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Uraufführung

Die Berliner Opernkompanie Novoflot versucht sich mit Die Oper #1 - Am Kreis (Für den Anfang) an der Neuschreibung der Geschichte der Oper



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Wenn selbsternannte Patrioten auf dem Theaterplatz in Weimar demonstrieren und eine geplante Kunstveranstaltung dafür auf einen andern Platz ausweichen muss, ist es mit der Heimstatt der deutschen Klassik und Geburtsstadt der deutschen Demokratie wohl nicht mehr allzu weit her. Kunst findet zumeist seine Plätze selbst und ist dabei auch nicht allzu wählerisch. So auch in Weimar, wo anlässlich des dort jährlich stattfindenden internationalen Kunstfests, die ganze Stadt bespielt wird. Zum Auftakt sogar mit einem Reenactment der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Weimar am 21. August 1919. Also vor genau 100 Jahren an genau jenem Platz, den (und die Segnungen der Demokratie) nun rechtsnational gesinnte Kräfte für sich beanspruchen.

*

Weniger politisch, dafür nicht minder enthusiastisch, geben sich die Berliner Opernkompanie Novoflot und MitstreiterInnen bei der Neuerfindung von nichts geringerem als der Gattung Oper. Die Oper #1 - Am Kreis (Für den Anfang) heißt der erste der auf drei Teile angesetzten europaweiten Musiktheater-Koproduktion, die im nächsten Jahr auch im Berliner Hebbel am Ufer zu sehen sein wird. Dabei gehen Novoflot davon aus, dass die heute praktizierte Oper nicht mehr den antiken Idealen ihres Erfinders, den sie natürlich in Claudio Monteverdi ausgemacht haben, folgt, sondern lediglich repräsentativen Zwecken. Ein nicht unbekannter Vorwurf, dem in weiten Teilen auch das postdramatische Theater folgt. Für die Oper folgt nach Novoflot daraus, mal eben die gesamte Entstehungsgeschichte der Oper umzuschreiben. Anlass sind die festgestellt 15 fehlenden Monteverdi-Werke, die nun nach ganz neuen Gesichtspunkten neu geschaffen werden sollen.

Klingt wahnsinnig theoretisch, was das ganze Unterfangen dann letztendlich auch ist. Als Einführung im Stadtraum gibt es dazu eine fast schamanische Beschwörung, bei der der Mädchenchor der Singakademie zu Berlin mit Eintänzerin Ichi Go beschwörende Formeln murmelnd und singend über den Herderplatz läuft, Bücher mit Opernpartituren herumträgt und die virtuos dröhnende Kehlkopfgesangsstimme eines weiteren Opern-Schamanen aus einer Box schallt. „Wenn alles gesagt ist, dann werden die Stimmen süß, dann kommt die Oper.“ ist das wiederholte und von Heiner Müller aus einem Gespräch mit Alexander Kluge über die japanische Oper stammende Postulat dieser kleinen Performance, die dann auch wieder vor dem E-Werk, einem aufgelassenen Straßenbahndepot, das das Nationaltheater Weimar seit ein paar Jahren als zweite Spielstätte nutzt, erklingt.



Ichi Go und der Mädchenchor der Singakademie zu Berlin bei ihrer Extra-Performance zur Performance Die Oper #1 - Am Kreis (Für den Anfang) auf dem Herderplatz in Weimar | Foto (C) Stefan Bock


Drinnen wird dann erstmal fleißig weiter theoretisiert, und ein an der Decke hängender Kugellautsprecher unterhält sich mit einem verzerrten Hintergrundrauschen aus dem Off über den Quantensprung. Performer Raphael Clamer philosophiert dazu über die Evolution der Oper ganz ohne den Einfluss von Menschen. 16 Millionen Jahre Zeit sich zu entwickeln. Eine Art Space-Oper, deren Klang man sich hier vorzustellen versucht, was allerdings zunächst noch recht sparsam umgesetzt wird. Eher wie Free-Jazz klingt das, was das 5-köpfige Mini-Opern-Orchester hier performt. Der immer wieder eingestreute Text, wenn nicht von Novoflot, stammt von Alexander Kluge aus dessen Erstem imaginären Opernführer und aus Tausend Plataeus von Gilles Deluze und Félix Guattari über die denkende und fühlende Oper, was dann doch etwas kopflastig erscheint.

Gesungen wird dann natürlich auch noch sehr schön von der Sopranistin Yuka Yanagihara, die dann auch endlich Montevedis Orfeo ins Spiel bringt. Auch Referenzen zur schon erwähnten japanischen Operntradition gibt es noch, die Tänzerin Ichi Go performen darf, bevor dann wieder der Mädchenchor auftritt. „Was wäre wenn?“ ist die große Frage des sicher recht sympathischen Abends über die Neuschreibung der Geschichte der Oper, mit dem man allerdings nie so richtig warm wird.



Die Oper #1 - Am Kreis (Für den Anfang) von und mit Novoflot | Foto (C) Falko Sievert

Stefan Bock - 25. August 2019
ID 11641
Die Oper #1 - Am Kreis (Für den Anfang) (E-Werk, 24.08.2019)
Nach Motiven aus Monteverdis Orfeo

Regie + Konzept: Sven Holm
Musikalische Leitung: Vicente Larrañaga
Dramaturgie + Konzept: Malte Ubenauf
Ausstattung: Elisa Limberg und Nina von Mechow
Produktionsleitung: Dörte Wolter
Video: Mirko Borscht
Mit: Antonis Anissegos (Klavier / Cembalo), Hayden, Chisholm (Saxophon / Gesang), Raphael Clamer (Schauspiel), Chris Dahlgren (Kontrabass / Gambe / Gesang), Rafal Dziemidok (Tanz), Ichi Go (Tanz), Eric Schaefer (Schlagzeug), Nils Wogram (Posaune), Yuka Yanagihara (Sopran) und dem Mädchenchor der Singakademie zu Berlin
Uraufführung beim Kunstfest Weimar: 23. August 2019
Weiterer Termin: 25.08.2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.kunstfest-weimar.de/


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