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nachDRUCK # 5

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Premierenkritik

Verrat unter

dem Eindruck

des Regenbogens



Munja Viktoria Meier als Maria Magdalena in Jesus Christ Superstar am Theater Bonn | Foto © Max Borchardt

Bewertung:    



Die Bonner Einheitsbühne setzt auf Purismus und rückt ein einziges Element in den Fokus: ein zentrales Wasserbecken. Inmitten dieser Fluten bewegen sich die Figuren tänzerisch dynamisch in fließenden, synchronen Formationen (Choreografie: Sabine Arthold). Das Wasser bildet auch den Rahmen für einen anfänglich harmonischen Taufritus. Über dem Becken hat Ausstatter Dirk Hofacker eine überdimensionale, bewegliche Wippenkonstruktion installiert, die als wandelbarer Steg fungiert und das Aufsteigen sowie das Absinken der Charaktere dramatisch symbolisiert.

Farbenfrohe, hippie-artige Kostüme der Jünger betonen zu Beginn die lebensfrohe Leichtigkeit in den helleren Momenten der Gemeinschaft. Jesus und seine Anhänger tragen Regenbogenarmbänder, die symbolisch für die Gleichheit, Verbundenheit und tiefe Zugehörigkeit innerhalb der Gruppe stehen. Als eingeschworene Gemeinschaft teilen sie die gleichen Ideale, bevor dieses gemeinsame Band durch Zweifel, Neid und Eifersucht dramatische Risse bekommt.

Choreografisch wechselt das Ensemble später zu eckigen, stampfenden Impulsen, welche die wachsende Aggression der Gruppe körperlich spürbar machen. Die Kipppunkte gehen vom anfangs harmonischen, schwebenden Gemeinschaftsgefühl während des „Hosanna“ über zu einem brutal rhythmisierten, zerstörerischen Massenwahn im gellenden „Kreuzige ihn!“. Die Partitur verlangt den Akteuren Kontraste von intimer Folk-Stimmführung bis hin zu schreiend schräger Rock-Phrasierung ab.

Oliver Edward porträtiert den Titelhelden früh als zweifelnden, erschöpften Menschen, der mit seinem Schicksal hadert und von der Eigendynamik seiner Bewegung überfordert ist. Nuancenreich meistert der österreichische Tenor mit Wucht und Verve das Lied „Gethsemane“, ein anfangs leises und intimes, später dramatisch emotionales Gebet im gleichnamigen Garten, in dem seine Figur Gott anklagt. Edward wandelt virtuos zwischen den Lagen bei dieser stimmlich wohl anspruchsvollsten Rock-Ballade des Werks.

Mit gesanglicher und darstellerischer Wucht agiert auch Countertenor Joël Zupan in der Rolle des Judas, ein dramatischer Motor des Stücks. Zupan zeichnet Judas als tragische Figur, die aus nachvollziehbaren Gründen die Gemeinschaft vor einer Katastrophe retten will, gleichzeitig aber von einer Mischung aus Stolz, Rücksichtslosigkeit und Angst getrieben scheint. Seine oftmals angeraute, kraftvolle und aggressive Stimme kontrastiert mit derjenigen des Titelhelden. Unter der Oberfläche brodelt Energie, wenn seine Sichtweise ein Misstrauen gegenüber Autoritäten und blindem Glauben widerspiegelt. Gegen Ende lässt er stimmlich in hoher Lage aufhorchen, wenn er als angeschossene Figur aufgrund des zunehmenden emotionalen Drucks vollends aus dem Gleichgewicht und in tiefe Zerrüttung gerät.

Munja Viktoria Meier sorgt als Maria Magdalena mit famoser Dispositionskraft in der eher maskulinen und lauten Rockoper für zärtliche Momente von Sinnlichkeit, Empathie und Erdung. Als emotionaler Anker singt die Mezzosopranistin mit sanftem, kontrolliertem Vibrato das beruhigende „Alles wird gut sein“, das trotz der unruhigen Zeiten Jesus und seinen Anhängern einen Moment des Friedens schenkt. Auch bei „Wie soll ich ihn nur lieben“ berührt ihre Figur, wenn sie von ihrer inneren Verwirrung erzählt und ihre Liebe zu Jesus ausdrückt.

