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METROPOLIS


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Seit einigen Jahren gelten sie als Höhepunkte von Filmfestivals: die Vorführungen „klassischer“ Stummfilme, meist in restaurierter Fassung und auf überdimensionierter Leinwand, mit der originalen oder neu komponierten Musik durch ein Orchester oder einen Pianisten. Sie leisten zweierlei. Sie rufen eine fast vergessene Kunstform in Erinnerung, rekonstruieren also eine historische Aufführungspraxis, und sie entsprechen dem aktuellen Trend zur Symbiose unterschiedlicher Künste. So war es nur eine Frage der Zeit, bis sie auch die Musikfestivals erreichen wie die Videoinstallationen gleichermaßen Museen, Filmveranstaltungen und Theater. Das Spezifische der Sparten wird zunehmend fragwürdig. Die Direktoren wollen immer auch den Löwen spielen.

*

Fritz Langs Metropolis, 1925/26 gedreht und 1927 uraufgeführt, gilt als Meilenstein nicht nur der deutschen Filmgeschichte. Zwar hat sich der Begriff „Metropolis“ als Synonym für eine aus den Fugen geratene, oft auch bedrohliche, beängstigende Megastadt verselbständigt, aber die Erinnerung an Fritz Langs Film schwingt in der Regel mit, wenn von „Metropolis“ die Rede ist.

Fritz Langs Meisterwerk bildet, wie alle Meisterwerke der Kunst, eine unauflösliche Einheit von Inhalt und Form. Es gab und gibt auch andere Filme mit ähnlicher Thematik, von denen die meisten längst vergessen sind. Wenn Metropolis aus deren Umfeld herausragt, dann liegt das vor allem an der Machart, an den visuellen Kunstmitteln, mit denen Fritz Lang das Thema auf die Leinwand gebracht hat. Wer an Metropolis denkt, erinnert sich wohl zunächst nicht an die Story, sondern an einzelne Bilder: an die Riesenscheibe mit den Zeigern und den Versuch, diese anzuhalten; an den Menschen fressenden Moloch; an die Flugzeuge zwischen den Wolkenkratzern; an die schützende Maria mit den Kindern; an die hysterische falsche Maria; überhaupt an die expressionistische Körpersprache und Mimik, die das gesprochene Wort ersetzen musste.

Es waren unter anderem Sergej Eisenstein und eben Fritz Lang, die im Film mit Massen als Akteuren experimentiert haben. Wer sich an Panzerkreuzer Potemkin erinnert, sieht jene Brücke vor sich, über welche die Massen aus Odessa zum aufgebahrten Matrosen Wakulintschuk pilgern. Wer an Metropolis zurückdenkt, sieht die anonymen Arbeiter vor sich, die in Reih und Glied zum Fahrstuhl marschieren, der sie in die Unterstadt bringt.

Das Interesse an Massen ist seit Ende des 19. Jahrhunderts und insbesondere in der Zwischenkriegszeit nicht auf den Film beschränkt. Erinnert sei an Gustave Le Bons Psychologie der Massen, an Sigmund Freuds Massenpsychologie und Ich-Analyse, an Siegfried Kracauers Das Ornament der Masse, an José Ortega y Gassets Der Aufstand der Massen, an Wilhelm Reichs Die Massenpsychologie des Faschismus, an Alfred Adlers Zur Massenpsychologie, an C.G. Jungs Wotan, an Hermann Brochs Massenwahntheorie. Auch Elias Canetti hat bereits in den 1930er Jahren an seinem Großessay Masse und Macht gearbeitet. Die Linke wie die Rechte, die Arbeiterbewegung wie nationalistische Kräfte setzten auf Massen als Opposition zum bürgerlichen Individuum des 19. Jahrhunderts. Die Erfahrungen mit dem erstarkenden Nationalsozialismus zwangen dann viele Linke, so auch Bertolt Brecht, ihre Position zu überdenken.

Der Film ist jedoch die Kunstform, die für die Inszenierung von Massenszenen am besten geeignet ist. Die Bühne hat dafür nur begrenzt Platz. Sie muss sich auf Ausschnitte beschränken. Indem das Drama auf einzelne Repräsentanten angewiesen ist, auf Stellvertreter für die Masse sozusagen, muss es auf das verzichten, was Masse ausmacht: Chaos, Unübersichtlichkeit, Unberechenbarkeit oder – ein Aspekt, der in Fritz Langs Metropolis unentbehrlich scheint – den Verlust des eigenen Gesichts.

Symmetrie lässt sich auf dem Theater herstellen: im Bühnenbild, in Arrangements des Ensembles, auch durch Spiegeleffekte. Aber wer wollte ernsthaft leugnen, dass sie dort niemals jene Wirkung entfalten kann, die sie in Fritz Langs Filmen entwickelt hat. Sie ist geradezu ein Markenzeichen seines Stils – nicht nur in Metropolis.

Fritz Langs Metropolis ist eine negative Utopie, ein Albtraum. Der Film warnt vor einer denkbaren Zukunft, und ruft zum Widerstand auf: zum Bündnis von „Hirn“ und „Händen“, vermittelt durch das „Herz“. In unserer heutigen Terminologie heißt die angebotene Lösung „Sozialpartnerschaft“. Fritz Lang und seine Drehbuchautorin Thea von Harbou, damals seine Ehefrau, plündern dafür das Repertoire der Märchen. Sie vermengen es mit zeitspezifischen Motiven wie der Großstadt und dem Neuen Menschen. Das ist historisch und aktuell zugleich. Ambivalent freilich ist die Lösung, die der Film vorschlägt, die Versöhnung zwischen dem einsichtigen Unternehmer (dem „Hirn“) und den Arbeitern (den – hirnlosen? – „Händen“) durch den Mittler, den zur Liebe bekehrten Unternehmensohn (das „Herz“). Entsprechend reduziert sich die Revolution auf zerstörerische Maschinenstürmerei.

* *

Nun also hat die 2 Stundeb 33 Minuten lange restaurierte Fassung von Metropolis Aix-en-Provence erreicht, dramaturgisch geschickt platziert in der Nachbarschaft von Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny. Der deutsche Dirigent Frank Strobel hat sich seit längerem als Spezialist für Filmmusik profiliert und schon die Aufführung von Metropolis bei der Berlinale 2010 geleitet. Er hat auch in Aix-en-Provence das Dirigat übernommen, für das ursprünglich der Leiter des Londoner Philharmonia Orchestra Es-Pekka Salonen vorgesehen war. Mit diesem Orchester steht Strobel ein idealer Klangkörper zur Verfügung. In großer Besetzung besticht es durch einen satten Klang, bei dem die Blechbläser, insbesondere die Tuba für Dramatik sorgen. In der originalen Filmmusik von Gottfried Huppertz klingen Tschaikowski, Wagner und der frühe Schostakowitsch an, für das Todesmotiv zitiert der Komponist ausführlich das gregorianische Dies irae, für die Revolution die Marseillaise, und in den sündigen Nachtklubs ertönt wie in Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny ein Charleston. Tosender Beifall. Für die Musik? Für den Film? Wohl für beides. Frank Strobel jedenfalls strahlte.



Metropolis von Fritz Lang | (C) Warner Bros.

Thomas Rothschild - 15. Juli 2019
ID 11566
PHILHARMONIA ORCHESTRA (Grand Théâtre de Provence, 14.07.2019)
Metropolis von Fritz Lang
Musik von Gottfried Huppertz (1927)
Philharmonia Orchestra
Dirigent: Frank Strobel


Weitere Infos siehe auch: https://festival-aix.com


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