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Innsbrucker Festwochen der Alten Musik 2021

Telemanns

Schäferspiel



Florian Götz (als Damon) und Alois Mühlbacher (als Amyntas) in Pastorelle en musique von Georg Friedrich Telemann bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik 2021 | Foto (C) Birgit Gufler

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Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen. Offensichtlich bemessen die österreichischen Medien die Bedeutung einer kulturellen Veranstaltung an der Höhe der Subventionen. Während die Salzburger Festspiele bei jedem Huster und erst recht bei so originellen Schöpfungen wie dem Jedermann oder dem Don Giovanni die Seiten oder die Sendungen über Wochen hinweg füllen und selbst die Bregenzer Festspiele behandelt werden, als hinge von ihnen das Glück der Alpenrepublik ab, kommen die INNSBRUCKER FESTWOCHEN DER ALTEN MUSIK in den überregionalen Medien, wenn überhaupt, allenfalls als Marginalie vor. An der Qualität kann’s nicht liegen. Aber das dürfte den zuständigen Redakteuren entgangen sein. Darüber hinaus: ob sie selbst an alter wie an zeitgenössischer Musik signifikant weniger Interesse haben als an Tosca oder Rigoletto, oder ob sie sich bloß an eine Klientel anbiedern, bei der sie diese Prioritäten vermuten, das Ergebnis ist das gleiche. Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen, und der enthält gut Verdautes und wird genau deshalb großzügig von den Institutionen gefördert, die auf dem Gebiet sachkundig sind.

*

Auch die Innsbrucker Festwochen müssen, wie die ungleich reicheren Salzburger Festspiele, auf Koproduktionen zugreifen, um das Budget zu entlasten. So ist die verschollene und erst vor knapp 20 Jahren wiederentdeckte Pastorelle en musique oder Musicalisches Hirten-Spiel von Georg Philipp Telemann eine Koproduktion mit den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci, der Musica Bayreuth und den Magdeburger Telemann-Festtagen.

Wie John Dew in seiner Salzburger Inszenierung von Apollo et Hyacinthus, das der elfjährige Mozart gerade 52 Jahre nach Telemanns Pastorelle komponiert hat, entschied sich Nils Niemann für eine historisierende Aufführung. Die ist, will man sich in die Zeit des Komponisten versetzen, notwendig statisch und garantiert psychologiefrei. Darüber mögen sich jene mokieren, die auf der Bühne sehen wollen, was sie gestern in der Zeitung gelesen haben. Aber mal ehrlich: wie will man Belarus oder Afghanistan in das naive Schäferspiel packen, ohne ihm Gewalt anzutun? Ist da die Einladung, sich ins 18. Jahrhundert zu begeben, nicht redlicher? Und ist es nicht auch für Heutige lehrreich, sinnlich zu erfahren, worin sich unsere Gegenwart von der Vergangenheit unterscheidet? Im Übrigen grenzt es an Heuchelei, wenn man die puppenhafte Gestik in dieser Rekonstruktion verhöhnt und einen Tag später die Marionetten bejubelt, die neuerdings landauf landab zeitgenössische Stücke bevölkern.

So halten denn die hervorragenden Solisten und das sie umgebende sechsköpfige Vocalconsort Berlin die Häupter schräg und beschränken sich mit abgeknickter Hüfte weitgehend auf schematische Hand- und Armbewegungen in den nach historischem Vorbild gemalten gestaffelten Seitenkulissen von Johannes Ritter. In der handlungsarmen Oper vom Sehnen und Lieben stehen einem im Verschwinden begriffenen Typus, dem werbenden Kavalier, der heutzutag' riskieren würde, als übergriffig an den Pranger gestellt zu werden, selbstbewusste Frauen gegenüber, die nach Freiheit dürsten und die es also offenbar, trotz Patriarchat, auch im Barock schon gab. Sie sind nicht so unterdrückt, als dass sie den Mund nicht öffneten, um die schönsten Koloraturen hervorzubringen. Den sentimentalen Paaren Caliste (Lydia Teuscher) und Damon (Florian Götz) sowie Iris (Marie Lys) und Amyntas (Alois Mühlbacher) steht als komische Parallelfigur der verfressene Knirfix (Virgil Hartinger) gegenüber. Hinzu kommen ein tanzender Geiger und Cupido, der Caliste Blockflöte blasend im Traum erscheint.

Dorothee Oberlinger, die bewährte Spezialistin für Barockmusik, dirigiert das Ensemble 1700 präzise und erkennbar von der Musik angetan. Zu Recht. Es muss nicht immer Händel sein. Zwar liegt dem im Lauf der Jahrhunderte unterschiedlich beurteilten Telemann das Up-tempo tänzerischer Stücke mehr als das Saccharin getragener Arien, aber die Fülle an Einfällen in seiner Pastorelle kann es mit den Opern des vier Jahre jüngeren, erfolgreicheren Kollegen aufnehmen.

Gespielt wird im Großen Saal des architektonisch eindrucksvollen neuen Hauses der Musik, das das benachbarte Landestheater überragt und als Ausweis der Moderne im Foyer zu wenig und unbequeme Sitzgelegenheiten anbietet. Leider ist auch die Akustik keineswegs optimal. Der Presseplatz am äußersten rechten Rand, da, wo in anderen Sälen der Feuerwehrmann oder der Notarzt sitzt, bescherte mir ein Klangerlebnis mit Pauken und Trompeten, die die Violinen und sogar die Hörner auf der anderen Seite des Orchesters zudeckten. Die Kollegen in der Mitte der Reihe dürften eine andere Aufführung gesehen und gehört haben.



Pastorelle en musique von Georg Friedrich Telemann bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik 2021 | Foto (C) Birgit Gufler


P.S.: Wer mehr als zwei Nächte im Raum Innsbruck übernachtet, erhält eine Welcome Card, die zu einer Ermäßigung von 10 % auf Tickets für die INNSBRUCKER FESTWOCHEN DER ALTEN MUSIK berechtigt. Es empfiehlt sich also, die Tickets erst nach der Anreise zu kaufen. Im Vorverkauf ist man nicht welcome.

Thomas Rothschild - 24. August 2021
ID 13093
PASTORELLE EN MUSIQUE (Haus der Musik Innsbruck, 23.08.2021)
Musikalische Leitung: Dorothee Oberlinger
Regie: Nils Niemann
Ausstattung: Johannes Ritter
Besetzung:
Caliste ... Lydia Teuscher
Iris ... Marie Lys
Amyntas ... Alois Mühlbacher
Damon ... Florian Götz
Knirfix ... Virgil Hartinger
Ensemble 1700
Vocalconsort Berlin
Premiere bei den Musikfestspielen Postdam Sanccouci: 19. Juni 2021
Weitere Termine in Innsbruck: 25., 26.08.2021
Eine Produktion der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci in Koproduktion mit den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, Musica Bayreuth und den Magdeburger Telemann-Festtagen


Weitere Infos siehe auch: https://www.altemusik.at/


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