Den exzentrischsten Auftritt hat Christoph Apfelbeck als König Herodes, der in einer Szene gegen Ende eine schillernde, campy Drag-Shownummer im silbrig funkelnden Paillettenkleid darbietet. Die extravagante Darbietung der Crossdressing-Diva voller Gravitas und Exaltiertheit dient als augenzwinkernd schriller, satirischer Gegenpol zur düster aufgeladenen Tragik der Passionsgeschichte. Bereits zuvor überraschte die Figur des Präfekten des römischen Kaisers, wenn diese mit dramatischem Bariton von einer düsteren Vorahnung über das Schicksal Jesu und die Schuld der Menschen singt.

*

Andrew Lloyd Webber & Tim Rice veröffentlichten ihren Jesus Christ Superstar 1970 zuerst als Konzeptalbum, da sie nicht solvent genug für eine Bühnenproduktion waren. Die Platte wurde zum erfolgreichsten Album des Jahres 1971 in den USA. Die Hippie- und Jugendkultur der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre war ein Katalysator für den weltweiten Erfolg. Die Bewegung war geprägt von der Frage nach Sinn, Starkult und der Manipulation durch Medien, angestachelt durch Phänomene wie die Beatles.

Rice schrieb die Texte aus einer völlig neuen Perspektive: Um 1970 entstand innerhalb der Hippie-Bewegung die sogenannte „Jesus Revolution“ (auch Jesus-People genannt). Junge Menschen, die von Drogen und der Konsumgesellschaft desillusioniert waren, wandten sich dem Christentum zu. Allerdings lehnten sie die traditionelle, steife Kirche ab. Während es für die ältere Generation ein Sakrileg war, die Passionsgeschichte mit E-Gitarren, Synthesizern und verzerrten Rock-Stimmen zu untermalen, war es für die Jugend ein Beweis, dass Religion relevant und modern sein konnte.

Die Originalinszenierung von 1971 brachte es am Broadway trotz heftiger Proteste religiöser Gruppen auf 720 Aufführungen. Das Stück hat nach über 50 Jahren nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Am THEATER BONN riss Erik Petersens kurzweilige Produktion das Premierenpublikum förmlich von den Sitzen. Das packende Fundament für den Abend legte eine live spielende Rockband mit Keyboards, Schlagzeug und Bläsern unter der Leitung von Jürgen Grimm. Die Inszenierung macht eindringlich spürbar, wie schnell blinder Fanatismus, Eifersucht und Gruppendruck in eine kollektive Katastrophe führen können.



Jesus Christ Superstar am Theater Bonn | Foto © Max Borchardt

Ansgar Skoda - 5. November 2026
ID 16133
JESUS CHRIST SUPERSTAR (Oper Bonn, 31.10.2026)
Regie: Erik Petersen
Ausstattung: Dirk Hofacker
Mitarbeit Kostüm: Nury Stefanie Willig
Licht: Boris Kahnert
Choreografie: Sabine Arthold
Einstudierung Kinder- und Jugendchor: Ekaterina Klewitz
Besetzung:
Jesus von Nazareth ... Oliver Edward
Judas Iskariot ... Joël Zupan
Maria Magdalena ... Munja Viktoria Meier
Pontius Pilatus / Herodes ... Christoph Apfelbeck
Kajaphas ... Martin Tzonev
Hannas ... Romeo Salazar
Petrus ... Babak Malekzadeh
Simon Zelotes ... Maickel Leijenhorst
Priester / Apostel ... Anthony Curtis Kirby
Soul Girls ... Martina Vinazza, Clarissa Anyamele und Lina Sbaita
Soulgirl / Ensemble / Cover Maria ... Meltem Ürküt
Ensemble/Jünger/Soulboys … Pascal Schürken, Iman Khaleghi und Tobias Brönner
Premiere am Theater Bonn: 31. Oktober 2026
Weitere Termine: 20., 27.11./ 05., 18.12.2026// 01., 28.01./ 05., 07., 26.02./ 05., 06., 07., 29.03./ 13., 21., 29.06./ 06., 08., 16., 17.07.2027


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de


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