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CD-Kritik

Klavierstücke vom jungen und vom reifen Beethoven



Bewertung:    



Die in Burgund aufgewachsene französische Pianistin Paloma Kouider hatte im Oktober 2020 relativ "unbekannte" frühe und späte Werke Ludwig van Beethovens (im Salle Debussy à Joigny) eingespielt - diese Aufnahmen sind jetzt erst vom BY Classique Label veröffentlicht worden, und man kann sie dortselbst unter dem Titel Ludwig versus Beethoven ordern [s. HP unten].

Relativ "unbekannt" deshalb, weil besagte Stücke oder Stückesammlungen nicht unbedingt zum gängigen Klavier-Kanon Beethovens gehören; zwei von ihnen wurden quasi im Nachhinein in das Beethoven'sche WoO (= Werke ohne Opuszahl) aufgenommen; also:



"Gerade mal elf Jahre war Beethoven alt, als 1782 im Verlag von Johann Michael Götz in Mannheim seine Neun Variationen für Klavier über einen Marsch von Ernst Christoph Dressler erschienen. Entstanden waren die Variationen des Knaben im Unterricht bei seinem Lehrer Christian Gottlob Neefe, der das Werk auch in Druck gegeben hatte. Variationen, deren Bau und Prinzip gehörten zur Standardausbildung eines Musikers und Virtuosen im 18. Jahrhundert. So ist es kaum verwunderlich, dass auch Beethovens erstes veröffentlichtes Werk dem allgemeinen Lehrkanon entsprang - schließlich wurde er, wie sein Vater und Großvater zuvor, für die musikalische Laufbahn erzogen. Sein Vater wollte ihn gar zum Wunderkind machen." (Quelle: beethoven.de)


Ich staune nicht schlecht, was ein Elfjähriger aus einer mehr oder weniger belanglosen Marsch-Vorlage mit seinen neun Variationen hierauf so alles fabulieren konnte. Nach und nach nimmt jenes sechs- bis siebenminütige Stückchen Fahrt auf, und die spitzfindige Virtuosität, die unser Jung-Ludwig (sich selbst in Neefes Pianistenschule eine Zeitlang noch vervollkommnend) den Ausführenden seines Werks in Auftrag gab, fordert die Pianisten ziemlich 'raus.

Das zweite "Werk ohne Opuszahl", welches der vorliegenden Einspielung zugrunde liegt, umfasst die sogenannten Kurfürstensonaten - konkret: Drei Sonaten für Klavier (Es-Dur, f-Moll, D-Dur) WoO 47:



"Die Sonaten sind dem Kurfürsten von Köln, Erzbischof Maximilian Friedrich gewidmet und von Beethoven im Alter von 'eilf' Jahren 'verfertigt' worden, wie wir dem Titelblatt entnehmen können (dabei ist anzumerken, dass Beethovens Familie von einem Geburtsjahr 1772 ausging und ihn mithin für zwei Jahre jünger hielt als er tatsächlich war). Das Entstehungsjahr fällt in eine Blütezeit der kurfürstlichen Hofkapelle, zu deren Mitgliedern der junge Beethoven familiär bedingt (sein Vater und sein Großvater waren Musiker bei Hofe) auch zählte. Zudem war Beethoven ab 1782 Vertreter seines Lehrers Christian Gottlob Neefe als Organist von St. Remigius. Stilistisch sind die Sonaten noch von dem beeinflusst, was Beethoven in der Hofkapelle (und zu Hause) zu Ohren kam: der sogenannte Mannheimer Schule." (Quelle: dto.)


Auch das [s.o.] eine Entdeckung, unbedingt.

Allbekannt dürfte hingegen Ludwigs kompositorisches Kleinod "Die Wut über den verlorenen Groschen" sein. Das ist ein pianistisch schier herausforderndes Rondo in einem sich geradezu überstürzenden Tempo - Paloma Kouider benötigt nur 5 Minuten und 50 Sekunden hierfür - und bereitet immer wieder Lust und Laune, wenn man es, gelegentlich als Zugabe bei Klavierabenden, hört. Beethoven hatte es mit 24 geschrieben; der Untertitel stammt übrigens nicht von ihm, sondern seinem damaligen Verleger Diabelli - korrekt ist es mit Rondo a capriccio für Klavier (G-Dur) op. 129 gezeichnet.

