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CD-Kritik

Tränenreich



Bewertung:    



Der Musikwissenschaftler Bernhard Schrammek, der einen lesenswerten und v.a. leicht verdaulichen Einführungstext zum Booklet der CD Age of Passion beisteuerte, vermerkte, dass es im Elisabethanischen Zeitalter einen gewissen "Hang zur musikalisierten Melancholie" gegeben haben muss. Selbigen ("Hang") wollte und konnte seiner Zeit der 1563 in London geborene Lautenspieler und Komponist John Dowland bedienen, und obwohl ihn seine Königin an ihrem Hof mitnichten einzustellen willens war, was höchstwahrscheinlich auch daran gelegen haben könnte, dass Dowland mehr die katholische als die anglikanische Glaubensrichtung präferierte; schließlich aber wandte sich das Blatt zugunsten Dowlands, weil ihn König Jakob I. (der Nachfolger von Königin Elisabeth) letztendlich doch als königlichen Lautenisten engagieren tat.

Zu Dowlands Hauptwerken zählen sicherlich die sieben Variationen über das Thema der Lachrimae Pavane (ursprünglich eine Komposition für Laute solo):


"Dowland nutzt als durchgehenden musikalischen Gedanken das traditionelle 'Lachrimæ'-Motiv. Es besteht aus einer charakteristisch absteigenden Vierton-Melodie im phrygischen Modus und wurde bereits von anderen Komponisten als Zeichen der Trauer genutzt. Mit überaus wirkungsvollen Variationen über dieses Motiv stellt Dowland unterschiedliche Formen der Tränen vor, darunter 'Alte Tränen', 'Seufzende Tränen', 'Erzwungene Tränen' oder auch 'Tränen eines Liebhabers'. Um nicht missverstanden zu werden, fühlte sich Dowland im Vorwort zu einer kurzen Erklärung veranlasst: 'Obwohl der Titel Tränen verheißt, also ungebetene Gäste in diesen freudigen Zeiten, so ist es doch offensichtlich, dass die Musik angenehme Tränen weint. Gewähren Sie diesen Wellen der Harmonie Ihre Unterstützung, denn wenn Sie sie missbilligen, werden sie in echte Tränen verwandelt.' - Dowlands 'Lachrimæ'-Pavanen als Synonym für musikalische Melancholie sind zu seinem unverwechselbaren Markenzeichen geworden, gleichsam zur Signatur seiner künstlerischen Individualität." (Bernhard Schrammek)


Die Gambistin Juliane Laake hat sich dieser siebenfachen "Träne" (= Lachrimae) angenommen und sie mit ihrem ENSEMBLE ART D'ECHO - bestehend aus den Gambistinnen Irene Klein, Júlia Vető, Heike Johanna Lindner und ihr selbst, dem Kontrabassisten Christian Heim sowie dem Lautenisten Magnus Andersson - eingespielt und das Pavanen-Septett mit fünf argentinischen Tangos von Piazzolla, Di Matteo, Donato und Gardel, die allesamt 300 Jahre später entstanden, auf das Kühnste unterwandert; der geniale Lothar Hensel musiziert die "Beigaben" auf seinem Bandoneón.

Zudem ist er (Hensel) an der Ur-Einspielung von fall from your spring (dt.: "fallen aus deiner Quelle") des in den USA lebenden und arbeitenden Komponisten Reiko Fütting mitbeteiligt. Diese elfeinhalbminütige Komposition ist Track Nr. 6 und bildet daher den konzeptionellen Mittelpunkt dieser bemerkenswerten Neuaufnahme:


"Das Stück ersetzt die vierte 'Lachrimæ'-Pavane von John Dowland und stellt mit der Besetzung Gambenconsort, Laute und Bandoneon eine Brücke zwischen den melancholischen Gambenwerken des Elisabethanischen Zeitalters und der leidenschaftlichen Tangomusik her. Ein wichtiges stilistisches Mittel für Füting ist das Zitat aus historischen Kompositionen – hier das 'Lachrimæ'-Motiv –, das er als Ausgangspunkt für seine zeitgenössische Reflexion verwendet." (dto.)


