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CD-Kritik


Wiegenlieder


Bewertung:    



Sind Sie als Kind von Ihrer Mutter oder Ihrem Vater ab und zu mal in den Schlaf gesungen worden? Selbst wenn Sie es jetzt verneinten (und ich selbst könnte mich auch jetzt nicht sofort daran erinnern, ob es mir als Kind je widerfahren wäre), würde Ihnen sicherlich sofort die Melodie und wenigstens die Anfangszeile von "Schlaf, Kindlein, schlaf" einfallen - kennt wohl jeder, oder? (Etwas später, also als ich nicht mehr ganz so klein wie vorher war, tat ich den herkömmlichen Text des allbekannten Schlafliedleins auf meine kreative Weise variieren, derart lautete er dann wie folgt: "die Mutter schert die Schaf'/ der Vater hüt' die Schweine,/ bricht sich dabei die Beine" usw.)

Höchst banal, ich weiß.

Aber jetzt ernst:



“Wiegenlieder spiegeln die Zeiten wieder, in denen sie entstanden, sie sind (Kultur-) Geschichte und so mangelt es in vielen nicht an der Sehnsucht nach Nahrung, Wärme oder dem fehlenden Vater; es mangelt nicht an der Hoffnung, dass das erwachsene Leben jenes kleinen Menschenbündels, dem vorgesungen wurde, leichter und freier sein möge als dies ihrer Sängerinnen und Sänger. Wiegenlieder sind vielleicht die demütigsten und menschlichsten Lieder, die wir haben. Sie zeigen die Fragilität derer, die singen, erzählen von ihren Freuden, ihren Ängsten und Wünschen. Während ich dies schreibe, stelle ich mir vor: wie wäre es nur, wenn die Lieder der verschiedenen Nationen keine (Lobes-) Hymnen, sondern Wiegenlieder wären? Ich bin mir sicher, wir würden dann in einer anderen, einer besseren Welt leben.” (Agnieszka Piwowarska, 2022)

*

Dieses Zitat [s.o.] diente der in Leipzig geborenen Sopranistin Ingala Fortagne als (sagen wir:) Leitmotiv zu ihrer Debüt-CD Obhut, die sie mit ihrer Musikerkollegin Pina Rücker, welche die sehr selten zu hörenden Quarzglasschalen spielt, und drei weiteren Gästen (dem Kontrabassisten Carsten Hundt, der Pianistin Nadia Belneeva und dem "nur" als Sprecher fungierenden Saxofonisten und Komponisten Hayden Chisholm) einspielte; das Kerntrüppchen mit Fortagne & Rücker nennt sich im Übrigen auch echo_von_nichts [genau in dieser vorstehenden Schreibweise].

25 Tracks hat die Scheibe - und die schlichtesten und gleichsam schönsten aller Wiegenlieder sind für mich diejenigen jiddischer Herkunft. "Schlof mayn feygele" (= "Schlaf, mein Vögelchen") oder "Dremlen feigl" (= "Die Vögel schlummern") wurden ihrer Zeit in den Ghettos, in Vilna beispielsweise, gesungen. Oder das auf Hebräisch gesungene Gebet "Ani ma‘amin" (= "Ich glaube aus tiefstem Herzen"), das, den Überlieferungen zufolge, nicht selten aus den Zügen nach Auschwitz zu hören gewesen wäre. Bei "Shlof mayn kind" (= "Schlaf, mein Kind") ließ sich die Sängerin sowohl von den Quarzglasschalen wie auch vom Kontrabass und dem Klavier dezent begleiten; bei den anderen Wiegenliedern beschränkte sie sich auf eine, maximal zwei Begleitstimme/n. Auch auf das Wundersamste schlicht und schön: das hebräisch gesungene Hohelied Salomos, "Dodi li" (= "Mein Geliebter")...