Am markantesten und auch gewichtigsten nimmt sich auf der Kouider-CD (vor und nach besagter "Wut über den verlorenen Groschen" postiert) die Gegenüberstellung der zwei Bagatellen-Sammlungen, welche Beethoven 1800/1822 bzw. 1823-1824 komponierte, aus; und aufhorchend dürfte zudem auch ihre Vorgeschichte sein:

Beethoven mangelte es Zeit seines Lebens an Geld und Vermögen, er verschuldete sich ohne Unterlass und immer wieder; beispielsweise waren Vorleistungen oder Vorkassen (ehe einige seiner Werke in Druck gehen konnten) fällig, und nicht immer reichten seine Gagen oder Einnahmen aus Konzerten mit seinen Werken aus, um überfällige Rückerstattungen leisten zu können. So türmten sich seine Schulden nicht unerheblich auf, und auch innerhalb seiner Familie stand er immer wieder in der Kreide.

So kam es, dass sein eigener Bruder Johann ihm die Bagatellen (welche Beethoven später als Elf Bagatellen für Klavier op. 119 veröffentlichen ließ) abluchsen wollte, quasi unentgeltlich und mit allen dazugehörigen Eigentumsrechten. Der so Bedrängte hatte allerdings vorgesorgt und sie bereits bei einem Verlag unterbringen können, und prompt befand er sich, wenn man so sagen will, in der Bredouille; irgendwie musste er zusehen, wie er seinen Bruder, bei dem er hochverschuldet war, entschädigte. Also komponierte er flugs einen neuen Zyklus von gleichartigen Stücken (Sechs Bagatellen für Klavier op.126), ...



"...den er im Frühjahr 1824 verfasste und am 19. Juni 1824 seinem Bruder als zur Abholung bereit ankündigte" (Quelle: dto.)


Und diese beiden Bagatelle-Zyklen sind dann auch, schon wegen des Vergleichs beim Hören, das zentrale Highlight dieses aufschlussreichen und daher auch programmatischen Albums Ludwig versus Beethoven.

Die Pianistin spielt auf einem Steinway D-Flügel, der hell und "hoch" klingt. Ihre Anschlagstechnik hat etwas Chirurgisches, nichts wirkt dahingewischt geschweige dass es unpräzise wäre. Alles, was durch ihre Interpretation vermittelt wird, lässt sich im Nachhinein sortieren. Sowieso bin ich von ihrer Virtuosität entwaffnend eingenommen und total verblüfft.





Paloma Kouider| Foto (C) Histoire


"Paloma Kouider, aufgewachsen in Burgund, entdeckte früh ihre Leidenschaft für das Klavierspiel. Ihre Ausbildung führte sie von Paris über Florenz bis Wien. Nach Kammermusikerfahrungen gründete sie das Trio Karénine. Paloma hat mit renommierten Musikern und Ensembles zusammengearbeitet und ist seit dem Erfolg beim Münchner Wettbewerb 2013 auf internationalen Bühnen präsent. Sie teilt die Bühne mit herausragenden Künstlern und engagiert sich in zeitgenössischer Musik, inspiriert von Claude Helffer. Als Widmungsträgerin und Preisträgerin hat sie bereits mehrere Aufnahmen veröffentlicht, die von Kritikern hochgelobt wurden." (Quelle: Leika Kommunikation)
Andre Sokolowski - 15. März 2024
ID 14659
Ludwig versus Beethoven (CD)
Ludwig van Beethoven: Neun Variationen über einen Marsch von Ernst Christoph Dressler für Klavier (c-Moll) WoO 63
- Elf Bagatellen für Klavier op. 119
- Die Wut über den verlorenen Groschen, Rondo und Capriccio (G-Dur) op. 129
- Drei Sonaten für Klavier (Es-Dur, f-Moll, D-Dur) WoO 47
- Sechs Bagatellen für Klavier op. 126
Paloma Kouider, Klavier
(C) BY Classique Label 2023


BY Classique-Link zur CD Ludwig versus Beethoven


https://www.andre-sokolowski.de

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