Anfangs vermeint der Hörer keinen großen Unterschied zu Dowlands Lachrimae Coactae (= "erzwungene Träne") bemerken zu können. Sobald sich allerdings dieser vom Bandonéon (oder der Diskantgambe?) erzeugte tinnitushafte Begleitton in das Tutti mischt, weiß er, dass nunmehr ausufernde klangliche Veränderungen oder Überraschungen abfolgen. Zirka zwei Minuten vor dem Stückschluss setzt der Komponist eine vernehmliche Zäsur, um nach der kurzen Stille sowas wie Naturstimmungen aufkommen zu lassen, die als Atemholen unheimlicher Bergriesen, die (wieder mit dem schon gewohnten Tinnitus im Ohr) der Lautenmelodie erlegen sind, assoziierbar scheinen. Ja und alles "nur noch" sphärisch und ganz wunderbar und traumhaft schön.

*

Age of Passion hinterlässt verschiedenste Eindrücke:

Man könnte die CD, so wie sie in der Reihenfolge der 12 Tracks gewollt war, hintereinanderweg anhören - zum anderen könnte man sich erst die sieben Dowland-Pavanen, dann den Fütting und am Schluss die Tangos vornehmen.

Egal, wie man es machte, jedesmal - die Auswahl und die Reihenfolge stimmt.

Grandiose Mischung.



Die Gambistin Juliane Laake | Foto (C) Elisa Meyer


"Juliane Laake studierte Viola da Gamba an der Hochschule für Künste Bremen sowie am Königlichen Konservatorium von Den Haag. Etliche Meisterkurse bei internationalen Kapazitäten vervollständigten ihre Ausbildung. Die Stipendiatin des Deutschen Musikrates und Preisträgerin des Internationalen Telemannwettbewerbs Magdeburg hat sich inzwischen beim Leipziger Bachfest und zahlreichen anderen renommierten Festivals für Alte Musik empfohlen: Sie konzertierte unter anderem in Utrecht, Kopenhagen, Stockholm, Zürich, Tel Aviv und Sydney, arbeitet regelmäßig mit Ensembles wie der Lautten Compagney, Weser-Renaissance, dem Ensemble Polyharmonique und der Akademie für Alte Musik Berlin sowie mit renommierten Solisten wie Hille Perl und Dorothee Mields und mit so hervorragenden Dirigenten wie Hans-Christoph Rademann und Pablo Heras-Casado zusammen. Juliane Laakes umfangreiche Diskographie zeugt von diesen Kooperationen.

In ihren persönlichen Konzertprogrammen und CD-Produktionen widmet sich Juliane Laake in Begleitung ihres Ensembles Art d’Echo mit Hingabe der Gambenliteratur in all ihren Facetten, vornehmlich der seltener zu hörenden. Zahlreiche von der Presse hochgelobte Weltersteinspielungen belegen ihre anspruchsvolle Forschungsarbeit sowie ihr höchst virtuoses anrührendes Gambenspiel.

Ihre CDs wurden mehrfach für den Preis der deutschen Schallplattenkritik, den International Classical Music Award (ICMA) sowie für den OPUS Klassik nominiert."


(Quelle: julianelake.de)

Andre Sokolowski - 9. Februar 2022
ID 13449
Age of Passion
Lachrimæ-Tango For Viols & Bandoneon


- John Dowland: Lachrimae Antiquae
aus Lachrimæ, or Seven Teares (1604)
- Astor Piazzólla: Con el cielo en las manos
- Dowland: Lachrimae Antiquae Novae
- Luis Di Matteo: Por dentro de mi
- Dowland: Lachrimae Gementes
- Reiko Füting: fall from your spring
Komposition für Gambenconsort, Laute und Bandoneon (2020, Ersteinspielung)
- Dowland: Lachrimae Coactae
- Osvaldo Donato: La tapera
arr. Fabian Dobler/Lothar Hensel
- Dowland: Lachrimae Amantis
- Carlos Gardel: Mi Buenos Aires querido
arr. Fabian Dobler/Lothar Hensel
- Dowland: Lachrimae Verae
- Piazzólla: Oblivion
arr. Fabian Dobler/Lothar Hensel

Ensemble Art d'Echo
Juliane Laake, Diskantgambe und künstlerische Leitung
Irene Klein und Júlia Vető, Tenorgambe
Heike Johanna Lindner, Bassgambe
Christian Heim, Kontrabass
Magnus Andersson, Laute

Lothar Hensel, Bandoneon

(P) + (C) RAUMKLANG 2021 | RK 4101


https://www.julianelaake.de/

http://www.lothar-hensel.de/


https://www.andre-sokolowski.de

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