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Konzertbericht

Hockney & Musik

ensemble resonanz im BUCERIUS KUNST FORUM

Bewertung:    



Tauchen wir ein in die Welt von David Hockney, in die Poolbilder, in die Art, wie er Wasser darstellt. Zu diesem Thema experimentiert Hockney mit verschiedenen Methoden und Techniken. Dazu sagt er: „Es ist ein interessantes formales Problem, Wasser darzustellen, Wasser zu beschreiben, denn es kann alles sein - es kann jede Farbe haben, es ist beweglich, es gibt keine festgesetzte visuelle Beschreibung davon.“

Im Grunde gibt es auch nichts was für immer ist, vielleicht hat ihn deshalb das Wasser so fasziniert, weil es Bewegung und gleichsam Gefühle ausdrückt. Diese großformatigen Bilder sind zwar sehr flächig, ja geradezu minimalistisch - und sie vibrieren doch.

Ein Vorbild für ihn ist Van Gogh, so entdeckt Hockney die flirrenden Farben für sich. Poesie erfüllt den ganzen Raum, gerade so wie Hockney es vorgesehen hat.

Als Synästhetiker nimmt er vielleicht die Farben im Kopf ganz anders wahr. Es sind Klangfarben und eine Strasse ist nicht einfach grau, sondern hat viele Töne.




Ausstellungsansicht David Hockney. Die Tate zu Gast im Bucerius Kunstforum Hamburg | Foto: Ulrich Perrey


*

Schwerhörig nach außen hin, bekommen seine Bilder einen inneren Sound, der hier mit dem ensemble resonanz mutig umgesetzt wird.

Für David Hockney ist die Raumerfahrung eine wichtige, welche sehr passend in diesen exzellenten, offenen Räumen des BUCERIUS umgesetzt ist. Wir bekommen einen Überblick der unterschiedlichen Schaffensperioden, von naturalistischen Zeichenstudien über das Vorbild Picasso, mit dem er die Perspektive aufhebt. Seine Bilder werden abstrakter und experimenteller, es ist ein Übergang und eine Loslösung von akademisch gelehrter Perspektive.

Das bringt uns zu den Musikern, die zwar eine Komposition im Vorfeld ausgesucht haben, aber im Schwingungsfeld und Dynamik der Bilder spielen. Das, was in den Bildern nicht auf Anhieb zu sehen und zu verstehen ist, potenziert sich durch das Musikspiel mit Wirrungen unbekannter Art, jenseits des Sichtbaren. Denn auch unser Gehör ist begrenzt, bekommt hier neuen Input über die Schwingungen im Raum. Wir fühlen geradezu den Ton.

Der erste Musiker, Gregor Dierck, hat sehr lebhaft die Sprache des Dargestellten, die Kommunikation der abgebildeten Menschen übersetzt. Er spielt mit dem ganzen Körper, angesteckt durch die drei großformatigen Doppel-Porträts. Das, was auf den Bildern ausgedrückt wird, der Wunsch nach Sicherheit und Zärtlichkeit, die unausgesprochenen Worte, die Gefühle, bekommen hier Sprache durch die Violine.

Damit öffnet und weitet sich unaufhörlich die Aufnahmebereitschaft und Vorstellung, was da gerade passiert. Das Telefon auf dem Bild in der Mitte könnte jederzeit klingeln, die Katze aus dem Fenster springen. Die Füße des Mannes versuchen sich im Flokati-Teppich zu verstecken. Es ist ein Moment voller Spannung, und es gibt keine Stille.

Auch nicht in dem Bild der Eltern, wo alles gesagt scheint nach 45 Ehejahren. Zwar herrscht eine gewisse Gelassenheit, doch die Musik entlarvt die trügerische Stille, lässt uns die Situation nachempfinden.

Die zweite Musikerin, Barbara Bultmann, singt zu ihrem Violinspiel mit magisch hoher Stimme wie von weit her, ihr ist eine metaphysische Kraft inne. Es ist die Dramatik des Augenblicks, der Mut zur Wahrheit. Schnell, es drängt, die Nerven sind gespannt, sie könnten entdeckt werden, sich strafbar machen. - Wir wissen nach den letzten Zeichnungen über die Situation seiner Homosexualiät, die Angst vor Enthüllung.

