiner Messe glaube ich, daß ich den Text behandelt habe, wie er noch wenig behandelt wurde.“ Insofern zeigt sich der so philosophisch wie revolutionär gesonnene Künstler keinesfalls plötzlich von einer besonders katholischen Seite, sondern durchdringt in tiefer Auseinandersetzung mit dem Sakrosankten den klerikalen Rahmen hin zu einer entschieden aufgeklärten Läuterung – ganz auf der Geisteshöhe seiner Epoche. Er bringt eben jenen freisinnigen Deismus zum Ausdruck, der ihn mit Klopstock, Goethe, Rousseau – und Robespierre verbindet.

Wie der Mann, so auch sein Gott

Kennzeichen dafür ist bei der Missa in C die liturgisch nicht übliche Einteilung in drei „Hymnen“, mit der Beethoven sein Werk publizierte und die gängigen Messabschnitte 1 und 2 (Kyrie und Gloria) unter „Erster Hymnus“ zusammenfasst, das Credo als Zweiten setzt und wiederum 4 und 5 (Sanctus und Agnus Dei) als „Dritter Hymnus“. In der Tat wollte Beethoven seinem Publikum den allen geläufigen lateinischen Text sogar erklären – und ließ extra in poetischen Versuchen Paraphrasen auf Deutsch verfassen, die er 1812 dem Druck und 1823 einer Partiturabschrift beilegte: „Ja, so habe ich gefühlt, als ich dieses schrieb!“ Er hatte keinen Geistlichen oder Theologen darum gebeten, sondern zwei Dichter. Man denkt an Schillers Aussage: „Welche Religion ich bekenne? Keine von allen. Und warum keine? Aus Religion.“ In Goethes West-Östlicher Diwan streicht sich der Kantianer und Newton-Verehrer Beethoven die Stelle an: „Wie der Mann, so auch sein Gott.“

Einfachheit und Klarheit in der Struktur

Das für uns heute viel weniger spektakuläre Opus 86 in C steht begreiflicherweise im Schatten des gigantischen Opus 123 in D-Dur, an dem der Tonkünstler wie ein Titan über vier Jahre arbeitete. Diese Missa solemnis bildet nicht nur in der Werklandschaft Beethovens den Gipfel, sondern ragt in der Musikgeschichte einzigartig neben Bachs h-moll-Messe auf und ließe sich überhaupt schwerlich ins Verhältnis mit sonstigen Messkompositionen bringen, gewiss nicht mit Beethovens früherer Messe.

E.T.A.Hoffmann fand in ihr den „Ausdruck eines kindlich heiteren Gemüts, das, auf seine Reinheit bauend, gläubig der Gnade Gottes vertraut“. Dennoch oder vielmehr deshalb gebührt dem schlichteren Werk nicht nur dank seines eigenen Charakters Aufmerksamkeit, sondern wegen der signifikanten Schlüsselposition für Beethovens geistig-künstlerische Entwicklung.

Mensch, hilf dir selbst!

Auch mit dieser Arbeit unternahm er es, die ganze Welt in Tönen zu interpretieren, einen Daseins-Sinn zu erringen. Das geschieht zwar demütig, ja, innig, doch nie passiv, nein, bei aller Einfachheit und Klarheit in der Struktur, stets mit Kraft. Immerhin kamen Gloria und Sanctus in ihrer ersten Konzert-Aufführung 1808 u.a. neben den Sinfonien 5 und 6 („Pastorale“), sowie der „Chorfantasie“ zu Gehör! – Dem „Mit Gottes Hilfe“ eines Kollegen setzte Beethoven in einem Gesprächsnotat entgegen: „Mensch, hilf dir selbst!“

„Sanftheit liegt dem Ganzen zugrunde…“ lautet ein Hinweis des Komponisten zum Kyrie. Sanftheit überstrahlte das Kyrie wie auch die ganze Aufführung im ersten chorsinfonischen Konzert seit der Pandemie, das die Berliner Singakademie gemeinsam mit dem Deutschen Kammerorchester Berlin gab. Die Corona-Krise setzt nicht nur professionellen Ensembles zu. Chöre brauchen Übung, brauchen das gemeinsame Singen, wie Orchester das Zusammenspiel. Laienchöre naturgemäß erst recht. Umso erstaunlicher die vom ersten bis zum letzten Takt spannungsgeladen und mit Hingabe gebotene Leistung (im Crucifixus hätte man sich prononciertere Konsonanten gewünscht)! Die C-Dur-Messe ist gewiss eine Partitur, die in weniger engagierten Interpretationen (auch allzu vollkommenen!) bis zur Unerheblichkeit entgleiten könnte. Keine Spur davon an diesem Abend: selbst die sanftesten, lyrischen Passagen erklangen mit solcher Transparenz, dass sie berührten, so, wie die kontrapunktischen Abschnitte oder die dramatisch ausbrechenden Höhepunkte zu packen vermochten. „Wie schön!“ flüsterte eine Zuschauerin ihrem Nachbarn zu, als die ersten Klänge strömten...

Die perfekte Wahl!

Offenbar war nicht nur das Publikum in einer besonderen Stimmung, endlich überhaupt wieder eine solche Veranstaltung real erleben zu dürfen! Allerdings ist Achim Zimmermann ein musikalischer Leiter, der vom Werk nicht nur emotional durchdrungen mit akzentuierter Gestaltungsenergie alle Mitwirkenden zu Höchstleistungen führt. Sein enorm kluges Dirigat, das der Bedeutung, nicht den Effekten dienend die Tempo-Dramaturgie modellierte, garantierte stets Lebendigkeit und Plastizität. So blieb das Ganze souverän im Fluss, dem sich auch das exzellente Solistenquartett mit großer Hingabe einfügte und die filigrane Textur zu eindringlichem Leuchten brachte! Entsprechend warm und kraftvoll das Spiel der Orchester-Instrumentalisten. Aus all dem strahlte die Freude, das so selten gespielte Werk darbieten zu dürfen. Überhaupt passte alles zu dieser Gelegenheit und die C-Dur-Messe war eine perfekte Wahl!

Gib uns Frieden!

Die gebannte Konzentration auf das musikalische Geschehen übertrug sich auf den ganzen Saal. Die Zäsuren, die Zimmermann sinnvollerweise zwischen den einzelnen Messteilen setzte, trugen nicht unwesentlich zur Aussagekraft der Musik bei und berücksichtigte Beethovens Dreiteilung! Nur selten habe ich erlebt, wie noch die Stille nach dem Verklingen des letzten Akkords dem Sinn des schier gebietenden Flehens um Frieden im Dona nobis pacem zwingenden Nachdruck verlieh.

Der aufbrandende Applaus im gut besuchten Konzerthaus galt den Ausführenden – und diesem glorreichen Augenblick Beethovens. Glückliche Menschen – wenigstens im Konzerthaus. Großes Verdienst um Beethovens erste Messe – großer Dank! Der Dirigent reichte sein Blumenbukett der Soloklarinettistin. Ein wundervoller und interessanter Abend am Berliner Gendarmenmarkt.
o. b. - 23. September 2021
ID 13163
BERLINER SINGAKADEMIE (Konzerthaus Berlin, 22.09.2021)
Ludwig van Beethoven: Messe in C
Sophie Klußmann, Sopran
Anna Kunze, Alt
Benjamin Glaubitz, Tenor
Florian Hille, Bass
Deutsches Kammerorchester Berlin
Berliner Singakademie
Dirigent: Achim Zimmermann


Weitere Infos siehe auch: https://www.berliner-singakademie.de/


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