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Konzertkritik

Das Orchester und seine Teile

Schumann-Zyklus mit dem Staatsorchester Stuttgart (Dirigent: Cornelius Meister)

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Das Staatsorchester Stuttgart präsentiert seine Abonnementkonzerte wie Orchester auch in anderen Städten als Sonntagsmatineen an und wiederholt sie dann am Montag Abend. Diesmal aber hat der Generalmusikdirektor eine Ausnahme gemacht. Er hatte die Idee, alle vier Sinfonien von Robert Schumann in einem engen zeitlichen Zusammenhang aufzuführen, und so entschloss er sich, am Sonntag und am Montag zwei verschiedene Konzerte anzubieten, die doch zusammen gehören, gleichsam eine nur durch eine Nacht unterbrochene Einheit bilden. Die Rechnung ging auf. Im Publikum begegnete man am Montag zahlreichen Gesichtern vom Vortag. Die jeweils zwei Sinfonien – die 2. und die 3. am Sonntag, die 1. und die 4. am Montag – wurden beide Male von Quartets for 93 Players von John Cage unterbrochen.

Die Kombination mag auf den ersten Blick überraschen. Aber sie dient nicht nur dazu, ein auf Klassik und Romantik eingeschworenes Publikum zu einem Komponisten des 20. Jahrhunderts zu verführen – sie hat auch ihre innere Logik. Denn Cage lässt von seinen 93 Musikern, die auf der Bühne sitzen (in Stuttgart wurde das Orchester mit Laien aufgefüllt), immer nur vier – daher der Titel – gleichzeitig spielen. Was man hört, widerspricht dem Anschein. Deshalb hat dieses Werk seine Wirkung und seinen Witz nur im Konzertsaal, nicht auf einem Tonträger. Zugleich provoziert der Einfall von Cage eine Auseinandersetzung mit der Tradition des Sinfonieorchesters, in diesem Fall also: mit dem Sinfoniker par excellence Robert Schumann.

Bei den Schumann-Sinfonien kostet Cornelius Meister den Reichtum an musikalischen Erfindungen voll aus. Auf einmal wird einem bewusst, dass Generationen von Operetten- und Schlagerkomponisten sich etwa am motivischen Material der 2. Sinfonie bedient haben. Wer "Dein ist mein ganzes Herz" aus Franz Lehárs Land des Lächelns für den Inbegriff der Romantik hält, erfährt hier, woher er den bezogen hat. Meister verzichtet auf markante Fortissimi, reizt die dynamischen Effekte nicht aus, dispensiert sie zugunsten eines ausgeglichenen Flusses in der Mittellage, einer tänzerischen Bewegung, die in der 4. Sinfonie Tschaikowski vorwegzunehmen scheint.

Die Konzerte in der Liederhalle geben Meister Gelegenheit zu beweisen, dass das Staatsorchester, das in seiner Eigenschaft als Opernorchester ein wenig im Schatten des vielfach ausgezeichneten Opernchors steht, zu den hervorragenden Sinfonieorchestern in der an Konkurrenz nicht armen deutschen Orchesterlandschaft zählt. Die Ausgewogenheit des Klangs, die Balance zwischen Bläsern – auch bei den Blechbläsern, denen man den einen oder anderen Patzer zu verzeihen bereit ist, nicht der geringste Misston –, den Streichern und der Perkussion könnte besser nicht sein als sie in den vier Schumann-Sinfonien war. Es hat aber auch seinen guten Grund, dass die Musiker dem Dirigenten an beiden Tagen länger als allgemein üblich Beifall zollten, ehe sie sich verneigten.

Am Sonntag hat die Stuttgarter Oper ihre Bemühungen um Kinder fortgesetzt, die nur Dummköpfe als Überpädagogisierung verspotten können. Während der ersten Hälfte des Konzerts konnten Eltern ihre Kinder in einem Nebensaal abgeben, wo diese auf den zweiten Teil – leider ohne John Cage – vorbereitet wurden. Es sind Erlebnisse wie diese, die einen für den Rest des Lebens prägen können. Ich weiß, wovon ich rede. (Es war in St Andrews, Schottland. Und es waren The Planets von Gustav Holst. Ich war 11 Jahre alt.)




Cornelius Meister | Foto (C) Marco Borggreve

Thomas Rothschild - 19. November 2019
ID 11829
STAATSORCHESTER STUTTGART (Liederhalle, 17./18.11.2019)

Schumann-Zyklus Teil I

Robert Schumann: Sinfonie Nr. 2 C-Dur op. 61
John Cage: Quartets for 93 Players Nr. III, IV, und V
Schumann: Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 97 Rheinische

Schumann-Zyklus Teil II
Schumann: Sinfonie Nr. 1 B-Dur op. 38
Cage: Quartets for 93 Players Nr. VI & VII
Schumann: Sinfonie Nr. 4 d-Moll op. 120

Staatsorchester Stuttgart
Dirigent: Cornelius Meister

Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper-stuttgart.de/staatsorchester/


Post an Dr. Thomas Rothschild

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