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Väterchen Franz

Zum 10. Todestag von
Franz Josef Degenhardt


Franz Josef Degenhardt (1987)
Foto (C) Günter Prust; Bildquelle: Wikipedia


Schon auf seiner ersten LP, noch lange, ehe die Studenten und auch er selbst sich radikalisiert hatten, sang er von dem Liebespaar, das sich zwischen zwei Straßenbahnen traf und sein Glück materiellen Begehrlichkeiten opferte. Es war ein schlichtes Chanson, poetisch, ganz in der französischen Tradition. Der beiläufige Vergleich der kurzen Namen mit Warenzeichen deutet mehr an, als er ausspricht. Die Kritik wendet sich gegen eine Gesellschaftsordnung, in der alles, auch der Mensch, zur Ware wird. Bald darauf entstand sein bekanntestes Lied: „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“. Noch Jahrzehnte später musste er es immer wieder singen, und das Publikum stimmte ein.

Für die Generation der Deutschen, die durch das, was man mit dem Kürzel 68 markiert, geprägt wurden, sind die Lieder von Franz Josef Degenhardt (1931-2011) ein unauslöschlicher Teil der Biographie. Manche haben ihn zusammen mit ihren Jugendidealen wegretuschiert zugunsten einer opportunistischen Anpassung, deren Mechanismen sie bereits durchschaut hatten, als sie Degenhardts Texte zitierten, die sie aber mit verblüffender Effizienz verdrängt haben, weil sie der Karriere und der Rückkehr in die Ressentiments ihrer Herkunft im Wege standen.

1968 dann schrieb Franz Josef Degenhardt, der, ein Cousin des Kardinals Degenhardt, 1931 im westfälischen Schwelm geboren wurde, das lange Rollenlied vom Senator. Er ist der Prototyp des Kapitalisten, der sich und den anderen einreden will, dass man durch Fleiß und Bescheidenheit, indem man den halben Pfennig für die Milch einspart, zum Hüttenwerkbesitzer werden kann. Ein weiteres Lied aus jener Zeit: „So sind hier die Leute“. Eine schaurige Ballade über die Hatz auf Minderheiten. Damals, 18 Jahre nach Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, mag man beim Fremden mit dem Hinkefuß noch an die Juden gedacht haben. Heute fallen einem eher Türken ein, Muslime, aber auch Obdachlose und buchstäblich Behinderte.

Man hat Degenhardt gelegentlich vorgeworfen, seine Songs seien zu geradlinig, sie würden schon die Antworten geben, ehe sie Fragen gestellt hätten. Mit diesem Vorwurf befindet sich Degenhardt in ehrenwerter Nachbarschaft, etwa zu Bertolt Brecht oder Erich Fried. Aber es stimmt ja nicht einmal. Man höre sich doch wieder den „Tango du Midi“ an, in dem Degenhardt sein eigenes Vorurteil und unseres der Kritik aussetzt. Die Pointe warnt vor allzu schlichten Klischees.

Franz Josef Degenhardt hat sich in den zweitausender Jahren aus Gesundheitsgründen aus der Öffentlichkeit weitgehend zurückgezogen. Am 14. November 2011, knapp drei Wochen vor seinem achtzigsten Geburtstag, ist er gestorben, an dem Tag, an dem die Nation entsetzt nach Zwickau blickte. Wer zu mystischen Erklärungen neigt, mag darin einen Zusammenhang sehen. Vielleicht ist er aber gar nicht so irrational. Wogegen Degenhardt ein Leben lang gekämpft hatte – es scheint stärker zu sein als er. „Hier im Innern des Landes leben sie noch.“ Wer weiß, vielleicht hat ihm die Bestätigung dieser Erkenntnis die letzte Kraft zum Leben genommen.

Nun ist Franz Josef Degenhardt schon zehn Jahre tot. Er fehlt.
Thomas Rothschild - 14. November 2021
ID 13293
Weitere Infos siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Josef_Degenhardt


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