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WALTRAUD

MEIER

als Waltraute in Wagners GÖTTERDÄMMERUNG


Waltraud Meier | Foto (C) Nomi Baumgartl


Die womöglich interessanteste Szene aus der viereinhalbstündigen Götterdämmerung dürfte der große Schwesterndialog (3. Szene, 1. Akt) sein: Waltraute - in der Walküre noch "nur eine unter vielen" - ermannt sich, quasi auf eigene Faust, Brünnhilde aufzusuchen. Ihr Entschluss erfolgt hinter dem Rücken des in einer anhaltenden Depression steckenden Göttervaters, der sich keinen Rat mehr weiß, wie er sein bis dahin völlig vergeigtes Machtgefüge kitten, retten oder 'rückverzaubern könnte; alles hin! Sein einstmaliger Klau des Rings des Nibelungen löste eine wahre Inflation an unvermeidbaren Desastern aus; am Schluss der fluchbelad'nen Kette steht das so von Wotan (ursprünglich noch) eingepreiste Traum-Paar Siegfried & Brünnhilde, Enkel & Tochter gleichermaßen, doch es ist höchstselbst mit diesem Fluch der Flüche (jener manifesten Ring-Gier auch als Ausdruck menschgewollter Macht- und Geldsüchte) beladen.

Waltrautes naive und höchst "menschliche" Idee ist, dass die Schwester wohl von sich aus vom vermaledeiten Ring, den sie (als Siegfrieds Liebespfand) um ihren Finger trägt, den Rheintöchtern, von denen er einstmals geklaut wurde, zurückgibt, und dann würde alles wieder gut...

Ihr Plan scheitert grandios!

Die weisheitliche Schwester (ihre Mutter: Erda) deliriert in einem beispiellosen Liebes- und auch Treuerausch; sie ahnt in diesem Augenblick freilich noch nicht, dass sie in einer knappen halben Stunde - kurz nachdem Waltraute unverrichteter Dinge wieder ihren Abflug machen würde - vom Errettergatten (der gleichsam als völlig Anderer anrückte) zwangsbegattet werden wird, ja und das Liebespfand, den Ring, wird sie dann auch noch los sein; und die Götterdämmerung will sie für sich schlussendlich auf dem Scheiterhaufen kulminieren lassen. Und Lied aus!

*

Die ungleich schwächere der beiden Schwestern gab am Sonntagnachmittag keine Geringere als Waltraud Meier. Es ist eine ihrer großen "Charakterrollen", und sie sang sie auch bereits, als sie Isolde angefangen hatte für sich zu erklimmen; Waltraute ist also - und was Meiers exemplarischen Extremfall einer beispiellosen Sängerinnenkarriere anbelangt - mitnichten in die Schublade der Neben- oder Randeffekte ihres umfangreichen Repertoires zu stecken, ganz im Gegenteil: Seit Meier sich dieser Figur sehr selbstbewusst und über alle Maßen intellektuell genähert hatte, wurde sie in einem Fort zum Haupt- und Staatsereignis, denn: In dieser Szene hätte sich (falls Wagner das gewollt hätte) das Blatt zugunsten Brünnhildes & Siegfrieds und im Umkehrschluss zugunsten Wotans, des Verursachers von allen Übeln, wenden können; doch es kam halt alles furchtbar anders, Pech gehabt.

Im Web findet sich ein Youtube-Mitschnitt, wo Waltraud Meier in besagter Rolle an der Scala vor fast 20 Jahren nachzusehen und -zuhören ist; da hat sie diesen unglaublichen und auch unverwechselbaren Sound, der sie von ihrer legendären Langzeit-Kundry (1983 bis dato!!) zur Isolde (ab Bayreuth 1993) transformierte, auch mit diesem unerklärlichen erotisiererischen Flirren in der Höhe und mit dieser sensationellen Textverständlichkeit... Vorgestern war hiervon noch immer nicht nur das Erinnerische an die "Zeit von damals" wahrnehmbar, vor allem dieses Glaubwürdige, dieses Ernstnehmbare, dieses Majestätische an sich - das hob sie schon in Größenordnungen über das grauenhafte Vibrationsgeheul ihrer Kollegin triumphal hinweg und ließ die große "Partnerin" letztendlich zur kleinmausigen Statistin abverkümmern; so kann's kommen, wenn sich Diven auf der Bühne zufälliger Weise treffen.

Ich war bloß wegen der Meier sonntags in der Staatsoper Unter den Linden, und da blieb ich auch nur bis zur ersten Pause. Prima, dass ich sie jetzt ausgerechnet noch (und live!) als Waltraute in Götterdämmerung erleben durfte!




Waltraud Meier | Foto (C) Nomi Baumgartl

Andre Sokolowski - 17. September 2019
ID 11684
GÖTTERDÄMMERUNG (Staatsoper Unter den Linden, 15.09.2019)
Vorspiel / Erster Aufzug

Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Inszenierung: Guy Cassiers
Bühnenbild: Guy Cassiers und Enrico Bagnoli
Kostüme: Tim Van Steenbergen
Licht: Enrico Bagnoli
Video: Arjen Klerkx und Kurt D'Haeseleer
Choreografie: Sidi Larbi Cherkaoui
Chor-Choreografie: Luc de Wit
Besetzung:
Siegfried ... Andreas Schager
Gunther ... Roman Trekel
Hagen ... Falk Struckmann
Brünnhilde ... Iréne Theorin
Gutrune und Dritte Norn ... Anna Samuil
Waltraute und Zweite Norn ... Waltraud Meier
Erste Norn ... Anna Lapkovskaja
TänzerInnen: Daisy Phillips, Elias Lazaridis, Laura Neyskens und Jonas Vandekerckhove
Staatskapelle Berlin
Berlin-Premiere der Götterdämmerung: 3. März 2013
Weiterer Termin: 29.09.2019
Koproduktion mit dem Teatro alla Scala di Milano in Zusammenarbeit mit dem Toneelhuis Antwerpen


Weitere Infos siehe auch: https://www.waltraud-meier.com/


http://www.andre-sokolowski.de

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