Worauf sich die Perspektiven zusehens verzerren; Rot trifft auf Grün, oben ist unten oder umgekehrt. Der Bildraum verändert sich. Das Violinspiel wird hier schnell, erforscht es die Grenzen. Die Seiten der Violine schreien nach Freiheit, im zarten Gesang findet sie zusätzlich Ausdruck und Möglichkeit. Vom Zuhörer und Betrachter braucht es die ganze Aufmerksamkeit und den Fokus für das Dargestellte und die Musik, und das nicht mit dem Verstand sondern dem ganzen Wesen. Nennen wir es nach den Worten Friedrich Hölderlins: „das offene Schauen“.

Die Musik eröffnet also eine Schwingung dank dieser intuitiven Musiker, in der letzten Begegnung sehr intensiv mit Juditha Haeberlin. Hier war die Faszination das Unbekannte, sich überlagernde Töne, deren Gleichzeitigkeit mit vielen Veränderungen und Überraschungen so leidenschaftlich gespielt wurden, als kämen sie direkt aus der Tiefe des Gran Canyon, wie das überwiegend rote Bild es ausdrückt. Dank der Farben sieht es von weitem wie eine transparente Leuchtwand aus. Es ist aus einzelnen kleineren Leinwänden zusammengesetzt.

Die Dringlichkeit, mit der David Hockney dieses große und expressive Gemälde konstruiert hat, und mit der er scheinbar das Licht sucht, führt den Betrachter in einen noch unbekannten, zu erforschenden und nicht enden wollenden Raum.

Da stehen wir nun, haben fast vergessen, dass wir Masken tragen, es gibt kaum Gespräche, zuweilen erfüllt eine andächtige Stille den Raum. Eine Gefühlswelt sondergleichen liegt in der Luft. Der Klang der Musik wurde hier zum Türöffner.

Und wenn auch die Bilder scheinbar ohne Tiefe und Perspektive sind, so werden sie vom Licht durchdrungen und vom Klang der Violinen verstärkt. Nichts ist statisch, kurze Momente und jede Note verschwindet im Äther.

Doch nichts geht in diesem Universum verloren.





Der Geiger Gregor Dierck spielte ein Stück von Bruno Maderna
vor einem David Hockney-Bild im Hamburger Bucerius Kunst Forum
Foto (C) Liane Kampeter



"Mit seiner außergewöhnlichen Spielfreude und künstlerischen Qualität zählt das Ensemble Resonanz zu den führenden Kammerorchestern weltweit. Die Programmideen der Musiker setzen alte und neue Musik in lebendige Zusammenhänge und sorgen für Resonanz zwischen den Werken, dem Publikum und Geschichten, die rund um die Programme entstehen.

Das 18-köpfige Streichorchester ist demokratisch organisiert und arbeitet ohne festen Dirigenten, holt sich aber immer wieder künstlerische Partner an Bord. In Hamburg bespielt das Ensemble Resonanz mit der Elbphilharmonie und dem resonanzraum St. Pauli zwei besondere und unterschiedliche Spielorte. Die Residenz an der Elbphilharmonie beinhaltet die Konzertreihe resonanzen, die in der 19. Saison für Furore sorgt. Aber auch mit Kinderkonzerten sowie im Rahmen diverser Festivals gestaltet das Ensemble die Programmatik des neuen Konzert-hauses entscheidend mit und setzt Akzente für eine lebendige Präsentation klassischer und zeitgenössischer Musik."


(Quelle: Ensemble Resonanz)

Liane Kampeter - 14. August 2020
ID 12395
KUNST UND MUSIK. EINE BESONDERE BEZIEHUNG (Bucerius Kunst Forum, 12.08.2020)
Bruno Maderna: Pièce pour Ivry
Gregor Dierck, Violine
Louis Andriessen: XENIA
Barbara Bultmann, Violine und Sopran
Toshio Hosokawa: Winter Bird and Elegy
Juditha Haeberlin, Violine
Ensemble Resonanz


https://www.ensembleresonanz.com/

https://www.buceriuskunstforum.de


Post an Liane Kampeter

https://www.liane-kampeter.de

Ausstellungen

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David Hockney. Die Tate zu Gast



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