"Die Sehnsucht nach Obhut für das Kind und den Schutzraum für die Eltern vereint all diese Lieder. Wir möchten der emotionalen Care-Arbeit in all seinen Facetten, als Leistung und Notwendigkeit für die Gesellschaft, eine Stimme geben." (Ingala Fortagne)



Nadia Belneeva, Carsten Hundt, Ingala Fortagna und Pina Rücker (v.l.n.r.) | (C) Leika Kommunikation


Neben jiddischen und hebräischen sind auf der CD auch katalanische (Volks-)Wiegenlieder wie auch Wiegenlied-Kompositionen von Arvo Pärt, Tarquinio Merula, Darius Milhaud, Franz Schubert oder Giacinto Scelsi versammelt.

Zudem ergänzte Ingala Fortagna ihre Werkzusammenstellung mit den Vier Wiegenliedern einer Arbeiterfrau (1930) sowie dem Lied einer deutschen Mutter (1939) von Hanns Eisler nach Texten Bertolt Brechts; Nadia Belneeva begleitete sie da auf dem Klavier.

Kurios und originell zugleich: Hayden Chisholm zitierte John-Lennon-Texte aus bekannten Beatles-Songs, und Pina Rücker tat das alles dann mit ihren Quarzglasschalen musikalisch illustrieren.

Melancholisch, doch.


* *

Bevorstehende Obhut-Konzerte mit den Wiegenliedern der CD finden am 03.09. (in Leisnig), am 02.10. (in Dresden), am 21.10. (in Leipzig) und am 05.11. (in Wien) statt.

Andre Sokolowski - 15. August 2023
ID 14335
Obhut. Lieder
1. Berceuse (Darius Milhaud, 1925) - für Sopran und Klavier
2. "Schlof mayn feygele" (jiddisch) - für Sopran und Quarzglasschalen
3. Canzonetta spirituale sopra alla nanna (Tarquinio Merula, 1636)
4. "Let it be" (The Beatles, 1970)) - für Sprecher und Quarzglasschalen
5. "Ani ma‘amin" (hebräisches Gebet) - für Sopran und Kontrabass
6. Rozhinkes mit mandlen (Abraham Goldfaden, 1880) - für Sopran und Quarzglasschalen
7. Flugwesen (Pina Bettina Rücker, 2020) - für Quarzglasschalen
8. "Dodi li", Hohelied Salomos (hebräisch) - für Sopran, Kontrabass und Quarzglasschalen
9. "Dremlen feigl" (Leah Rudnitzi, Ghetto Vilna 1943) - für Sopran und Kontrabass
10. "Mother" (The Beatles, 1970) - für Sprecher und Quarzglasschalen
11.-13. Vier Wiegenlieder einer Arbeiterfrau (Hanns Eisler/Bertolt Brecht, 1930) - für Sopran und Klavier
14. Lied einer deutschen Mutter (Eisler/Brecht, 1939) - für Sopran und Klavier
15. "Mother" (The Beatles, 1970) - für Sprecher und Quarzglasschalen
16. "Oj khodyt’ son kolo vikon" (ukraninisch) - für Sopran und Kontrabass
17. "La mare de Déu" (katalanisch) - für Sopran, Quarzglasschalen und Kontrabass
18. "Pater Noster" (Giacinto Scelsi, 1972) - für Sopran solo
19. Vom Mitleiden Mariä (Franz Schubert/Friedrich Schlegel, 1831) - für Sopran und Klavier
20. "Eg er framand" (norwegisch) - für Sopran, Kontrabass und Quarzglasschalen
21. Weihnachtliches Wiegenlied (Arvo Pärt, 2002) - für Sopran und Klavier
22. "Lady Madonna" (The Beatles, 1968) - für Sprecher und Quarzglasschalen
23. "Numi" (Joel Engel/Yechiel Heilpern) - für Sopran und Kontrabass
24. "Shlof mayn kind" (jiddisch) - für Sopan, Quarzglasschalen, Kontrabass und Klavier
25. "Ave Maria" (Scelsi, 1972) - für Sopran solo
Ensemble "echo_von_nichts":
Ingala Fortagne, Sopran
Pina Rücker, Quarzglasschalen
sowie (als Gäste):
Nadia Belneeva, Klavier
Carsten Hundt, Kontrabass
Hayden Chisholm, Sprechstimme
(C) & (P) 2023 Incipit Novum Records, INNO-06


Weitere Infos siehe auch: http://ingala-fortagne.com/echo_von_nichts/


https://www.andre-sokolowski.de

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